In vielen Lagerhallen und an Kassenbändern bestimmt noch immer das rhythmische Piepen des Barcode-Scanners den Takt. Jedes Produkt muss einzeln gegriffen, ausgerichtet und optisch erfasst werden. Sobald Prozesse jedoch schneller werden müssen oder die Sichtverbindung fehlt, wird der günstige Strichcode zum Flaschenhals. Hier übernimmt die Radio-Frequency Identification (RFID), die Gegenstände nicht per Lichtstrahl, sondern über Funkwellen identifiziert. Der Wechsel ist allerdings kein bloßes technisches Update, sondern ein fundamentaler Eingriff in logistische Abläufe, der genau kalkuliert sein will.
Das Wichtigste in Kürze
- RFID ermöglicht die Pulk-Erfassung (Bulk Reading) hunderter Objekte gleichzeitig, ohne dass Sichtkontakt zum Lesegerät nötig ist.
- Physikalische Störfaktoren wie Flüssigkeiten oder Metalle können die Funkwellen absorbieren oder reflektieren und erfordern spezielle Hardware-Lösungen.
- Die Technologie lohnt sich vor allem in geschlossenen Kreisläufen (z. B. Behältermanagement) oder bei hochwertigen Gütern, da die Stückkosten pro Tag höher sind als beim Barcode.
Wie sich Funktechnologie vom optischen Scan unterscheidet
Der klassische Barcode ist ein passiver Datenträger, der darauf angewiesen ist, dass ein Laser oder eine Kamera ihn direkt „sieht“. Schmutz, verknitterte Etiketten oder eine ungünstige Lage auf dem Förderband führen sofort zu Lesefehlern. RFID hingegen arbeitet berührungslos über elektromagnetische Wellen. Das System besteht aus einem Transponder (dem Tag am Objekt) und einem Reader (dem Lesegerät). Der Reader sendet Energie aus, woraufhin der Transponder aufwacht und seine gespeicherte Kennung zurücksendet.
Dieser Dialog geschieht in Millisekunden und durchdringt Materialien wie Karton, Holz oder Kunststoff mühelos. Dadurch verschiebt sich die Logik der Datenerfassung: Anstatt aktiv nach einem Etikett zu suchen, „hört“ das System in den Raum hinein und registriert alles, was antwortet. Diese fundamentale Änderung ermöglicht Automatisierungsgrade, die mit optischen Systemen physikalisch unmöglich wären, bringt aber auch neue Herausforderungen in der Signalsteuerung mit sich.
Welche Frequenzbereiche für welchen Einsatzweck taugen
RFID ist kein Einheitssystem, sondern unterteilt sich in verschiedene Frequenzbänder, die die Reichweite und die Einsatzmöglichkeiten diktieren. Wer RFID einführen möchte, muss zwingend die passende Technologieklasse wählen, da diese untereinander meist nicht kompatibel sind. Hierarchisch lässt sich der Markt in drei Hauptgruppen gliedern:
- Low Frequency (LF, 125–134 kHz): Robust gegen Störungen durch Metall und Wasser, aber mit sehr geringer Reichweite (wenige Zentimeter). Typisch für Zugangskontrollen, Tierkennzeichnung oder Wegfahrsperren.
- High Frequency (HF/NFC, 13,56 MHz): Standard für Smart Cards, Ticketing und Bezahlsysteme. Reichweiten bis ca. 1 Meter. Sehr verbreitet in der Bibliotheksverwaltung oder bei Identitätsnachweisen.
- Ultra High Frequency (UHF, 860–960 MHz): Der Standard für Logistik und Handel. Reichweiten von mehreren Metern und hohe Lesegeschwindigkeiten ermöglichen die Inventur ganzer Paletten im Vorbeifahren.
- Aktive Transponder: Diese besitzen eine eigene Batterie, funken über hunderte Meter (oft auf 433 MHz oder 2,45 GHz) und werden für die Ortung wertvoller Assets wie Container oder Fahrzeuge genutzt.
Für die meisten industriellen Anwendungen und das Supply-Chain-Management konzentriert sich die Diskussion fast immer auf passives UHF-RFID. Hier ist das Verhältnis von Reichweite, Lesegeschwindigkeit und Kosten pro Tag am wirtschaftlichsten. Doch gerade bei UHF spielt die Umgebung eine massive Rolle für die Stabilität des Prozesses.
Effizienzsprung durch Pulk-Erfassung und Schreibfunktion
Der stärkste wirtschaftliche Hebel von RFID liegt im sogenannten „Bulk Reading“ oder der Pulk-Erfassung. Während ein Lagerist mit einem Barcode-Scanner 50 Kartons auf einer Palette einzeln scannen muss, fährt die Palette bei RFID durch ein Gate (eine Torantenne). Binnen Sekundenbruchteilen erfasst das System alle 50 Tags gleichzeitig. Das reduziert den Zeitaufwand für Wareneingangskontrollen oder Inventuren drastisch, oft um den Faktor zehn oder mehr.
Ein weiterer, oft unterschätzter Vorteil ist die Wiederbeschreibbarkeit der Chips. Ein Barcode ist statisch; einmal gedruckt, ändert sich sein Inhalt nicht. Auf einen RFID-Chip können jedoch im Prozessverlauf neue Informationen geschrieben werden, etwa „Qualitätskontrolle bestanden“ oder „Wareneingang gebucht“. Das Objekt trägt seinen aktuellen Status also digital mit sich, was eine dezentrale Datenhaltung ermöglicht, die nicht permanent auf eine Echtzeit-Datenbankverbindung angewiesen ist.
Physikalische Hürden: Wenn Metall und Wasser stören
Trotz der Flexibilität unterliegt die Funkübertragung physikalischen Gesetzen, die in der Praxis oft unterschätzt werden. UHF-Wellen verhalten sich ähnlich wie Licht, das auf Spiegel trifft: Metallflächen reflektieren die Wellen, was zu toten Winkeln oder ungewollten Überreichweiten führen kann. Wasser hingegen absorbiert die Energie der Funkwellen fast vollständig. Ein einfacher UHF-Tag auf einer Getränkedose oder einem Stahlträger wird daher oft gar nicht oder nur sehr schlecht gelesen.
Die Industrie hat hierfür spezielle „On-Metal-Tags“ entwickelt, die durch eine Abstandsschicht verhindern, dass der Untergrund die Antenne kurzschließt oder verstimmt. Auch die Platzierung der Antennen im Raum muss exakt eingemessen werden, um Interferenzen zu vermeiden. Wer glaubt, man müsse lediglich ein paar Antennen aufhängen und habe sofort eine 100-prozentige Leserate, wird in der Realität schnell durch physikalische Interferenzen („Ghost Reads“ oder fehlende Erfassungen) eines Besseren belehrt.
Datenflut und Software-Anforderungen
Ein erfolgreiches RFID-Projekt scheitert selten an den Tags, sondern meist an der Datenverarbeitung. Ein Reader, der permanent scannt, meldet einen liegenden Tag hunderte Male pro Minute. Würden diese Rohdaten ungefiltert in ein ERP-System (wie SAP) geleitet, wäre die Datenbank binnen kürzester Zeit überlastet. Es fehlt die Logik, die entscheidet, wann ein Ereignis relevant ist – etwa „Palette hat das Tor vollständig passiert“.
Zwischen Reader und Unternehmenssoftware muss daher zwingend eine sogenannte Middleware geschaltet werden. Diese Software filtert das Rauschen, eliminiert Dubletten und aggregiert die Signale zu logischen Geschäftsereignissen. Die Investition in diese IT-Infrastruktur und deren Integration übersteigt oft die Kosten der eigentlichen Hardware. Ohne saubere Filterung ist die gewonnene Transparenz wertlos, weil sie in einer unlesbaren Datenflut untergeht.
Wann sich der Umstieg vom Barcode lohnt
Die Entscheidung für oder gegen RFID ist meist eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung. Ein gedruckter Barcode kostet fast nichts. Ein passiver UHF-RFID-Tag kostet – je nach Abnahmemenge und Bauform – zwischen wenigen Cent und mehreren Euro (bei robusten Hard-Tags). Daher ist RFID im offenen Kreislauf (vom Hersteller zum Endkunden) oft nur bei höherwertigen Textilien oder Elektronik wirtschaftlich. Anders sieht es in geschlossenen Kreisläufen aus.
Wenn Behälter, Werkzeuge oder Ladungsträger (RTI – Returnable Transport Items) immer wieder im eigenen Unternehmen oder zwischen festen Partnern zirkulieren, amortisiert sich der teurere Tag schnell durch die Prozessbeschleunigung und den Schwund-Rückgang. Unternehmen sollten folgende Fragen prüfen, um die Eignung festzustellen:
- Muss ich viele Objekte gleichzeitig erfassen (Pulk)?
- Ist eine Sichtverbindung zum Objekt im Prozess schwierig oder unmöglich?
- Sind die Umgebungseinflüsse (Schmutz, Farbe) für optische Codes zu harsch?
- Rechtfertigt der Wert des Objekts oder die Zeitersparnis die Tag-Kosten?
Fazit: Koexistenz statt Verdrängung
Die anfängliche Euphorie, dass RFID den Barcode vollständig ersetzen würde, ist einem realistischen Pragmatismus gewichen. Beide Technologien haben ihre Berechtigung und werden in Zukunft verstärkt in hybriden Systemen koexistieren. Der Barcode bleibt die kosteneffiziente Lösung für Einzelprodukte im Supermarkt und einfache Logistikaufgaben. RFID übernimmt dort, wo Geschwindigkeit, Automatisierung und lückenlose Transparenz ohne manuellen Eingriff gefordert sind.
Für Unternehmen bedeutet dies, Prozesse nicht pauschal auf Funk umzustellen, sondern gezielt dort zu investieren, wo der „Medienbruch“ der manuellen Erfassung echte Kosten verursacht. Mit sinkenden Chip-Preisen und intelligenterer Middleware wird die Schwelle für den lohnenden Einstieg zwar weiter sinken, doch die Physik der Funkwellen verlangt auch künftig nach sorgfältiger Planung und keinem blinden „Plug-and-Play“.
