19. JANUAR 2018

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Dortmunder Union


Kompetenzzentrum - Eine Zeit lang war der Himmel über Dortmund dunkel. Jetzt scheint die Sonne, denn der ehemalige Montanstandort gilt nun als logistisches Leistungszentrum. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bilden hier eine erfolgreiche Union. Von Sabine Vogel

In Fachkreisen wird der ehemalige Montanstandort heute als eines der renommiertesten Logistikkompetenzzentren Deutschlands gehandelt. Entscheidend sind üppige Forschungslandschaften sowie die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft. Aber auch die multimodale Verkehrsanbindung und ein rühriges Clustermanagement spielen eine wesentliche Rolle.

Eine Zeit lang war der Himmel über Dortmund dunkel. Heute strahlt die Sonne, auch über Phoenix. Bis 2001 noch wurde auf dem ehemaligen Hüttenwerksgelände Stahl gekocht. Schon in naher Zukunft aber soll entlang der alten Hochofenstraße auf 200 Hektar Entwicklungsfläche ein Zukunfts- und Schwerpunktstandort für Mikro- und Informationstechnologie entstehen. Auch in der Zeche Zollern II/IV haben sich die Zeiten geändert. Als Industriedenkmal beherbergt sie heute das Museum der Sozial- und Kulturgeschichte des Ruhrbergbaus. Befreit vom Kohlenstaub, gewähren auch andere Einrichtungen Einblick in die Industriegeschichte. Und das mit Erfolg, der Reviertourismus findet zunehmend Freunde. Dabei existiert das Revier eigentlich nur noch in den Köpfen seiner Besucher.

Die Räder rollen schneller denn je
Längst hat Dortmund eine neue Dynamik entwickelt. Wird in Dortmund keine Kohle mehr gefördert, so rollen doch Räder, was das Zeug hält. Bei Tag und bei Nacht, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. In kurzer Zeit sind völlig neue Wirtschaftsstrukturen und mit ihnen eine neue Dienstleistungskultur entstanden. Die größten Potenziale finden sich in den Zukunftsbranchen Software, Mikrosystemtechnik und Logistik. Nach offiziellen Angaben sind bereits heute mehr als 24.000 Menschen im Dortmunder Logistik-Cluster beschäftigt, einem Mix aus Großunternehmen und Mittelstand, aber auch aus kleinen Software-Schmieden und IT-Werkstätten. Nimmt man die wissenschaftlichen Einrichtungen und die vielen Warenverteilzentren hinzu, verwundert es nicht, dass Dortmund längst als eines der bedeutenden Logistikzentren gilt.
Hinter dem Wandel Dortmunds von der Montanmetropole zur Logistikstadt steckt ? charakteristisch für das zupackende westfälische Naturell ? eine gehörige Portion Wille, Mut und Pragmatismus. Aber der Erfolg spricht für sich. Wer sich heute in Dortmund umsieht, ist nicht nur von sattem Grün überrascht, sondern auch von der nicht zu übersehende Präsenz logistischer Marken. Wie Pilze scheinen Verteilzentren namhafter Global Player aus dem Boden zu schießen. Sie siedeln meist auf revitalisierten Industriebrachen, den Überbleibseln von Dortmunds montanindustrieller Phase. Charakteristisch für diese innenstadtnahen Areale sind eigene Schienenanschlüsse. Meist liegen sie an einem Kanal und stets in Autobahnnähe. Im besten Fall besitzen sie sogar einen eigenen Hafen. Eine Betriebserlaubnis rund um die Uhr gehört hier traditionell zum guten Ton. Ein Ton, der niemanden im nahen Umfeld stört.

Eindrucksvolle Kulisse
Fürst Hardenberg, ein stolzer alter Name und heute das Güterverteilzentrum (GVZ) am Hardenberghafen, wartet schon aus der Ferne mit seiner eindrucksvollen Kulisse auf. In direkter Nachbarschaft zu Harry Brot und dem verbliebenen Malakoffturm der einstigen Zeche, betreibt die ETL Fiege Tire Logistics GmbH auf 42.000 Quadratmetern (Erweiterungsoption inbegriffen) ein hoch automatisiertes Mega-Center für die Reifenlogistik. Gleich nebenan gibt auch DHL ein weithin sichtbares Bekenntnis zum Standort Dortmund ab. 2003 hat der Postlogistiker für den US-Konzern Johnson & Johnson auf 19.500 Quadratmetern hier ein Logistikzentrum eröffnet, das der Distribution von Konsumgütern in die Benelux-Staaten dient.

Für Logistiker und deren Ansprüche ist Dortmund ein ausgezeichnetes Pflaster. Davon ist auch Oliver Schwabe, Area Manager Exel Supply Chain bei der DHL Logistics GmbH, überzeugt: «Alle Verkehrsträger sind am Standort vorhanden. Der Markt von neun Millionen Endverbrauchern innerhalb eines Radius von 150 Kilometern ist einzigartig in Europa.«

Auch IKEA hält große Stücke auf den Standort Dortmund
Hinter Fiege, etwas weiter nordöstlich auf der früheren Bergehalde in Ellinghausen, erhebt sich beinahe majestätisch ein gigantischer Hallenkomplex. Hier ist IKEA ansässig. Peter Nölle, Deutschland-Geschäftsführer der IKEA Lager und Service GmbH, begründet die Standortwahl: »Wegen der verfügbaren Fläche und der guten Verkehrsanbindung ist Dortmund für uns der attraktivste Distributionsstandort.« Seit 2003 betreibt IKEA in Ellinghausen auf einer Fläche von 27 Hektar das Customer Distribution Center. Es verfügt über einen eigenen Gleisanschluss und verschafft 450 Menschen Arbeit. Aber damit nicht genug. Der schwedische Möbelriese baut seine Logistikdrehscheibe in Dortmund mächtig aus. Anfang 2007 soll das neue Europalager auf einer Gesamtfläche von 140.000 Quadratmetern seinen Betrieb aufnehmen. Etwa 135 Millionen Euro sollen in die Maßnahme fließen, die am Standort Dortmund 200 weitere Arbeitsplätze schaffen soll.

Noch brachliegende Freiflächen in der Westfalenmetropole sind bis auf Restareale ausgebucht. Das sei leicht zu erklären, meint Thorsten Hülsmann, Projektleiter Logistik bei der Wirtschaftsförderung Dortmund: »Das Logistikpotenzial hier ist riesig. Die erschlossenen Logistikflächen befinden sich in der Regel in unmittelbarer Stadtnähe und profitieren von einer Infrastruktur, die sämtliche Verkehrsträger einschließt. Das ist ein großes Plus. Die Anbindung an das weitläufige Autobahn- und Schienennetz, der Dortmund Airport 21 mit seinem Cargo-Terminal und nicht zu vergessen der größte Kanalhafen Europas mit dem Container-Terminal, all das sind unschätzbare Vorteile, die in dieser Form nur wenige Standorte in Europa bieten«, meint der Wirtschaftsgeograph Hülsmann. Hinzu komme, dass sich der Standort Dortmund seit der EU-Osterweiterung als Schnittstelle der zentraleuropäischen Verkehrsachsen profiliere.

Als ein weiterer Vorteil Dortmunds erweist sich das große Potenzial von Arbeitskräften aller Qualifizierungsstufen. Für den Weg zur Arbeit steht ihnen ein engmaschiges Netz aus öffentlichen Verkehrsmitteln zur Verfügung. Im Gegensatz zu Lager- und Verteilzentren, die sich außerhalb der Stadtgebiete befänden und keine derartige Anbindung hätten, sei der öffentliche Nahverkehr ein weiteres Plus auf Dortmunds Haben-Seite, meint Logistik-Projektleiter Thorsten Hülsmann.

Auch die Rhenus AG & Co. KG ist in Dortmund vertreten. Zu den Kunden des 125.000 Quadratmeter umfassenden Logistikzentrums zählen der Buchhändler Thalia und der Büroartikelanbieter Staples. Insgesamt arbeiten im Logistikzentrum Dortmund (LZD) 330 Voll- und Teilzeitbeschäftigte. »Der Standort ist für die nationale und internationale Distribution bestens geeignet. Von hier aus können wir die von unseren Kunden geforderten Lieferfristen - meist 24 oder 48 Stunden - zuverlässig einhalten«, erklärt Thomas Westphal, Unternehmenssprecher der Rhenus-Gruppe.

Jede Menge Betrieb auch im Multi-User-Ersatzteillogistikzentrum von Panopa Logistik. Hier sind die Mitarbeiter auf einer Lagerfläche von 40.000 Quadratmetern tätig ? 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Der Komplex verfügt über einen eigenen Gleisanschluss und befindet sich in direkter Autobahn- und Flughafennähe. Von hier aus wird unter anderem die weltweite Ersatzteilversorgung für den traditionsreichen Dortmunder Baggerbauer Terex/O& sichergestellt.

Auch die Intralogistiker sind da
Neben Key-Playern aus Logistik und Handel wie Lidl & Schwarz/Kaufland, Tedi Logistik, Schenker, Dachser oder Rewe finden sich in Dortmund auch zahlreiche Anbieter aus dem Sektor der Intralogistik, Swisslog zum Beispiel und Jungheinrich, Crown und Vanderlande, Gilgen und proLogistik. Auch die Salomon Automation GmbH, deutsche Tochter der Salomon-Gruppe mit Sitz in Friesach bei Graz, setzt auf Dortmund.
»Entscheidungskriterien für die Anfang 2002 gegründete Niederlassung waren die verkehrsgünstige Lage und die ortsansässige Logistikszene, inklusive namhafter Wettbewerber und der Universität Dortmund«, schildert Friedrich Kanduth, Geschäftsführer der Salomon Automation GmbH Deutschland, die Gründe für den Gang nach Dortmund und ergänzt: »Wir haben die Standortwahl nicht bereut und werden in Kürze die Zahl unserer dortigen Mitarbeiter von 13 auf 30 erhöhen.« Zur personellen Erweiterung gehört auch, das Management um einen weiteren Geschäftsführer zu verstärken. Neben Friedrich Kanduth wird Eric Gastel neuer Geschäftsführer der Salomon Automation GmbH Deutschland. Von Dortmund aus verantwortet er die Abwicklung logistischer Gesamtlösungen.

Auch im Dortmunder Technologiepark (TZDO) in unmittelbarer Nähe der Universität und des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) fühlen sich Angehörige der Logistikbranche bestens aufgehoben. Für Planer und Berater ist diese Region ein kleines Dorado. Von entscheidender Bedeutung seien hier die hohe Qualifikation des Logistikernachwuchses und die Einbindung in umfassende Netzwerke, meint Wolfgang Seifert, Geschäftsführer von Integral Logistics.

Große Stücke auf die Vorteile Dortmunds hält auch die Crown Gabelstapler GmbH & Co. KG. Nach 15 Jahren Standorttreue hat das Unternehmen jüngst in einen Neubau investiert.

Hilfsbereitschaft und hoch qualifizierte Mitarbeiter
Gerd Erke, Geschäftsführer Vertrieb von Crown in München, erklärt die Investition im ehemaligen Revier so: »Wir haben uns für eine exponierte Erste-Reihe-Lage und damit wieder für Dortmund entschieden.« Das habe infrastrukturelle Gründe. Aber auch die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Mitarbeiter sowie die Nähe zum Fraunhofer-Institut IML und zum Fachbereich Logistik der Universität Dortmund spielten eine entscheidende Rolle. Erke schätzt zudem westfälische Hilfsbereitschaft und Flexibilität sowie die kurzen Wege. »Wir standen unter Zeitdruck. Aber schneller geht es wohl kaum. Zwischen ersten Gesprächen mit dem Dortmunder Bauunternehmen Derwald und der Baugenehmigung lagen nur sechs Wochen.«
Jungheinrich mit Stammsitz in Hamburg ist bereits seit 1973 in Dortmund präsent und beschäftigt dort derzeit 150 Mitarbeiter. Michael Weigand, Leiter des Vertriebszentrums Dortmund von Jungheinrich, zeigt sich zufrieden. Und das nicht nur wegen der Nähe zum Kunden. Der Standort, so Weigand, habe auch andere Vorteile. »Dortmund hat einen kompletten Strukturwandel hin zu innovativen Branchen wie Logistikdienstleistungen und der IT hinter sich. Die Region konnte sich dabei mit ihrer zentralen Lage mitten in Europa und der hervorragenden Infrastruktur als wichtiger Logistikstandort in Deutschland etablieren. Für die Zukunft erwarten wir, dass Dortmund im Bereich Logistik überdurchschnittlich wachsen wird. Das liegt unter anderem an diversen Aktivitäten von Stadt, Region und Land sowie an weiteren Förderungen der Europäischen Union. Hinzu kommt ein vielfältiges Ausbildungsangebot, von der gewerblichen Berufsausbildung bis hin zu Logistikstudiengängen.«
Der Handelsriese Kaufland beliefert aus dem GVZ Feineisenstraße seit dem Jahr 2000 rund 100 Märkte in einem Umkreis von 300 Kilometern und beschäftigt dort 450 Mitarbeiter. 350 Lkw-Bewegungen pro Tag finden in diesem ehemaligen Teil der Westfalenhütte statt.

Mix aus Tradition und Fortschritt
Vis-à-vis von Kaufland findet sich die Schenker Stinnes Logistik. Und an diese Fläche schließt sich der Industriestandort der Thyssen Krupp Stahl AG an (Division Automotive) sowie das Betriebsgelände der traditionsreichen Dortmunder Eisenbahn, heute ein Unternehmen der Connex Cargo Logistics GmbH. Deren Hauptgeschäft ist der schienengebundene Transport von Rohstoffen für die Stahlerzeugung, von Stahlfertigprodukten, Kohle und Containern.


Der Flughafen
Fracht spielt eine wichtige Rolle
Auch der Flughafen spielt in der logistischen Infrastruktur Dortmunds eine wichtige Rolle. Der schnelle und zuverlässige Umschlag von Gütern macht das Cargo-Center des Airports zu einer attraktiven Adresse für zahlreiche Firmen. Angelieferte Produkte und Waren werden hier zu größeren Chargen zusammengestellt und per Lkw zu den großen Cargo-Airports transportiert. Dazu arbeiten der Cargo-Service der Flughafen Dortmund GmbH, Luftfrachtspediteure und Fluggesellschaften eng zusammen.

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