20. APRIL 2018

zurück

kommentieren drucken  

Gute Zeiten für schlechtes Reden


Markt

Meinung - Läuft nicht wirklich gut für viele Firmen in diesen Tagen, keine Frage. An Optimismus aber mangelt es den Unternehmen trotzdem nicht. Gehör allerdings finden oft nur die Schwarzseher. von Michael Weilacher

Könnte schlimmer stehen um unser Land. Jedenfalls, wenn man eine Maßnahme von Wulf Bernotat als Maßstab heranzieht. Der Vorstandschef von Eon schraubte die Prognose nach unten und erwartet jetzt für 2010 nur noch 11 statt 12,4 Milliarden Euro Gewinn. Grund: In der Rezession braucht die Industrie weniger Energie, und die Preise für Strom und Gas geben deutlich nach. Wie Bernotats Energiekonzern geht’s in diesen Tagen den meisten: Die Geschäfte gehen schlechter. Ist deswegen alles schlecht? Bei immer noch 11 Milliarden Gewinn (im Falle von Eon) wohl kaum. An Schlechtrednern allerdings besteht kein Mangel. Da sind zum Beispiel jene, denen der Kapitalismus schon immer ein Dorn im Auge war und nun – ein paar haben ja einschlägige Erfahrung – am liebsten wieder zur sozialistischen Planwirtschaft zurückkehren würden. Oder jene, die Produkte hergestellt haben, die der Markt auch vor der Krise nicht mochte, ihr persönliches Versagen aber nun der wirtschaftlichen Schlechtwetterlage anlasten. Klar ist: Die Zeiten waren schon mal besser. Und die kranke Konjunktur braucht länger zur Genesung als erwartet. Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI): »Ich rechne damit, dass die jetzige Krise noch zwei oder sogar drei Jahre andauert.« Man müsse die Überbrückungszeit bedenken, bis die Konjunktur wieder richtig in Fahrt komme. Peter Kazander, Leiter der Logistikmesse Logimat in Stuttgart, hat diese Fahrt längst aufgenommen. Zwar leugnet auch der agile Messemacher nicht, dass die Wirtschaft eine schwierige Phase bewältigen muss. Anders als seine Kollegen von der Schwarzmaler-Fraktion aber plädiert Kazander ganz offen für Optimismus: »Gerade jetzt brauchen wir positives Denken.« Der Mann hat Recht. Wer vom Scheitern seiner Bemühungen ausgeht, wird sich kaum Ziele setzen. Ziele aber sind nötig, damit es wieder vorangeht mit der Wirtschaft.
Messemann Kazander hat ein ganz wesentliches Ziel gerade in diesen Tagen erreicht: die erfolgreichste Logimat seit Bestehen dieser Messe. Mit 716 Ausstellern, 16.400 Fachbesuchern und einer Ausstellungsfläche von 52.000 Quadratmetern verzeichnete die Logimat zweistellige Zuwachsraten. Klar, von derlei Zuwächsen können die allermeisten Logimat-Aussteller derzeit nur träumen. Optimismus aber ist dennoch zu spüren. Tenor vieler Messeteilnehmer: »Ja, die Zeiten sind nicht rosig, aber nach der Durststrecke wird es auch wieder bergauf gehen.« Davon ist auch Christian Baerwolff, Marketingleiter des Intralogistik-Spezialisten Still aus Hamburg, fest überzeugt.

Botschaft mit Biss

Christian Baerwolff lässt an seiner Einstellung keinen Zweifel aufkommen: »Bei allen Unsicherheiten, denen wir uns gegenübersehen – eines ist sicher: Es wird wieder aufwärts gehen.« Um zu unterstreichen, wie ernst sein Unternehmen Baerwolffs Botschaft nimmt, bringt Still in größerer Stückzahl Schokoladentafeln unters Volk, die mit einer eindeutigen Botschaft versehen sind: »Still sagt ja zur Zukunft – Initiative gegen Schwarzmalerei und Pessimismus.«
Mit Schwarzmalerei und Pessimismus kann auch der in seinen Prognosen durchaus vorsichtige Schwabe Christoph Hahn-Woernle nichts anfangen: »Die Intralogistik-Branche ist in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich zehn Prozent pro Jahr gewachsen. Dass es hier nach einer der größten und am längsten anhaltenden Boom-Phasen zu einem Abbruch kommt, ist für alle schmerzhaft, darf uns aber nicht verwundern«, sagt Hahn-Woernle, als Chef von Viastore Systems nicht nur Unternehmer, sondern darüber hinaus auch Sprecher des Forums Intralogistik im VDMA. Keine Frage, Hahn-Woernle beschönigt nichts, wendet sich aber entschieden gegen »typisch deutsche Schwarzmalerei«. Man möchte ihm Recht geben. Immerhin: Der Umsatz deutscher Intralogistik-Anbieter ist 2008 gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent von 17,8 auf 19,4 Milliarden Euro gestiegen. »2008 war damit ein sehr gutes Jahr für die deutsche Intralogistik-Branche«,sagt Hahn-Woernle.Fürdas laufende Jahr allerdings gestaltet sich die Umsatzprognose nicht mehr so positiv. Der VDMA geht von einem Umsatzrückgang von acht Prozent auf 17,9 Milliarden Euro aus. Und Christoph Hahn-Woernle räumt ein: »Wenn wir die Auftragseingangszahlen der letzten drei Monate von 2008 anschauen, erscheint diese Prognose noch optimistisch«.
Besonders gebeutelt von den Verwerfungen in der Weltwirtschaft scheinen die Staplerbauer zu sein. Das Haus Jungheinrich beispielsweise, hinter Weltmarktführer Toyota und der Kion-Group (Linde, Still, OM, Baoli) weltweit die Nummer 3 der Gabelstaplerproduzenten, setzte im Jahr 2008 mit 2,145 Milliarden Euro Umsatz noch eine neue Rekordmarke. Doch schon im Januar 2009 verkündete Vertriebsvorstand Dr. Helmut Limberg düstere Wahrheiten. Der Weltmarkt für Flurförderzeuge, so der Jungheinrich-Manager, sei seit Mitte 2008 regelrecht abgestürzt: »Eine Situation, die wir so alle noch nicht erlebt haben. Alle großen Zielmärkte verzeichnen ein negatives Wachstum.« Als da wären: Europa, minus 9 Prozent; Asien, minus 3 Prozent; Nordamerika, minus 17 Prozent. Kumuliert und auf die ganze Welt bezogen sieht Jungheinrich einen Rückgang des Marktes für Flurförderzeuge in Höhe von 8 Prozent. Zahlen, die so oder so ähnlich von den maßgeblichen Konkurrenten Jungheinrichs bestätigt werden. Demotivieren jedoch lässt sich niemand.
Die Kion-Group beispielsweise bereitet sich beharrlich auf die guten Zeiten nach den weniger guten Zeiten vor. Konzernkommunikator Michael Hauger: »Wir setzen alles daran, die Zahl der Mitarbeiter nicht zu verringern. Denn wenn es wieder bergauf geht, brauchen wir unsere bewährten und qualifizierten Fachkräfte. Vor diesem Hintergrund haben wir sogar noch einmal zusätzlich in Weiterbildungsmaßnahmen investiert.«
Auch Matthias Fischer, Geschäftsführer von Toyota Material Handling Deutschland, spürt die Auswirkungen der schwachen Wirtschaft auf das Geschäft mit Gabelstaplern und Lagertechnikgeräten. Doch genau wie seine Kollegen sieht auch Fischer die Lage differenziert: »Wir verfügen glücklicherweise über ein stabilisierendes Servicegeschäft und sind damit nicht nur vom Neugeschäft und von der Produktion abhängig. Durch den rückläufigen Markt und die damit verbundenen, zurückgehenden Auftragseingänge erfolgen aber auch Anpassungen in der Produktion. Außerdem sind bei uns sämtliche Sachkostenpositionen auf dem Prüfstand. Weiterhin haben wir den Markt sehr genau im Blick und beobachten, wann und ob er wieder anziehen wird. Allerdings ist es momentan noch sehr schwierig, eine Prognose zu wagen. Wir müssen einfach die Entwicklungen der nächsten Monate abwarten.«
Das will man auch bei Jungheinrich, gibt sich aber durchaus optimistisch. Vertriebsvorstand Dr. Helmut Limberg: »Jungheinrich ist so gut aufgestellt wie keiner seiner Wettbewerber – mit einer starken Mannschaft und mit marktgerechten Produkten. Wir werden die Krise meistern.« Eine Aussage, die Mut macht. Und Mut ist ein Schlüsselwort in Zeiten der Krise. Das weiß auch Eugen Egetenmeir, Geschäftsführungsmitglied der Messe München, die vom 12. bis zum 15. Mai mit der »transport logistic 2009« die Leitmesse der Branche veranstaltet.

Positive Signale aus München

Mit 1.600 Unternehmen aus 55 Ländern ist die Zahl der Aussteller schon jetzt höher als bei der vorangegangenen »transport logistic«. Messe-Manager Eugen Egetenmeir: »Dieses Ergebnis sollte der Branche Mut machen. Es ist ein positives Signal, dass trotz konjunkturellen Abschwungs Unternehmen Flagge zeigen und ihre Geschäftstätigkeit auf der weltweit größten Messe für Transport und Logistik ankurbeln wollen.«
Damit das Ankurbeln Wirkung zeigt, brauchen die Unternehmen aber nicht nur Mut und den Willen zum Erfolg, sondern auch die Unterstützung des Staates. Und siehe da: Anders als noch vor gar nicht langer Zeit kennen Regierungen rund um den Globus die Bedeutung der Logistik. Das gilt auch für Deutschland. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee: »Die Transport- und Logistikunternehmen sind und bleiben das Rückgrat unserer Wirtschaft.« Und weiter: »Deutschland ist in der Logistik Weltspitze. Das werden wir in Zukunft noch stärker in der Welt bekannt machen.« Auch dies Worte, die Mut machen in einer Zeit, die nicht gut ist aber deutlich besser als ihr Ruf.

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere Fachartikel in unserem Artikelarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Aktuelle Ausgaben

Weltmarkt Flurförderzeuge

logistik journal: Weltmarkt Flurförderzeuge 2016

Video der Woche

 

ANZEIGE