Die Zeiten, in denen Frachtraten für Überseecontainer eine vernachlässigbare Konstante in der Kalkulation waren, sind vorbei. Nachdem die Preise nach dem extremen Hoch der Pandemie-Jahre 2021 und 2022 im Jahr 2023 fast auf das Vorkrisenniveau zurückgefallen waren, erleben Logistikentscheider derzeit eine neue Phase der Volatilität. Geopolitische Spannungen, insbesondere im Roten Meer, und neue regulatorische Hürden wie der EU-Emissionshandel (ETS) sorgen dafür, dass Charts und Prognosen wieder täglich auf den Prüfstand gehören, um die Supply Chain resilient zu halten.
Das Wichtigste in Kürze
- Geopolitik treibt Preise: Angriffe im Roten Meer zwingen Reedereien zu Umroutungen um Afrika, was Transitzeiten verlängert und Kapazitäten künstlich verknappt.
- Überkapazität als Bremse: Trotz aktueller Preisspitzen dämpft die enorme Anzahl neu ausgelieferter Containerschiffe langfristig den Ratenanstieg.
- Zusatzkosten beachten: Neben der Basisrate (Ocean Freight) belasten neue CO2-Abgaben (ETS) und Risikozuschläge das Budget spürbar.
Einflussfaktor Geopolitik und Handelsrouten
Der stärkste Hebel auf die aktuellen Containerpreise ist die Sicherheitslage auf den Hauptarterien des Welthandels, allen voran die Passage durch den Suezkanal. Durch die anhaltenden Angriffe der Huthi-Rebellen meiden große Reedereien wie Maersk oder Hapag-Lloyd diese Route und schicken ihre Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas. Diese Umleitung verlängert die Reisezeit zwischen Asien und Europa um 10 bis 14 Tage, was nicht nur den Treibstoffverbrauch massiv erhöht, sondern auch Container und Schiffe länger bindet, die für neue Ladungen fehlen. Dieser Effekt führt dazu, dass verfügbare Stellplätze (Slots) auf dem Papier knapper werden, selbst wenn global genügend Schiffe existieren.
Parallel dazu kämpft der Panamakanal immer wieder mit niedrigen Wasserständen, was die Durchfahrtszahlen limitiert und ebenfalls zu Verzögerungen oder Umleitungen führt. Für Verlader bedeutet dies, dass die reine Chart-Analyse der Frachtraten nicht mehr ausreicht, sondern immer im Kontext der „Reliability“ (Zuverlässigkeit) betrachtet werden muss. Eine günstige Rate nützt wenig, wenn das Schiff wochenlang auf Reede liegt oder einen enormen Umweg fährt, der die Lagerbestände am Zielort gefährdet und dort teure Notfallmaßnahmen wie Luftfracht erfordert.
Die wichtigsten Indizes zur Marktbeobachtung
Um im Dschungel der Angebote eine Orientierung zu finden, verlassen sich Profis nicht auf Einzelangebote, sondern beobachten etablierte Indizes, die als Fieberthermometer des Marktes fungieren. Diese Indizes basieren auf unterschiedlichen Datenquellen und Routen, weshalb es entscheidend ist, den für das eigene Geschäft passenden Indikator zu wählen. Während einige Indizes reine Spotmarkt-Preise (Tagespreise) abbilden, berücksichtigen andere auch langfristige Kontrakte, was zu einer glatteren, aber trägeren Kurve führt.
- SCFI (Shanghai Containerized Freight Index): Der wichtigste Indikator für Exporte aus China. Er bildet Spotraten ab und reagiert sehr schnell auf Marktveränderungen.
- WCI (World Container Index by Drewry): Bildet Raten auf acht Hauptrouten von und nach USA/Europa/Asien ab und bietet einen guten globalen Durchschnitt.
- FBX (Freightos Baltic Index): Basiert auf digitalen Buchungsdaten und zeigt oft sehr volatile, aber realistische „All-in“-Preise inklusive Zuschlägen.
- CCFI (China Containerized Freight Index): Umfasst auch langfristige Vertragsraten und ist daher weniger schwankungsanfällig als der SCFI.
Die Analyse dieser Charts zeigt aktuell eine Entkopplung: Während die Spotraten bei Krisenereignissen sofort nach oben schießen, reagieren die langfristigen Kontraktraten verzögert. Wer sich also langfristig bindet, erkauft sich Planungssicherheit oft mit einem Aufschlag gegenüber dem durchschnittlichen Tiefstpreis, schützt sich aber vor extremen Ausschlägen nach oben. Das Verständnis dieser Dynamik ist die Basis für jede fundierte Einkaufsentscheidung in der Seefracht.
Strukturelle Kostentreiber: Bunker, ETS und Zuschläge
Neben Angebot und Nachfrage wirken sich strukturelle Kostenblöcke zunehmend auf die Endpreise aus, die in den reinen Ratencharts oft nicht sofort sichtbar sind. Seit Januar 2024 müssen Reedereien für Fahrten in und aus der EU Emissionszertifikate im Rahmen des EU-ETS (Emissions Trading System) erwerben. Diese Kosten werden als separate Zuschläge an die Kunden weitergereicht und variieren je nach Route und Effizienz des eingesetzten Schiffes. Zusammen mit den höheren Bunkerkosten (Treibstoff) durch die längeren Umwege um Afrika entsteht hier ein Sockelbetrag, der die Raten auch bei sinkender Nachfrage nicht unter ein gewisses Niveau fallen lässt.
Zusätzlich erfinden Reedereien in Krisenzeiten eine Vielzahl von „Surcharges“, um ihre Risiken abzuwälzen. Dazu gehören der „War Risk Surcharge“ (Kriegsrisikozuschlag), „Peak Season Surcharge“ (PSS) oder „Emergency Operations Surcharge“. Für Einkäufer bedeutet das: Der im Chart sichtbare Preis ist selten der Endpreis auf der Rechnung. Eine transparente „All-in“-Kalkulation ist unerlässlich, um nicht von versteckten Kostenblöcken überrascht zu werden, die die Marge des importierten Produkts auffressen.
Der Kampf: Überkapazität gegen künstliche Verknappung
Ein fundamentaler Faktor, der gegen eine dauerhafte Explosion der Frachtraten spricht, ist das historische Auftragsbuch der Werften. Während der Pandemie-Boomphase haben Reedereien Gewinne in neue Schiffe investiert, die nun in großer Zahl ausgeliefert werden. Rein rechnerisch übersteigt das Angebot an Schiffsraum die global eher schwächelnde Nachfrage deutlich. Normalerweise müssten die Preise dadurch ins Bodenlose fallen, da Schiffe nur Geld verdienen, wenn sie voll sind.
Um diesen Preisverfall zu verhindern, nutzen Carrier das Instrument der „Blank Sailings“ – sie streichen also planmäßige Abfahrten, um das Angebot künstlich zu verknappen und die Auslastung der verbliebenen Schiffe zu erhöhen. Dies ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel: Verlader hoffen auf sinkende Preise durch Überkapazität, Reedereien kontern mit Kapazitätsmanagement. Für Ihre Prognose bedeutet das: Selbst wenn die wirtschaftlichen Rahmendaten auf sinkende Preise hindeuten, können Reedereien durch aktives Flottenmanagement den Preisverfall bremsen.
Strategie: Spotmarkt oder Festkontrakt?
Angesichts dieser volatilen Gemengelage stehen Unternehmen vor der strategischen Frage, ob sie sich langfristig binden oder auf dem Spotmarkt buchen sollen. Spotraten bieten die Chance, von kurzfristigen Preisdellen zu profitieren, bergen aber das Risiko, in Hochphasen (wie vor dem Chinese New Year oder bei plötzlichen Krisen) keine Container oder nur zu Mondpreisen Stellplätze zu bekommen. Ein reines „Spot-Gambling“ kann bei Just-in-Time-Produktionen schnell existenzbedrohend werden.
Langfristige Kontrakte (Tender) bieten Budget-Sicherheit und oft eine Priorisierung bei der Verladung (Equipment Guarantee). In einem fallenden Markt zahlen Sie mit einem Festpreis jedoch womöglich zu viel. Ein hybrider Ansatz setzt sich zunehmend durch: Ein Basisvolumen („Baseload“) wird fest kontrahiert, um die Versorgung zu sichern, während Spitzen oder unkritische Sendungen über den Spotmarkt abgewickelt werden. Auch Index-gebundene Verträge, die monatlich oder quartalsweise an einen Index wie den SCFI angepasst werden, gewinnen an Beliebtheit, um das Risiko fair zwischen Verlader und Reeder zu teilen.
Typische Fehler in der Frachteinkaufs-Praxis
Viele Unternehmen machen den Fehler, ausschließlich auf die reine „Ocean Freight Rate“ zu starren und dabei die Gesamtkosten (Total Landed Cost) aus den Augen zu verlieren. Ein vermeintlich günstiger Anbieter, der jedoch unzuverlässig ist, verursacht Folgekosten durch Bandstillstände, Strafzahlungen bei Kunden oder teure Nachlieferungen, die jede Ersparnis bei der Seefracht um ein Vielfaches übersteigen. Zudem wird oft vergessen, die Gültigkeitsdauer der Angebote genau zu prüfen – in volatilen Zeiten sind Raten oft nur wenige Tage gültig.
Ein weiteres Versäumnis ist die mangelnde Diversifizierung der Dienstleister. Wer sich nur auf einen Spediteur oder eine Reederei verlässt, ist bei Kapazitätsengpässen ausgeliefert. Es empfiehlt sich folgende Checkliste für den Einkauf:
- Habe ich mindestens zwei bis drei aktive Dienstleister im Pool?
- Sind alle Zuschläge (THC, BAF, ETS, Dokumentation) im Vergleich enthalten?
- Wie flexibel ist die „Free Time“ (demurrage/detention) am Zielhafen geregelt?
- Gibt es eine Klausel für „Rolled Cargo“ (wenn der Container stehen bleibt)?
Fazit und Ausblick: Volatilität als neue Normalität
Die Chart-Analyse der Containerpreise zeigt deutlich: Die Phase der extremen Niedrigpreise ist vorerst durch externe Schocks und ökologische Transformation beendet, aber die Rekordhochs der Pandemie sind ebenfalls nicht der neue Standard. Wir bewegen uns auf ein „New Normal“ zu, das preislich über dem Niveau von 2019 liegt, getrieben durch Dekarbonisierungskosten und geopolitische Instabilität. Die Kurven werden weiterhin zackig verlaufen, da jede Nachricht aus dem Nahen Osten oder von den Zentralbanken direkte Auswirkungen auf die Raten hat.
Für die Prognose der kommenden Monate gilt: Rechnen Sie mit weiterhin schwankenden Märkten. Die massive Auslieferung neuer Schiffe wird eine Obergrenze für die Raten bilden, während Krisen und Steuern eine Untergrenze einziehen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht mehr darin, den absolut tiefsten Preispunkt zu erwischen, sondern darin, die Logistikkette so flexibel aufzustellen, dass sie Preisschwankungen absorbieren kann, ohne dass die Lieferfähigkeit leidet.