18. JANUAR 2018

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Atex und die Folgen


Was bei Energieführungsketten zu beachten ist

Produzenten elektrischer Geräte für den explosiven Bereich dürften die seit 2003 geltenden Vorschriften für die Konstruktion und den Einsatz von Betriebsmitteln für explosionsgefährdete Bereiche kennen. Herstellern von nicht-elektrischen Produkten dagegen, für welche die neue Atex-Richtlinie ebenfalls gilt, ist das Thema Explosionsschutz vergleichsweise neu. Dipl.-Ing. Helmut Jostmeier, Produktmanager bei Murrplastik Systemtechnik in Oppenweiler, schildert anhand von Energieführungsketten, was alles zu beachten ist.

Die europäische Explosionsschutzverordnung mit der Bezeichnung Atex 94/9/EG besagt, daß Geräte und Komponenten, die „zur Erzeugung, Übertragung, Speicherung, Messung, Regelung und Umwandlung von Energien und zur Verarbeitung von Werkstoffen verwendet werden und eigene potentielle Zündquellen aufweisen“, bewertet und richtig gekennzeichnet werden müssen. In Kraft getreten ist die europaweit gültige Atex-Richtlinie (ATEX = Atmosphéres Explosibles) als nationale EN 13463 am 1. Juli 2003. Der Richtlinie zufolge müssen auch nicht-elektrische Geräte - also auch Energieführungsketten - für den Ex-Bereich zugelassen sein. Die Richtlinie gilt sogar dann, wenn sie nicht im explosionsgefährdeten Bereich installiert werden, aber für den sicheren Betrieb der Anlage erforderlich sind. Die Folge ist, daß sich die Hersteller fragen müssen, wie diese Anforderungen zu erfüllen sind. Ebenso werden sich die Anwender Gedanken machen, wo sie den neuen Vorschriften entsprechende Geräte beschaffen können. Betroffen von der neuen Situation ist nicht nur der europäische Binnenmarkt. Gefordert sind auch sämtliche Lieferanten, die nach Europa liefern wollen. Denn Geräte, die hierher eingeführt werden sollen, müssen den geltenden Richtlinien entsprechen. Die Schweiz setzte mit der Verordnung über Geräte und Schutzsysteme zur Verwendung in explosionsgefährdeten Bereichen (VGSEB vom 2.3.1998) die Atex in nationales Recht um. Die USA übernahmen in der 96er Ausgabe des NEC (National Electrical Code) in Artikel 505 für Class 1 die Anforderungen für die Zonen 0, 1 und 2. Parallel dazu enthält der Artikel 500 des NEC das bereits bestehende Class and Division-System. Das alles zeigt, daß der EU-Markt ein erstrebenswerter und ernst zu nehmender Markt ist, auch und vor allem dank der Atex.

Hohe Beanspruchbarkeit
Murrplastik hat sich frühzeitig um die Zulassung im Sinne der neuen Richtlinie gekümmert. Wir können zwar die Reibung technischer Bauteile untereinander, die für das Phänomen der statischen Elektrizität und deren Entladung verantwortlich ist, nicht verhindern. Aber wir haben durch die Wahl des geeigneten Werkstoffs dafür gesorgt, daß die statische Elektrizität möglichst gar nicht erst entsteht. Ein solcher Werkstoff braucht einen ausreichenden Ableitwiderstand, einen ausreichenden Volumenwiderstand und eine nur sehr geringe Fähigkeit der elektrischen Aufladung.

Ableitfähige Energieführungsketten gibt es schon länger auf dem Markt. Allerdings hatten alle Ketten eines gemeinsam: Sie wurden aus PA mit einem hohen Anteil an Kohlefasern hergestellt. Auch Murrplastik stellte bisher so die ableitfähigen Energieführungsketten her. Aber dieses Verfahren macht die daraus hergestellten Produkte sehr teuer. Das heute von uns eingesetzte Material hebt sich deutlich davon ab. Der Grundwerkstoff ist modifiziertes, kristallines PA. Die farbliche Hervorhebung, auf die noch eingegangen wird, rührt durch die Beimischung von Metallpulver her. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist der Anteil von Kohlefasern. Dabei handelt es sich allerdings nur um einen Bruchteil dessen, was sonst verwendet wurde. Beide Zusatzstoffe sorgen für die geforderten Eigenschaften und stehen für sehr geringes Gewicht bei extrem hoher Beanspruchbarkeit.

Neues Material
Durch Mehrfachverbindungen der kristallinen Materialstruktur entsteht ein Material mit sehr hoher Abriebfestigkeit. Dadurch ist es hervorragend in der Reinraum-Technik einzusetzen. In Kombination mit der Eigenschaft, sich statisch nicht aufladen zu können, ist ein bisher nicht dagewesenes Material für diesen sensiblen Fertigungsbereich entstanden. Lückenlos nachweisen können wir diese Qualität durch die sogenannte EG-Konformitätserklärung in Verbindung mit der kontrollierten Fertigung nach ISO 9001.

Der Weg zur Zulassung war zugegebenermaßen steinig. Aber wir hatten uns vor Augen geführt, daß Geräte ohne CE-Kennzeichnung durch Einzelabnahmen von Sachverständigen abgenommen werden müssen. Dieses Verfahren ist noch zeitaufwendiger, nervenaufreibender und unter Umständen wesentlich teurer. Ein weiteres wichtiges Argument kommt hinzu: Bei zertifizierten Teilen mit CE-Kennzeichnung geht im Schadensfall eine Haftung automatisch auf den Hersteller über. Bei Energieführungsketten von Murrplastik ist der Kunde damit auf der sicheren Seite.

Tests im Prüflabor
Zunächst geht es bei der Zertifizierung um die erforderlichen Materialeigenschaften.
* Oberflächenwiderstand: Feste Stoffe, deren Oberflächenwiderstand mehr als 104 und weniger als 109 Ohm beträgt, sind ableitfähig.
* Volumenwiderstand: Feste und flüssige Stoffe, deren spezifischer Widerstand nicht mehr als 104 Ohm beträgt, sind leitend.
* Elektrostatische Aufladfähigkeit: Ist der Oberflächenwiderstand gemäß dem Normklima kleiner oder gleich 109 Ohm, sind gefährliche Aufladungen nicht zu erwarten.

Ein unabhängiges Schweizer Prüflabor ermittelte durch Tests, daß das von Murrplastik eingesetzte Material die genannten drei Forderungen nicht nur erfüllt, sondern weit übertrifft.

Des weiteren wurden Energieführungsketten, die aus dem oben genannten Material gefertigt wurden, in Zusammenarbeit mit einem zertifizierungsfähigen Institut, dem DMT in Essen, und in Übereinstimmung mit der Atex-Richtlinie 94/9/EG bzw. DIN EN 13463-1 überprüft und das positive Ergebnis dokumentiert.

Genaue Kennzeichnung
Aber all diese Maßnahmen reichen nicht aus, um die EG-Konformitätserklärung, die ja die freie Vermarktung in Europa erst möglich macht, zu erhalten. Jede Energieführungskette muß vergleichsweise aufwendig gekennzeichnet sein, und zwar mit folgenden Angaben auf einem Typenschild:
* Hersteller mit kompletter Anschrift
* Typenbezeichnung
* Produktionstermin
* Klassifizierung gem. Atex-Richtlinie

Doch selbst eine genau nach Vorschrift gekennzeichnete Kette kann zur Gefahrenquelle werden. Dann nämlich, wenn zum Beispiel beim Austausch einzelner Glieder Verwechslungen auftreten und nicht leitende Bauteile eingesetzt werden (die einzelnen Bauteile müssen nicht gekennzeichnet sein). Um solche Verwechslungen zu vermeiden, hat Murrplastik sich zu einer weit über die Vorgaben hinausgehenden Maßnahme entschlossen und alle Komponenten wie Energieführungsketten, Einbau- und Zubehörteile gemäß der Richtlinie hellgrau statt bisher schwarz eingefärbt.

Jeder Lieferung - auch das ist vorgeschrieben - muß eine technische Bedienungsanleitung und die EG-Konformitätserklärung beiliegen. Zusammen mit dem DMT hat Murrplastik eine Bedienungsanleitung entwickelt, in der sämtliche Auflagen und Einsatzbereiche detailliert beschrieben sind. Auf der Innenseite des Rückumschlags ist die EG-Konformitätserklärung abgebildet.

Erst wenn alle genannten Kriterien erfüllt sind, kann ein Lieferant von sich sagen, daß er zugelassene Energieführungsketten gemäß der Atex-Richtlinie bzw. der Europa-Norm liefern kann, die keine zusätzliche Abnahme durch einen Sachverständigen benötigen. In der Konformitätserklärung muß das CE-Zeichen explizit ín der Kennzeichnung enthalten sein (CE Ex II 2GD).

Ausgabe:
lj 02/01/2004
Unternehmen:
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