Lange Zeit galt die „Eiserne Seidenstraße“ als die perfekte Lösung für Unternehmen, denen Seefracht zu langsam und Luftfracht zu teuer war. Doch seit dem geopolitischen Umbruch durch den Krieg in der Ukraine stehen Logistikentscheider vor einem Dilemma. Die direkte Route führt durch Russland und Belarus – ein politisches und versicherungstechnisches Minenfeld. Gleichzeitig suchen Importeure händeringend nach stabilen Alternativen zur volatilen Seefracht. Die Frage ist nicht mehr nur, wie schnell der Zug ist, sondern ob die Ware überhaupt sicher ankommt und welche Compliance-Hürden zu nehmen sind.
Das Wichtigste in Kürze
- Route entscheidet über Risiko: Der klassische Nordkorridor (via Russland) ist schnell, aber politisch und versicherungstechnisch riskant; der mittlere Korridor (via Kaspisches Meer) ist sicherer, aber logistisch instabiler.
- Sanktionen vs. Transit: Der reine Transit durch Russland ist für viele nicht-sanktionierte Güter legal möglich, scheitert in der Praxis jedoch oft an der fehlenden Bereitschaft von Versicherern und Logistikdienstleistern.
- Kosten-Nutzen-Faktor: Bahnfracht lohnt sich aktuell vor allem für hochwertige Waren mit mittlerer Eilbedürftigkeit, bei denen die Kapitalbindungskosten die höheren Frachtraten gegenüber dem Seeschiff rechtfertigen.
Ist der Nordkorridor durch Russland faktisch tot?
Entgegen der landläufigen Meinung ist die klassische Route über Russland, Belarus und Polen (der sogenannte Nordkorridor) operativ keineswegs stillgelegt. Technisch gesehen funktionieren die Gleise, und die Abfertigung läuft teilweise sogar reibungsloser als vor der Krise, da das Volumen durch den Rückzug vieler westlicher Firmen massiv gesunken ist. Die Transitzeiten liegen oft bei attraktiven 12 bis 16 Tagen von Terminal zu Terminal. Das Problem ist hier weniger die Infrastruktur als vielmehr der rechtliche und moralische Rahmen.
Rechtlich ist der reine Transit von nicht-sanktionierter Ware durch Russland oft erlaubt, da EU-Sanktionen primär den Import aus oder den Export nach Russland betreffen, nicht aber die Durchfuhr. Dennoch haben sich viele europäische Spediteure (Forwarder) komplett zurückgezogen („Self-Sanctioning“), um Reputationsrisiken zu vermeiden. Wer diese Route heute noch bucht, nutzt meist chinesische oder russische Operatoren. Das Hauptrisiko bleibt die Ungewissheit: Neue Sanktionspakete können die Grenzen über Nacht schließen oder Zahlungsströme für die Frachtkosten blockieren.
Der Mittlere Korridor: Echte Alternative oder Nadelöhr?
Als Ausweichroute rückt der „Middle Corridor“ (Trans-Caspian International Transport Route, TITR) in den Fokus. Diese Strecke umgeht Russland südlich und führt von China durch Kasachstan, über das Kaspische Meer (per Fähre), weiter durch Aserbaidschan und Georgien bis in die Türkei oder über das Schwarze Meer nach Europa. Geopolitisch ist dieser Weg deutlich unbedenklicher, da er sanktionierte Gebiete vermeidet. Die Nachfrage auf dieser Strecke ist explodiert, doch die Infrastruktur hinkt hinterher.
Das Kernproblem des Mittleren Korridors ist seine Multimodalität. Die Ware muss mehrfach umgeladen werden – vom Zug auf das Schiff und wieder zurück. Besonders die Fährverbindungen auf dem Kaspischen Meer und dem Schwarzen Meer sind wetteranfällig und kapazitativ begrenzt. Das führt zu unberechenbaren Wartezeiten. Während der Nordkorridor fast wie ein Uhrwerk läuft, müssen Sie auf der Südroute mit Transitzeiten von 25 bis zu 40 Tagen rechnen, oft begleitet von intransparentem Tracking an den Schnittstellen.
Überblick der Transportwege: Wo sich die Bahn heute einordnet
Um die aktuelle Position der Bahnfracht im Logistik-Mix zu verstehen, hilft ein direkter Vergleich der Optionen. Die Bahn ist nicht mehr der automatische „Goldstandard“ der Mitte, sondern eine spezialisierte Option für bestimmte Szenarien. Die folgende Aufstellung zeigt, wie sich die Schiene im Verhältnis zu den Alternativen positioniert:
- Seefracht: Günstigste Option, hohe Kapazität. Transitzeit 35–50 Tage. Risiko: Piraterie (Rotes Meer), Hafenstreiks, „Slow Steaming“.
- Luftfracht: Schnellste Option (3–7 Tage), aber extrem teuer und CO2-intensiv. Nur für Notfälle oder Hochpreis-Güter.
- Bahn (Nordroute): Sehr schnell (12–18 Tage), mittlerer Preis. Risiko: Politische Blockade, Versicherungsausfall, Reputationsschaden.
- Bahn (Südroute/Middle Corridor): Moderat schnell (25–40 Tage), teurer als Nordroute durch komplexes Handling. Risiko: Stau an Häfen, Wetter, technischer Ausfall.
- Sea-Air-Kombination: Hybridlösung (z.B. Schiff bis Dubai, Flug nach Frankfurt). Laufzeit ca. 18–22 Tage. Oft stabiler als die Süd-Bahnroute.
Versicherungsschutz und Haftung als K.o.-Kriterium
Ein oft unterschätzter Aspekt bei der Entscheidung für die Bahnfracht ist die Versicherbarkeit der Ware. Viele westliche Transportversicherer haben sogenannte „War and Strikes Exclusion Clauses“ (Ausschlussklauseln für Krieg und Streik) aktiviert oder verschärft, die speziell Gebiete wie Russland, Belarus und die Ukraine betreffen. Das bedeutet: Wenn Ihr Container auf russischem Boden beschädigt wird oder verloren geht, bleiben Sie unter Umständen auf dem Schaden sitzen, selbst wenn es kein direkter Kriegsschaden ist.
Bevor Sie eine Buchung tätigen, müssen Sie zwingend mit Ihrem Versicherungsmakler klären, ob der Versicherungsschutz für die gesamte Transitstrecke gilt. Bei der Südroute ist das Kriegsrisiko geringer, dafür steigt das Risiko von Transportschäden durch das häufige Umladen (Kranungen). Achten Sie darauf, dass die Police auch Verzögerungsschäden abdeckt, da gerade im Mittleren Korridor Container wochenlang in Häfen wie Aktau oder Baku feststecken können.
Wann lohnt sich das Risiko auf der Schiene noch?
Trotz aller Hürden hat die Bahnfracht weiterhin ihre Berechtigung, insbesondere wenn das gebundene Kapital in den Containern hoch ist. Für günstige Massenware (z. B. Möbel, einfache Textilien) ist der Aufpreis zur Seefracht und das Risiko kaum zu rechtfertigen. Anders sieht es bei Saisonware, Elektronik oder Maschinenbauteilen aus. Hier kostet jeder Tag auf See bares Geld in Form von Lagerbestandszinsen oder drohenden Bandstillständen.
Die Entscheidung pro Bahn fällt heute meist dann, wenn die Seefracht durch Krisen (wie Huthi-Angriffe im Roten Meer) massive Umwege fahren muss und die Luftfrachtbudgets erschöpft sind. Wenn Sie sich für die Bahn entscheiden, sollten Sie jedoch niemals „Just-in-Time“ planen. Ein Sicherheitspuffer von mindestens 7 bis 10 Tagen zur kalkulierten Ankunftszeit ist im aktuellen Umfeld Pflicht, egal welche Route gewählt wird.
Praxis-Checkliste für das Gespräch mit dem Spediteur
Verlassen Sie sich nicht auf pauschale Aussagen in Hochglanzbroschüren. Die Situation an den Grenzen ändert sich wöchentlich. Um böse Überraschungen zu vermeiden, sollten Sie Ihren Logistikdienstleister mit konkreten Fragen konfrontieren und deren Antworten schriftlich fixieren:
- Welche Route wird exakt gefahren (inklusive Grenzübergänge)?
- Wie wird der HS-Code (Warentarifnummer) vorab geprüft, um Stopps durch Dual-Use-Verdacht zu verhindern?
- Gibt es ein GPS-Tracking in Echtzeit, auch während des Transits durch Drittstaaten?
- Welche Notfallpläne existieren, wenn eine Grenze kurzfristig geschlossen wird (Re-Routing)?
- Sind Standgelder (Demurrage/Detention) inkludiert, wenn der Zug unverschuldet an einer Grenze steht?
Fazit und Ausblick: Die Zukunft ist diversifiziert
Die Zeiten, in denen man blind einen Container auf die „Neue Seidenstraße“ buchen konnte, sind vorbei. Die Bahnfracht aus China hat sich von einer Standardlösung zu einem Nischenprodukt für resiliente Lieferketten entwickelt. Der Nordkorridor bleibt ein riskantes Spiel mit der Geopolitik, während der Mittlere Korridor noch mit Kinderkrankheiten kämpft, aber massiv ausgebaut wird. China und die Anrainerstaaten investieren Milliarden in die Infrastruktur der Südroute, was mittelfristig zu mehr Stabilität führen dürfte.
Für Unternehmen bedeutet das: Diversifizierung ist das Gebot der Stunde. Setzen Sie nicht alles auf eine Karte. Ein gesunder Mix aus Seefracht für das Basisvolumen und Bahnfracht (bevorzugt über den Mittleren Korridor) für eilige Nachschublieferungen ist die robusteste Strategie. Wer die Bahn nutzt, muss heute mehr Zeit in Compliance und Risikoprüfung investieren – erhält dafür aber immer noch eine Transportoption, die die Lücke zwischen teurem Flugzeug und langsamem Schiff effektiv schließt.
