Der Druck auf den Mittelstand wächst stetig: Steigende Lohnkosten, akuter Fachkräftemangel und die Erwartungshaltung der Kunden an extrem kurze Lieferzeiten zwingen Unternehmen zum Handeln. Während vollautomatisierte „Dark Warehouses“ oft Konzernen vorbehalten bleiben, bietet die moderne Intralogistik mittlerweile skalierbare Lösungen, die sich auch für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) rechnen. Der Einstieg in die Automatisierung ist heute keine Frage von „Alles oder Nichts“ mehr, sondern ein schrittweiser Prozess, der gezielt Engpässe im manuellen Warenfluss beseitigt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Einstieg in die Automatisierung gelingt im Mittelstand am besten durch modulare Lösungen, die bestehende Prozesse punktuell entlasten, statt das gesamte Lager sofort umzubauen.
- Fahrerlose Transportsysteme (FTS) und Autonome Mobile Roboter (AMR) bieten hohe Flexibilität, da sie oft ohne massive bauliche Eingriffe in bestehende Hallen integriert werden können.
- Vor der Anschaffung von Hardware ist eine saubere Prozessanalyse und die Prüfung der IT-Infrastruktur (WLAN, ERP-Schnittstellen) zwingend erforderlich, um Fehlinvestitionen zu vermeiden.
Warum Teilautomatisierung oft sinnvoller ist als Vollausbau
Viele Entscheider im Mittelstand schrecken vor der Intralogistik-Automatisierung zurück, weil sie riesige Hochregallager und starre Förderbänder vor Augen haben, die Millionen kosten und unflexibel sind. Die Realität sieht heute anders aus: Der Trend geht zur Teilautomatisierung, bei der Mensch und Maschine kollaborieren. Anstatt das gesamte Lager abzureißen und neu zu bauen („Greenfield“), werden intelligente Systeme in die bestehende Infrastruktur („Brownfield“) integriert. Das senkt die Investitionshürde und erlaubt es Unternehmen, Erfahrungen zu sammeln, bevor sie weitere Bereiche digitalisieren.
Ein pragmatischer Ansatz konzentriert sich auf die unproduktivsten Tätigkeiten im Lager, wie etwa lange Laufwege beim Kommissionieren oder den reinen Transport von A nach B. Wenn Mitarbeiter 60 Prozent ihrer Zeit mit Laufen verbringen und nur 40 Prozent mit der eigentlichen Wertschöpfung, liegt hier der größte Hebel. Durch den Einsatz unterstützender Technologie bleibt die Flexibilität des Menschen erhalten – etwa beim Umgang mit schwierigen Packstücken oder Sonderaufträgen –, während die monotone Schwerarbeit von Maschinen übernommen wird.
Welche Hardware-Optionen für den Mittelstand taugen
Der Markt für Lagertechnik ist unübersichtlich geworden, doch für den Einstieg eignen sich meist spezifische Systeme, die sich ohne jahrelange Projektlaufzeiten implementieren lassen. Es ist entscheidend, die Technologie nicht nach dem „Coolness-Faktor“ auszuwählen, sondern streng nach dem Einsatzzweck und der räumlichen Gegebenheit. Die folgende Übersicht zeigt die gängigsten Einstiegspunkte in die automatisierte Intralogistik.
- Fahrerlose Transportsysteme (FTS/AGV): Spurgebundene Fahrzeuge, die Paletten oder Behälter auf festen Routen transportieren und Staplerfahrten ersetzen.
- Autonome Mobile Roboter (AMR): Navigieren frei im Raum ohne Induktionsschleifen, weichen Hindernissen aus und eignen sich hervorragend für dynamische Umgebungen mit Personenverkehr.
- Automatische Kleinteilelager (AKL) & Shuttle-Systeme: Verdichten die Lagerung auf engstem Raum und bringen die Ware zum Mann, was Laufwege eliminiert (Ware-zur-Person-Prinzip).
- Vertikale Liftsysteme (Paternoster): Nutzen die Hallenhöhe optimal aus und sind oft als „Insel-Lösung“ schnell installiert, um Kleinteile effizient bereitzustellen.
Wie Sie den richtigen Startpunkt im Prozess identifizieren
Bevor der erste Roboter bestellt wird, müssen Sie Ihre Daten und Prozesse ehrlich analysieren. Ein häufiger Fehler ist der Versuch, einen ineffizienten analogen Prozess eins zu eins zu digitalisieren („Digitalsierung des Chaos“). Starten Sie stattdessen mit einer ABC-Analyse Ihrer Artikelstruktur und einer Heatmap Ihrer Lagerbewegungen. Wo stauen sich die Aufträge? Wo passieren die meisten Pick-Fehler? Oft lohnt sich die Automatisierung zuerst bei den Schnelldrehern (A-Artikel), da hier die Taktzahl hoch ist und jede eingesparte Sekunde direkt auf die Marge einzahlt.
Ein weiterer Indikator für den optimalen Startpunkt ist die körperliche Belastung der Mitarbeiter. Bereiche, in denen schwere Lasten gehoben werden oder extrem repetitive Bewegungen stattfinden, leiden oft unter hohem Krankenstand und Fluktuation. Hier dient die Automatisierung nicht nur der Effizienz, sondern auch der Arbeitssicherheit und Mitarbeiterbindung. Wenn Sie Technologie als Unterstützungswerkzeug („Cobots“) einführen, sinkt zudem der interne Widerstand gegen die Neuerungen spürbar.
Welche Anforderungen die IT-Infrastruktur erfüllen muss
Die beste Hardware ist nutzlos, wenn die steuernde Software nicht mitspielt. Das Herzstück jeder Automatisierung ist der Datenfluss zwischen dem ERP-System (Enterprise Resource Planning), dem Lagerverwaltungssystem (LVS/WMS) und der Maschinensteuerung. Für den Mittelstand bedeutet das oft: Die Stammdaten müssen bereinigt werden. Roboter verzeihen keine fehlenden Gewichtsangaben oder falschen Abmessungen. Bevor physische Technik einzieht, muss die digitale Basis – also saubere Artikelstammdaten und klare Buchungslogiken – stehen.
Zudem stellt der Einsatz mobiler Roboter Anforderungen an das lokale Netzwerk, die im normalen Büroalltag keine Rolle spielen. Eine lückenlose und leistungsstarke WLAN-Abdeckung (oder zunehmend 5G-Campusnetze) in allen Lagerbereichen ist Pflicht, damit AMRs und FTS in Echtzeit kommunizieren können. Latenzprobleme oder Funklöcher führen zu stillstehenden Fahrzeugen und unterbrechen den Materialfluss empfindlich, was die theoretischen Effizienzgewinne in der Praxis sofort zunichte macht.
Wie die Integration in bestehende Hallen gelingt
Bestandsgebäude stellen Automatisierungsprojekte vor spezifische Herausforderungen, die in Neubauten nicht existieren. Unebene Böden, Stützpfeiler im Weg, enge Gänge oder mangelnde Tragfähigkeit des Untergrunds können Ausschlusskriterien für bestimmte Fahrzeugtypen sein. Insbesondere FTS und AMRs benötigen eine gewisse Bodenqualität (Ebenheit, Reibwert), um präzise zu navigieren und Lasten sicher zu heben. Eine frühzeitige Prüfung der Bausubstanz durch einen Experten spart hier teure Nachbesserungen.
Auch das Thema Brandschutz muss neu bewertet werden. Automatisierte Lagerbereiche, insbesondere kompakte Shuttle-Systeme oder Paternoster, verändern die Brandlastdichte und die Zugänglichkeit für die Feuerwehr. Oft sind zusätzliche Sprinkleranlagen oder Sauerstoffreduzierungsanlagen notwendig. Klären Sie diese baurechtlichen und versicherungstechnischen Fragen, bevor Sie Verträge unterschreiben, da die Kosten für bauliche Ertüchtigungen das Budget eines Intralogistik-Projekts schnell sprengen können.
Typische Fehler bei der Einführung vermeiden
Der Enthusiasmus für neue Technologien verleitet oft dazu, die Komplexität der Schnittstellen zu unterschätzen. Ein klassischer Fallstrick ist die „Inselbildung“: Ein Unternehmen kauft einen Lift für Kleinteile und ein FTS für Paletten von unterschiedlichen Herstellern, stellt dann aber fest, dass die Systeme nicht miteinander sprechen und manuelle Übergaben nötig bleiben. Interoperabilität – also die Fähigkeit verschiedener Systeme, nahtlos zusammenzuarbeiten – sollte daher ein Kernkriterium bei der Auswahl der Anbieter sein (Stichwort: VDA 5050 Schnittstelle).
Ein weiteres Risiko ist die Vernachlässigung des „Change Managements“. Wenn Lagerarbeiter erst am Tag der Installation erfahren, dass Roboter kommen, entstehen Ängste und Ablehnung. Binden Sie Key-User aus dem Lager frühzeitig in die Planung ein. Die Mitarbeiter wissen am besten, wo es hakt und welche Assistenzsysteme wirklich helfen würden. Wer die Belegschaft mitnimmt und schult, verwandelt potenzielle Blockierer in wertvolle Piloten für das neue System.
Checkliste: Sind Sie bereit für Automatisierung?
- Sind die Artikelstammdaten (Maße, Gewichte, Gebindegrößen) vollständig und korrekt digital hinterlegt?
- Gibt es definierte Prozesse, die stabil laufen und nur in der Ausführung beschleunigt werden sollen?
- Ist die WLAN-Abdeckung in den relevanten Hallenbereichen lückenlos und stabil?
- Wurde der Boden auf Ebenheit und Tragfähigkeit für mobile Roboter geprüft?
- Steht ein Budget für Mitarbeiterschulung und Wartung bereit, nicht nur für die Anschaffung?
Fazit und Ausblick: Flexibilität als Investitionsschutz
Der Einstieg in die automatisierte Intralogistik ist für den Mittelstand kein Wagnis mehr, sondern eine Notwendigkeit zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Zeiten starrer, monolithischer Anlagen sind vorbei; heute ermöglichen modulare Systeme und flexible Mietmodelle („Robots as a Service“) einen risikoarmen Start. Wer klein beginnt, Erfahrungen sammelt und die Systeme sukzessive mit dem Unternehmenswachstum skaliert, vermeidet Fehlinvestitionen und überfordert die eigene Organisation nicht.
In Zukunft wird die Intelligenz der Software noch entscheidender sein als die Hardware selbst. Systeme, die mittels Künstlicher Intelligenz (KI) Auftragsschwankungen vorhersehen und Ressourcen dynamisch zuweisen, werden zum Standard. Für Unternehmen bedeutet das: Der erste Schritt ist die Digitalisierung und Bereinigung der Datenbasis. Wer diese Hausaufgaben heute erledigt, schafft das Fundament, um morgen flexibel auf jede Marktveränderung reagieren zu können – egal ob mit menschlicher Kraft oder maschineller Unterstützung.
