21. APRIL 2018

zurück

kommentieren drucken  

Logistik nach Maß


Anwendungen Dematic schafft Platz im Distributionszentrum von Ferdinand Gross: Das innovative Multishuttle-System sorgt für perfekte Lagerlogistik. Zum ersten Mal wurden zwei Shuttle-Varianten in einem Lager kombiniert.
von Kathrin Warncke

Wenn Christian Lühr über sein letztes Großprojekt spricht, klingt das nach einem chirurgischen Eingriff. »Es war eine Operation am offenen Herzen«, so resümiert der Logistikleiter bei Ferdinand Gross. Der Patient: das Distributionszentrum von Ferdinand Gross in Leinfelden-Echterdingen. Das Familienunternehmen Ferdinand Gross liefert Verbindungstechnik für Kunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Als Zulieferer verfügt es über ein Sortiment, das von Verbindungselementen über Werkzeuge bis zu Sonderanfertigungen und kundenspezifischen Teilen reicht. Das Unternehmen besteht bereits seit 1864 und erwirtschaftete 2008 einen Umsatz von 70 Millionen Euro. 300 Mitarbeiter bewältigen täglich rund 7.000 Auftragszeilen und verwalten ein Artikelspektrum von 107.000 Artikeln. Ferdinand Gross offeriert seinen Kunden eine Lieferbereitschaft von 98 Prozent bei 1.000 Paketen Warenausgang pro Tag. Diese Umstände stellen besondere Anforderungen an die Logistik des Zulieferers.
»Wir wollten noch schneller werden und zusätzlichen Service bieten«, sagte Thomas Erb, Vertriebs-und Marketingleiter bei Ferdinand Gross, zur Präsentation des neuen Lagerzentrums. Gemeinsam mit Dematic, dem führenden Anbieter für Logistikautomatisierung, entwickelte das Unternehmen eine neue Lagerlösung. Die Anforderungen an die neue Versandlogistik waren klar vorgegeben: Die Lagerkapazität musste erweitert, Auftragsdurchlaufzeiten verkürzt, Prozesse verschlankt und die Anzahl der Sendungen pro Kunde reduziert werden. Auch der spätestmögliche Auftragseingang sollte zeitlich auf den Nachmittag verschoben und der Auftragsstatus sowie die Artikelverfügbarkeit transparenter werden.

Innovative Shuttle-Lösung
Aus diesen Vorgaben entwickelt Dr. Volker Jungbluth, Leiter Consulting bei Dematic, ein neues Distributionskonzept. Das Kernstück der Anlage: Das Multishuttle-System von Dematic, das als Ware-zum-Mann-System eine wesentlich höhere Effizienz gewährleistet. Jungbluth entwickelte 2001 das Multishuttle-System am Fraunhofer-Institut und hält die Patente auf das innovative Lagerkonzept. In dieser speziellen Lösung wurden weltweit erstmalig zwei Shuttle-Varianten (»Captive« und »Roaming«) miteinander kombiniert. Das Roaming-System dient zur Bevorratung der am stärksten nachgefragten Artikel. Gegenüber Lösungen mit AKL-Regalbediengeräten lässt sich so die Verfügbarkeit und Flexibilität erhöhen. Im Roaming-Bereich kommen 20 Shuttles zum Einsatz, die 55.000 Stellplätze mit einem Durchsatz von 450 Doppelspielen pro Stunde bedienen. Ein Shuttle pro Gasse erreicht mittels Lift jede einzelne Ebene und fährt auf der Schiene zum Lagerplatz.

Bereitstellung durch Behälter-Lifte
Der Captive-Bereich dient zur auftragsbezogenen Bereitstellung der Artikel aus dem Roaming-Bereich, dem Fachbodenlager oder kommissionsbezogenem Nachschub. Jede Ebene einer Gasse ist mit eigenem Shuttle ausgerüstet. Das Fahrzeug zieht Behälter aus den Plätzen und befördert sie zum Gassenende. Den Transport der Behälter aufwärts und abwärts übernehmen Lifte am Gassenende.
Sie übergeben die Ware an die Fördertechnik zum Kommissionierplatz. Diese Lösung ermöglicht die Andienung von Waren in Sequenzen zum auftragsgerechten Kommissionieren. Im Captive-Bereich sind zwölf Shuttles im Einsatz, bedient werden 5.000 Stellplätze bei 500 Doppelspielen pro Stunde. Eine weitere Premiere in der neuen Lagerlösung: Erstmals gibt es eine vierfachtiefe Lagerung kleiner Behälter (300 mm x 400 mm).

Verkürzte Durchlaufzeiten
Vor allem Kanban-Kunden profitieren von dem neuen System: Die Auftragsdurchlaufzeit verkürzt sich enorm – von durchschnittlich einer Woche auf gerade mal einen Tag. Zudem verringert sich die Zahl der Fahrten zum Kunden, da zur Befüllung nicht mehr die ursprünglich verwendete leere Kiste benötigt wird, sondern beliebige Kisten vor dem Befüllen neu etikettiert werden. Der Rücktransport leerer Kisten kann dadurch gebündelt erfolgen. Ein Effekt, der sich auch auf die Umwelt positiv auswirkt und Transportkosten drastisch senkt, da es sich damit nicht mehr um teures Termingut handelt.

Neben einer signifikanten Verkürzung der Auftragsdurchlaufzeiten in der Versandlogistik von bis zu 3,5 Stunden auf nur noch 30 bis 60 Minuten (je nach Anzahl der Positionen) konnte der späteste Auftragseingang von 12 auf 15 Uhr geschoben werden. Für den Kunden bedeutet dies mehr Flexibilität und Service. Alle fälligen Aufträge werden im System zu einem vom Kunden definierten Liefertermin zu einer einzigen Sendung gebündelt. Durch die spätere Auftragseinlastung ist ein besseres Zusammenfassen einzelner Aufträge möglich, sodass die Anzahl der Packstücke reduziert werden kann.
Eine weitere, besondere Lösung prägt das neue Lagerzentrum: "Obwohl keine dynamische Kommissionierung ausgeschrieben war, wurde sie letztendlich ausgewählt," berichtet Dr. Volker Jungbluth von Dematic. Die dynamische Kommissionierung sorgt dafür, dass jeweils ein Mitarbeiter den Auftrag komplett bearbeitet. Außerdem ermöglicht die vollständige Entkoppelung der Packplätze Unabhängigkeit bezüglich schwankender Auftragsgrößen und -arten. Auf diese Weise kann die Qualität der Auftragsbearbeitung besser überwacht und optimiert werden.

60.000 zusätzliche Lagerplätze
Weitere Vorteile für Ferdinand Gross liegen in der Erweiterung der Lagerkapazität um 60.000 Plätze. Außerdem erweist sich die manuelle Zugänglichkeit zu allen Lagerplätzen im Multi-Shuttle sowie der minimale Personalbedarf als vorteilhaft. Auch gegen Auftragsschwankungen ist das Unternehmen mit dem Multishuttle-Konzept gerüstet: Gehen vermehrt Aufträge ein, so kann die Captive-Gasse nachträglich erweitert werden, auch Anlagen-Erweiterungen im bestehenden Hallentrakt sind jederzeit möglich. Die Anlage ist daher unempfindlich für Artikelwachstum. Freie Erweiterungsflächen außerhalb bestehender Hallen konnten auf diese Weise unangetastet bleiben.

Neues Fundament für das Lager
Logistikleiter Christian Lühr erinnert sich noch genau an die Abläufe im Lager vor dem Umbau: »Bei Ferdinand Gross wurde zuvor im Zentrallager manuell kommissioniert. Dementsprechend lag auch die Fehlerquote höher als heute.«
Insgesamt dauerte der Umbau des Logistikzentrums etwa ein Jahr. Zu diesem Zweck musste innerhalb kürzester Zeit eine Geschossdecke des Lagers entfernt und das Fundament grundlegend erneuert werden. Während des Umbaus wurde weiterhin im Lager manuell kommissioniert, um den Anforderungen der Kunden gerecht zu werden.

Die Strapazen durch den Umbau zahlen sich für Ferdinand Gross aus: Die Ausfallsicherheit des Systems und die Energieeffizienz spielen finanziell eine wichtige Rolle. »Die Redundanz ist bemerkenswert. Wenn eines der Shuttles kaputt ist, arbeiten 149 Shuttles problemlos weiter«, so Volker Jungbluth. »Da ist ein großer Unterschied zum AKL. Bei einem ähnlichen Ausfall stehen dort 20 Prozent der Anlage still und verursachen hohe finanzielle Schäden.« Außerdem wiegen die Shuttles nur einen Bruchteil eines normalen Regalbediengerätes: Ein Shuttle wiegt rund 90 Kilogramm. Im Vergleich zu den eineinhalb Tonnen eines üblichen AKL-Gerätes im Lager ein entscheidender Vorteil.
Dies schafft eine höhere Energieeffizienz für die Lagerprozesse. Das Distributionslager soll sich auch in Zukunft noch weiterentwickeln: »Derzeit haben wir Testläufe, um noch besser auf Auftragsschwankungen reagieren zu können. Außerdem sind zusätzlich vereinzelt Erweiterungen im IT-Bereich geplant«, berichtet Christian Lühr. Der Captive-Bereich lässt sich außerdem um eine zweite Gasse erweitern, um das prognostizierte Auftragswachstum bis 2015 in einer 8-Stunden-Schicht abarbeiten zu können. Mit einem Invest von acht Millionen Euro hat sich Ferdinand Gross dieser Herausforderung angenommen. Geschäftsführer Gerald Hering benennt den ROI mit 6 bis 7 Prozent.

Sieben Shuttle-Systeme in Betrieb
Das Logistikkonzept von Dematic spricht für Erfolg. Schon heute sind 16 Multishuttle-Systeme an Unternehmen verkauft, sieben davon bereits in Betrieb. »Es hat ein Marktwandel stattgefunden«, so Volker Jungbluth. »Noch vor fünf Jahren hatten verschiedene Anbieter von Logistiklösungen gleiche Produkte. Mittlerweile haben die Firmen durch die Recherchen Erfahrungen gesammelt. Heute gibt es keine Ausschreibungen, sondern es werden individuelle Lösungen engagiert.« Dr. Volker Jungbluth ist auch für zukünftige Entwicklungen optimistisch gestimmt: »Wir haben ein global aufgestelltes Team, das die Trends in der Logistikbranche beobachtet. Das betrifft das Artikelwachstum, die Kommissionierung, Auftragsgrößen, Handhabungstechniken und auch dynamische Kommissionierung. Damit versuchen wir immer global auf dem aktuellen Stand zu sein.

www.dematic.de
www.schrauben-gross.de

Ausgabe:
lj 04/2009
Unternehmen:
Bilder:

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere Fachartikel in unserem Artikelarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Aktuelle Ausgaben

Weltmarkt Flurförderzeuge

logistik journal: Weltmarkt Flurförderzeuge 2016

Video der Woche

 

ANZEIGE