Die Arbeit im Lager und in der Logistik bleibt trotz fortschreitender Automatisierung ein körperlicher Knochenjob. Kommissionierer heben täglich Tonnen an Gesamtgewicht, Staplerfahrer verharren in statischen Positionen und Monteure arbeiten oft über Kopf. Exoskelette haben sich in den letzten Jahren von futuristischen Prototypen zu realen Hilfsmitteln entwickelt, die genau hier ansetzen. Sie versprechen, Muskel-Skelett-Erkrankungen zu reduzieren und die Arbeitskraft älter werdender Belegschaften zu erhalten. Doch für Entscheidungsträger stellt sich die Frage: Welches System passt zu welchem Arbeitsplatz und wo liegen die Grenzen dieser Technologie?
Das Wichtigste in Kürze
- Exoskelette verhindern keine Lasten, sondern verteilen Kraftspitzen von empfindlichen Körperregionen wie dem unteren Rücken auf stabilere Bereiche um.
- In der Logistik dominieren passive Systeme, die ohne Motoren auskommen und stattdessen mechanische Federkräfte zur Unterstützung nutzen.
- Der Einsatz ist nur sinnvoll, wenn technische und organisatorische Maßnahmen (T-O-P-Prinzip) ausgeschöpft sind und die Mitarbeiterakzeptanz durch Tragetests gesichert wird.
Funktionsweise von Exoskeletten im Lagerumfeld
Exoskelette sind am Körper getragene Stützstrukturen, die mechanisch mit den Bewegungen des Menschen interagieren. Im Gegensatz zu Robotern ersetzen sie den Menschen nicht, sondern verstärken seine Fähigkeiten oder schützen ihn vor Überlastung. In der Lagerlogistik bedeutet dies konkret, dass beim Anheben eines Pakets ein Teil der Lastenergie gespeichert und bei der Aufwärtsbewegung wieder abgegeben wird. Das System wirkt wie ein externer Muskel, der parallel zur körpereigenen Muskulatur arbeitet und so Ermüdungserscheinungen hinauszögert.
Es ist wichtig zu verstehen, dass ein Exoskelett das Gewicht der Ware nicht physikalisch reduziert. Ein 20-Kilogramm-Paket wiegt weiterhin 20 Kilogramm. Die Technologie sorgt jedoch dafür, dass die punktuelle Belastung auf die Bandscheiben im Lendenwirbelbereich oder auf die Schultergelenke signifikant sinkt. Diese Umverteilung der Kräfte (Load Redistribution) reduziert das Risiko für langfristige Abnutzungserscheinungen und akute Verletzungen, macht den Mitarbeiter aber nicht zum übermenschlichen Kraftprotz.
Welche Körperbereiche Exoskelette schützen
Da Lagerarbeitsplätze sehr unterschiedliche Belastungsprofile aufweisen, gibt es keine „One-Size-Fits-All“-Lösung. Der Markt differenziert die Systeme primär nach der Körperregion, die entlastet werden soll. Eine präzise Analyse der Tätigkeit ist die Voraussetzung für die Auswahl der passenden Kategorie.
Die folgende Übersicht zeigt die gängigen Varianten für logistische Anwendungsfälle:
- Rücken-Exoskelette: Diese Systeme unterstützen beim Heben und Vorbeugen. Sie leiten Kräfte vom unteren Rücken auf die Oberschenkel und das Becken ab, ideal für Kommissionierer oder beim Palettieren.
- Schulter-Exoskelette: Sie sind für Tätigkeiten konzipiert, die auf Brust- oder Kopfhöhe stattfinden. Die Arme werden durch Stützen „schwerelos“ gehalten, was bei Montagetätigkeiten oder beim Einräumen in hohe Regalfächer hilft.
- Bein-Exoskelette (Chairless Chair): Diese Konstruktionen ermöglichen das Sitzen im Stehen. Sie arretieren auf Knopfdruck und entlasten Mitarbeiter an Fließbändern oder Packstationen, die sonst stundenlang stehen müssten.
- Handschuh-Systeme: Diese weichen Strukturen (Soft-Exosuits) verstärken die Greifkraft, um die Unterarmmuskulatur bei repetitiven Greifvorgängen zu schonen.
Unterschiede zwischen aktiven und passiven Systemen
Ein entscheidendes Kriterium bei der Anschaffung ist die Antriebsart des Exoskeletts. Passive Systeme nutzen rein mechanische Komponenten wie Federn, Seilzüge oder Elastomere, um Energie bei einer Bewegung (z. B. beim Bücken) zu speichern und sie bei der Gegenbewegung (z. B. dem Aufrichten) wieder freizugeben. Sie sind vergleichsweise leicht, robust, wartungsarm und benötigen keine Energieversorgung, was sie zum derzeitigen Standard in der Logistik macht.
Aktive Systeme hingegen werden von Elektromotoren und Batterien angetrieben. Sie können deutlich höhere Unterstützungskräfte bereitstellen und passen sich oft dynamisch an die Bewegungen des Trägers an. Der Nachteil liegt im höheren Eigengewicht, der begrenzten Akkulaufzeit und den signifikant höheren Anschaffungskosten. Aktive Modelle finden sich eher in der Schwerindustrie oder im Reha-Bereich, während im schnellen Umschlaglager die Agilität passiver Modelle bevorzugt wird.
Wann der Einsatz in der Praxis sinnvoll ist
Der Einsatz von Exoskeletten lohnt sich nicht an jedem Arbeitsplatz. Sie spielen ihre Stärken vor allem dort aus, wo Arbeitsprozesse monoton sind und sich technische Hilfsmittel wie Kräne oder Vakuumheber nicht wirtschaftlich oder räumlich integrieren lassen. Wenn ein Mitarbeiter beispielsweise hunderte Male pro Schicht mittelschwere Lasten aus einer ungünstigen Höhe heben muss, bietet das Exoskelett einen messbaren präventiven Mehrwert.
Weniger geeignet sind die Systeme für Tätigkeiten mit ständiger, weitreichender Fortbewegung oder sehr komplexen Bewegungsabläufen, wie etwa das Klettern auf Leitern oder das Fahren von Gabelstaplern. Hier kann das Exoskelett sogar störend wirken oder im schlimmsten Fall ein Sicherheitsrisiko darstellen, wenn Teile der Konstruktion hängen bleiben. Eine genaue Arbeitsplatzanalyse muss klären, ob die „Störkontur“ des Exoskeletts mit der Umgebung kompatibel ist.
Checkliste für die Eignungsprüfung im Lager
Bevor Sie Testgeräte bestellen, sollten Sie prüfen, ob die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Implementierung gegeben sind. Ein Exoskelett ist immer das letzte Mittel der Wahl, wenn ergonomische Arbeitsplatzgestaltung an ihre Grenzen stößt. Nur wenn das Belastungsprofil eindeutig ist, wird das System akzeptiert.
Klären Sie folgende Punkte vor dem Projektstart:
- Lastfrequenz: Wird die belastende Bewegung (Heben, Überkopf) häufig und repetitiv ausgeführt? (Bei nur gelegentlichem Heben überwiegt oft die Störung durch das Tragen).
- Lastgewicht: Liegen die Lasten im idealen Wirkungsbereich des Systems (oft 5 bis 25 kg)? Zu leichte Lasten benötigen keine Stütze, zu schwere gehören an den Kran.
- Bewegungsraum: Ist der Arbeitsplatz eng? Besteht die Gefahr, mit dem Exoskelett an Regalen oder Maschinen hängen zu bleiben?
- Klima: Ist es im Lager sehr heiß? Zusätzliche Gurte und Polster können zu starkem Schwitzen und Hautirritationen führen.
Typische Fehler und Hürden bei der Einführung
Ein häufiger Fehler in Unternehmen ist die „Top-Down“-Beschaffung ohne Einbindung der Belegschaft. Wenn Exoskelette einfach ausgegeben werden, fühlen sich Mitarbeiter oft stigmatisiert oder als „Roboter“ behandelt. Zudem müssen die Systeme individuell auf die Körpergröße und Passform eingestellt werden. Ein schlecht sitzendes Exoskelett verursacht Druckstellen, scheuert und führt dazu, dass das teure Gerät nach zwei Tagen in der Ecke landet.
Ein weiteres Risiko ist die psychologische Selbstüberschätzung. Manche Mitarbeiter neigen dazu, mit Exoskelett schwerer oder schneller zu heben, weil es sich leichter anfühlt. Dieses Phänomen muss durch Schulungen aktiv bekämpft werden. Das Ziel ist nicht Leistungssteigerung im Sinne von mehr Picks pro Stunde, sondern eine Reduktion der Ermüdung bei gleichbleibender Leistung. Wer dies nicht kommuniziert, verliert das Vertrauen der Mitarbeiter.
Fazit und Ausblick: Die Zukunft der körperlichen Arbeit
Exoskelette sind heute ein valider Baustein im betrieblichen Gesundheitsmanagement, aber kein Allheilmittel für schlecht gestaltete Logistikprozesse. Sie schließen die Lücke zwischen manueller Arbeit und Vollautomatisierung, indem sie die Belastungsspitzen kappen, die langfristig zu hohen Krankenständen führen. Besonders passive Rückensysteme haben sich aufgrund ihrer Robustheit und Einfachheit in der Lagerpraxis etabliert und amortisieren sich oft allein durch die Reduktion von Ausfalltagen.
In Zukunft werden die Systeme leichter, textiler und intelligenter werden („Smart Suits“). Sensoren könnten künftig warnen, wenn ein Mitarbeiter eine gesundheitsschädliche Haltung einnimmt, oder die Unterstützungskraft in Echtzeit anpassen. Bis dahin bleibt der Schlüssel zum Erfolg die sorgfältige Auswahl des passenden Systems und die intensive Begleitung der Mitarbeiter in der Eingewöhnungsphase. Wer Exoskelette als Investition in die Mannschaft und nicht als reines Effizienztool begreift, wird langfristig profitieren.
