In der Welt der Küchengeräte gibt es kaum ein Produkt, das einen vergleichbaren Kultstatus genießt wie der Thermomix von Vorwerk. Seit der Einführung des TM6 im Jahr 2019 wartet die Community gespannt auf den Nachfolger, den TM7. Gerüchte über neue Funktionen, von verbesserter KI bis hin zu neuen Schneidetechniken, kursieren in Foren und sozialen Medien.
Doch für Logistiker und potenzielle Käufer stellt sich eine entscheidende Frage, die über den reinen Funktionsumfang hinausgeht: Wie wird Vorwerk den Modellwechsel managen, und mit welchen Lieferzeiten ist beim Launch zu rechnen? Ein Blick auf die Supply-Chain-Strategie des Wuppertaler Unternehmens und die Erfahrungen aus dem TM6-Launch liefert wertvolle Indikatoren für das kommende Szenario.
Das Wichtigste in Kürze
- Status Quo: Offiziell gibt es noch keinen bestätigten Liefertermin für einen TM7. Vorwerk hält Produktlaunches traditionell bis zur letzten Sekunde geheim, um den Absatz des aktuellen Modells nicht zu gefährden (Osborne-Effekt).
- Historische Engpässe: Beim Launch des Vorgängers TM6 schnellten die Lieferzeiten aufgrund der enormen Nachfragekurve kurzfristig auf mehrere Wochen bis Monate hoch – ein Szenario, das sich beim TM7 wiederholen dürfte.
- Logistische Herausforderung: Die Umstellung der Produktionsstraßen in Wuppertal und Frankreich sowie die globale Beschaffung neuer Elektronikkomponenten sind die kritischen Faktoren, die die initiale Verfügbarkeit bestimmen werden.
Die Strategie der Geheimhaltung: Logistik im Verborgenen
Vorwerk verfolgt eine strikte Strategie der „Hard Launch“-Politik. Anders als Apple, das Produkte oft Wochen vor der Auslieferung ankündigt, ist der Thermomix meist ab dem Tag der Ankündigung bestellbar.
Dieses Vorgehen ist logistisch motiviert, um den sogenannten Osborne-Effekt zu vermeiden. Würde Vorwerk heute ankündigen, dass der TM7 in sechs Monaten lieferbar ist, würde der Absatz des aktuellen TM6 morgen auf null einbrechen. Das Lager stünde voll mit „Altgeräten“, die nur noch mit Rabatten abverkauft werden könnten.
Für die Supply Chain bedeutet dies einen enormen Druck:
- Produktion auf Halde: Vorwerk muss den TM7 bereits monatelang heimlich vorproduzieren („Stockpiling“), um am Tag X eine erste Welle bedienen zu können.
- Parallele Linien: Die Produktion des TM6 muss langsam heruntergefahren werden, während die des TM7 hochfährt, ohne dass Zulieferer oder Logistikpartner Informationen leaken.
Mit welchen Lieferzeiten ist beim Launch zu rechnen?
Basierend auf den Erfahrungen des TM6-Launches und der aktuellen Situation auf dem Elektronikmarkt, lässt sich für den TM7 folgendes Szenario prognostizieren:
Phase 1: Der „Day One“ Peak (Woche 1–4)
Sobald der TM7 offiziell vorgestellt wird, explodieren die Bestellungen über das Repräsentantinnen-Netzwerk. Selbst bei guter Vorproduktion wird der Lagerbestand („Safety Stock“) vermutlich binnen Tagen aufgebraucht sein.
- Prognostizierte Lieferzeit: Für Sofort-Besteller ca. 1 bis 2 Wochen.
Phase 2: Der Backlog (Woche 5–12)
Nach dem ersten Ansturm läuft die Produktion gegen den Auftragsbestand. Hier greifen die Limitierungen der Lieferkette. Ein modernes Küchengerät besteht aus hunderten Komponenten (Chips, Displays, Motoren). Fehlt nur ein Bauteil von einem Zulieferer, steht das Band.
- Prognostizierte Lieferzeit: In dieser Phase klettert die Wartezeit historisch oft auf 6 bis 10 Wochen.
Phase 3: Die Normalisierung (Ab Monat 4)
Die Produktionskapazitäten sind hochgefahren, die Kinderkrankheiten in der Fertigung beseitigt.
- Prognostizierte Lieferzeit: Pendelt sich auf den Standard von 1 bis 2 Wochen ein.
Der Faktor „Consultant“: Einfluss des Direktvertriebs auf die Logistik
Die Lieferzeit beim Thermomix wird nicht nur durch die Produktion, sondern auch durch das Vertriebsmodell beeinflusst. Der Thermomix wird (fast) ausschließlich über Repräsentantinnen und Repräsentanten verkauft.
Dies hat logistische Implikationen:
- Bestellbündelung: Aufträge werden digital erfasst und direkt in das SAP-System von Vorwerk gespeist. Die Lieferung erfolgt in der Regel per Paketdienst (z. B. DHL oder UPS) direkt an den Endkunden, nicht an den Berater.
- Priorisierung: Es ist denkbar, dass Vorwerk bei einem Launch Bestandskunden oder Neukunden, die über bestimmte „Launch-Partys“ bestellen, priorisiert beliefert, um das Marketing-Momentum zu nutzen.
Technische Hürden: Warum es länger dauern könnte
Sollte der TM7 technologisch einen großen Sprung machen (z. B. durch ein deutlich größeres Display, integrierte KI-Prozessoren oder neue Sensortechnik), steigt das Risiko von Verzögerungen in der Inbound-Logistik.
Der globale Markt für Halbleiter und elektronische Bauteile hat sich zwar seit der Chip-Krise erholt, ist aber bei spezialisierten Komponenten immer noch volatil. Da Vorwerk hohe Qualitätsstandards („Made in Germany/France“) anlegt, kann nicht einfach auf alternative Billig-Komponenten ausgewichen werden, wenn ein Zulieferer Lieferprobleme hat.
Fazit: Geduld als Tugend
Wer auf den TM7 spekuliert, muss sich auf ein Geduldsspiel einstellen. Solange Vorwerk keine offizielle Ankündigung macht, ist die Lieferzeit „unendlich“.
Sobald der Launch erfolgt, gilt für Kunden die Devise: Schnelligkeit siegt. Wer in den ersten 48 Stunden nach Ankündigung bestellt, wird wahrscheinlich aus dem vorproduzierten Lagerbestand bedient. Wer erst abwartet, rutscht in den „Backlog“ und muss sich auf Lieferzeiten einstellen, die eher an die Automobilindustrie als an den klassischen E-Commerce erinnern. Aus logistischer Sicht ist der Launch eines solchen Kult-Produkts jedes Mal eine Meisterleistung der Bestandsplanung und Geheimhaltung.
