Ab geht die Post

Pilotprojekt ? Schnell und zuverlässig soll sie sein, die Post. Moderne Technologie ist dafür unabdingbar. Um Höchstleistungen bieten zu können, beschreiten die Österreichische Post und Siemens neue Wege.

15. Dezember 2005

Die Qualität und Performance von Postservice-Dienstleistern wird an der Zustellquote und -geschwindigkeit gemessen. Wichtigste Voraussetzung für Höchstleistungen beim vorangehenden automatischen Sortierprozess ist das korrekte Lesen möglichst aller maschinen- oder handschriftlichen Adressen. Als Weltpremiere werden im Rahmen eines gemeinsamen Pilotprojektes von Siemens und der Österreichischen Post die beim ersten Lesedurchgang nicht entzifferbaren Adressen per Web ab Briefsortierzentrum Wien an das Rechenzentrum von Siemens Postal Automation in Konstanz übermittelt, dort entziffert und wieder zurück direkt an die Sortiermaschinen in Wien gesandt. Der komplexe Transfer und die Bearbeitung beanspruchen in der Regel nur ein bis zwei Sekunden. Der Anwender spart bei der Nutzung dieses Service zum einen Kosten für IT und Wartung und zahlt zum anderen lediglich die Leistung nach gelesenen Adressen.

Obwohl automatische Brief-Sortiermaschinen derzeit rund 90 Prozent der maschinenschriftlichen Adressen lesen können, arbeiten die Hersteller von automatischen Sortiereinrichtungen weiter an der Vervollkommnung der Leserate. Die daraus resultierenden kontinuierlichen Verbesserungen der optischen Zeichenerkennung OCR (Optical Character Reader) nutzt den Herstellern und ihren Kunden, wie beispielsweise den Postservice-Anbietern, gleichermaßen. Das Siemens-Geschäftsgebiet Postal Automation, Konstanz, hat in diesem Zusammenhang einen system- und anwendungstechnisch innovativen, internetbasierten Lese- und Codierservice entwickelt, der die bis dato noch übliche No-Read-Quote von maschinen- und handschriftlichen Adressen drastisch reduziert.

Intensiver Wettbewerb um Marktanteile

Der neue Remote Service unter Einsatz des von Siemens entwickelten Secondary Address Reader (SAR) bewegt die exakte Zustellbarkeit der Sendungen wesentlich näher an die begehrte 100-Prozent-Marke. Damit verschafft er dem betreffenden Postdienstleister neben schnellerem Service für zufriedene Kunden auch nachhaltige Vorteilspotenziale am international immer intensiver umkämpften Gesamtmarkt der Postal Services. Vom Grundprinzip her werden im Rahmen dieses neuen Geschäftsmodells die Adressen von Postsendungen (wie Briefe und Pakete), die sich von den in den Sortiermaschinen installierten OCR-Systemen des betreffenden Postdiensteanbieters weder lesen noch codieren lassen, über eine sichere Internet-Verbindung zu einem von Siemens betriebenen Codierzentrum übertragen. Diese Einrichtung ist mit modernen Lese- und Codier-Algorithmen ausgestattet.

Ist die Adresse im Codierzentrum von Siemens verifiziert, wird sie an das OCR-System der Sortiermaschine des Postdienstleisters per Internet zurückübermittelt. Dieser komplexe Transfer-, Kommunikations- und Feedback-Vorgang spielt sich ? nicht zuletzt dank der schnellen Datenautobahn, die das World Wide Web bietet, und entsprechendem technischem Tuning seitens des Service-Providers ? in Sekundenschnelle ab. Wirtschaftlicher Vorteil für den Kunden: Er muss die Lese- und Codiergeräte für den nachgeordneten Lesevorgang nicht selbst vorhalten, sondern zahlt bei Inanspruchnahme des Service nur nach tatsächlich verifizierten Leseergebnissen.

Siemens und die Österreichische Post starteten im Sommer vergangenen Jahres ein Pilotprojekt mit dem Ziel, die Leseraten beim automatischen Lesen von Adressen auf Briefen und Großbriefen (und später auch bei Paketen) weiter zu steigern, indem durch einen zweiten, alternativen Lesevorgang zuvor nicht erkannte Adressen identifiziert werden.

Schnelle Kommunikation mit Hilfe des Internets

Hierfür kommuniziert der SAR im Codierzentrum am Standort von Siemens Postal Automation in Konstanz via Internet und mit Hilfe verschlüsselter Daten mit dem rund 700 Kilometer entfernten Briefzentrum in Wien, exakt: mit den dort eingesetzten Briefsortiermaschinen. Der SAR, eine Weiterentwicklung des OCR-Systems von Siemens für die optische Zeichenerkennung, liest noch exakter und bietet noch wirkungsvollere Codiereigenschaften. Generell extrahieren die von Siemens entwickelten OCR-Systeme die Sortierinformationen aus den Adressen oder Barcodes der Postsendungen. Dabei lesen sie die in Maschinen- oder Handschrift geschrieben Postleitzahlen, Orts-, Länder- und Straßennamen, die Haus- und Postfachnummer sowie Namen und Vornamen des Empfängers und transferieren diese aus der Erstlesung gewonnenen Informationen unmittelbar an die Postsortiermaschinen. Der dem Erstlesevorgang quasi per World Wide Web nachgeschaltete Zweitleser SAR übernimmt die beim ersten Lesevorgang nicht entzifferbaren und per Internet übermittelten Daten von den Sortiermaschinen im jeweiligen Postzentrum des Kunden. Er liest mit einem alternativen Rechenansatz die Adressen und sendet sie ? wiederum verschlüsselt und damit jeglichen Datenmissbrauch ausschließend ? per Internet an die betreffende Sortiermaschine zurück. So kann ohne Unterbrechung weitergearbeitet werden.

Das Pilotprojekt bot schnelle Übertragungsraten und damit gute Ergebnisse. Das Team der Österreichischen Post sowie die erfahrenen Spezialisten von Siemens aus Wien und Konstanz testeten den neuen Remote Service ausgiebig.

Eine Sache von Sekunden

Wie Ingolf Rauh von Siemens Postal Automation betont, wurden »mehr als 95 Prozent der Ergebnisse innerhalb von nur zwei Sekunden an die Rechner der Sortiermaschinen im Postzentrum Wien zurück- übermittelt, davon mehr als 60 Prozent innerhalb von nur einer Sekunde«.

Beste Ergebnisse schon beim Pilotprojekt

Die Ergebnisse zeigen, dass der gesamte Zeitbedarf des komplexen Prozesses der Übertragung des Adressenbildes der Postsendung per Internet von Wien nach Konstanz und zurück lediglich ein bis maximal zwei Sekunden beträgt: »Dies ist ein sensationell schneller Wert«, freut sich Ingolf Rauh, wobei die von -Siemens-Experten auf CORBA- und CEN-Grundlage entwi-ckelte Schnittstelle als Basis für die hohe Übertragungsgeschwindigkeit fungiert.

Der innovative Remote-Adress-Leseservice bietet beste Bedingungen sowohl für den Lese- und Codierservice-Anbieter als auch für den Postservice-Anbieter ? und damit eine rundum veritable Win-Win-Situation. Der Postservice-Anbieter kann nun die Fehlerrate des Service ebenso evaluieren wie die Übereinstimmung mit dem Service Level Agreement. Und der Lese- und Codierservice-Anbieter erhält nützliche Informationen und Klassifizierungen für die Optimierung der Fehlerrate, indem er das originale Adressfeldbild einsetzt.

Aber auch dieser Aspekt ist von Bedeutung: Das Geschäftsmodell bringt den beträchtlichen wirtschaftlichen Vorteil mit sich, dass der Postdienstleister bei der Nutzung des Service nur variable Kos-ten zu berücksichtigen hat, woraus monatliche Einsparungen hinsichtlich der ansonsten erforderlichen, manuellen Operationen resultieren. Denn die Kosten für den Service sind in den meisten Fällen niedriger als die Kosten für selbstbetriebene Videocodierung oder gar für die manuelle Sortierung.

Kosten für Investitionen und Wartung entfallen

Weiteres Einsparpotenzial für den Anwender: Die ansonsten für die Zweitlesung anfallenden Investitionen in Hard- und Software sowie die Wartungskosten entfallen. Besonders wichtig für die Betreiber von Postsortiersystemen ist, dass die per Remote-Service erzielte Leseleistung ausschließlich nach dem tatsächlich erreichten Leseergebnis und damit nach dem Click-Charge-Prinzip abgerechnet wird.

Als weiteren mit der Remote-Applikation zusammenhängenden Service richten die Postal Automation-Spezialisten des Hauses Siemens die Leseprogramme zentral laufend auf das individuelle Sendungsspektrum des betreffenden Postdienstes aus.

Schnelle Verfügbarkeit

Und auch dieser Vorteil sei erwähnt: Bei Inanspruchnahme des Service sind die jeweils neuesten Verfahren in der Lesetechnik für die Postkunden schnell verfügbar.

Mit zusätzlichen Offshore-Videocodier-Kapazitäten lässt sich der Service problemlos erweitern. Dieses Einsatzmodell ist speziell für Postdienste-Anbieter geeignet, die eine neue Codiertiefe einführen oder das eigene Video-Codieren komplett oder teilweise outsourcen möchten.

Erschienen in Ausgabe: 06/2005