Wer auf Alibaba.com einkauft, bestellt in der Regel nicht für den Eigenbedarf, sondern für den gewerblichen Handel. Anders als bei der B2C-Schwester AliExpress geht es hier oft um Paletten, Container und individuelle Fertigungen. Die Frage „Wann kommt die Ware an?“ ist daher komplexer, da sie nicht nur den Versand, sondern oft auch die Produktion umfasst.
Für Importeure ist die realistische Kalkulation der „Lead Time“ (Gesamtdurchlaufzeit) entscheidend, um „Out-of-Stock“-Szenarien im eigenen Lager zu vermeiden. Dieser Artikel schlüsselt auf, wie sich die Zeiten zwischen Produktion, Seefracht und Zoll zusammensetzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Lead Time beachten: Die Lieferzeit besteht aus zwei Blöcken: der Produktionszeit (15–60 Tage) und der reinen Transportzeit (5–45 Tage).
- Logistik-Wahl entscheidet: Während Luftfracht Express-Lieferungen in einer Woche ermöglicht, benötigt die kosteneffiziente Seefracht oft 4 bis 6 Wochen bis nach Europa.
- Ready to Ship: Artikel in der Kategorie „Ready to Ship“ sind Lagerware und können oft binnen 15 Tagen geliefert werden, während OEM-Produkte (Customizing) Monate benötigen.
Faktor 1: Produktion und Bereitstellung
Der erste große Zeitblock entsteht, bevor die Ware überhaupt den Hafen sieht. Alibaba unterscheidet stark zwischen zwei Produkttypen:
Ready to Ship (Lagerware)
Diese Produkte sind produziert und verpackt. Die „Processing Time“ beträgt hier oft nur 3 bis 7 Tage, bis die Ware an den Logistiker übergeben wird. Dies ist ideal für Dropshipping oder kleine Testbestellungen.
Custom Orders (Auftragsfertigung)
Das Kerngeschäft von Alibaba. Wenn Sie ein Logo aufdrucken lassen oder technische Spezifikationen ändern (OEM/ODM), beginnt die Fabrik erst nach Anzahlung mit der Arbeit.
- Dauer: Je nach Komplexität und Auslastung der Fabrik 15 bis 60 Tage.
- Tipp: Rechnen Sie den „Chinese New Year“-Feiertag (oft im Januar/Februar) ein, da hier die Produktion für bis zu 3 Wochen komplett stillsteht.
Faktor 2: Der Transportweg (Luft, Bahn, See)
Ist die Ware fertig, entscheidet die gewählte Logistik über die Geschwindigkeit.
1. Express & Luftfracht (Air Freight)
Für Muster (Samples) oder dringende Nachschublieferungen.
- Dauer: 5 bis 10 Tage.
- Kosten: Sehr hoch. Lohnt sich meist nur bis ca. 100–200 kg.
2. Bahnfracht (Rail Freight – „Neue Seidenstraße“)
Der Mittelweg zwischen Schiff und Flugzeug. Die Container kommen per Zug über China, Russland/Polen nach Deutschland.
- Dauer: 20 bis 30 Tage.
- Vorteil: Schneller als das Schiff, aber deutlich günstiger als das Flugzeug.
3. Seefracht (Sea Freight)
Der Standard für den Großhandel. Ob LCL (Teilcontainer) oder FCL (Vollcontainer) – dies ist die langsamste, aber günstigste Methode.
- Dauer: 35 bis 50 Tage.
- Verzögerungen: Häfen sind oft überlastet. Ein Schiff braucht rein fahrtechnisch ca. 30 Tage, aber die Abfertigung in den Häfen (Shanghai/Ningbo und Hamburg/Rotterdam) frisst zusätzliche Zeit.
Faktor 3: Incoterms und Zoll
Wie schnell die Ware bei Ihnen im Lager steht, hängt auch von den vereinbarten Handelsklauseln (Incoterms) ab.
- DDP (Delivered Duty Paid): Die bequemste Lösung. Der Lieferant (oder sein Spediteur) kümmert sich um alles bis zu Ihrer Tür, inklusive Zoll. Das ist schnell und planbar.
- FOB (Free on Board): Der Lieferant bringt die Ware nur aufs Schiff. Ab dem deutschen Hafen sind Sie zuständig. Wenn Sie hier keinen schnellen Zollagenten haben, kann der Container tagelang im Hafen feststecken, bis die Freigabe erfolgt.
Fazit
Eine pauschale „Alibaba Lieferzeit“ gibt es nicht. Wer Lagerware per Luftfracht bestellt, hat sie in 10 Tagen. Wer individualisierte Ware per Seefracht ordert, muss realistisch mit 3 Monaten von der Anzahlung bis zum Wareneingang planen. Professionelle Einkäufer rechnen immer einen Puffer von 14 Tagen für Zollbeschauen oder Hafenstreiks ein, um die eigene Lieferkette nicht abreißen zu lassen.
