Assisted Reality im Blick

Datenbrillen - Seit gut zwei Jahren wird beim Fahrzeughersteller Krone am Produktionsstandort Spelle mit der digitalen Pick-by-Vision-Lösung von Picavi kommissioniert. Bis zu zehn Werker nutzen die Assisted- Reality-Brillen für die Produktionsversorgung der Selbstfahrer-Landmaschinen. Die Logistiker im Emsland vermelden nach der Umstellung auf die neue Pick-Anwendung eine Zeitersparnis von 15 Prozent.

18. Oktober 2019
Assisted Reality im Blick
Am Krone-Standort in Spelle werden Mähaufbereiter und Feldhäcksler produziert. (© Krone)

Ist von den Vokabeln »Digitalisierung« und »Selbstfahrer« die Rede, können die Gedanken schon einmal in die falsche Richtung abbiegen. Die Selbstfahrer, die die Krone-Gruppe im Emsland produziert, sind (noch) nicht autonom unterwegs. Bei den in Spelle hergestellten Mähaufbereitern und Feldhäckslern bedeutet »Selbstfahrer«, dass derjenige, der die Arbeitsmaschine bedient, auch selbst lenkt. Das klassische Bild also, das einem bei der Fahrt durch den ländlichen Raum während der Erntezeit immer wieder abseits der Straßen auf den Feldern begegnet.

Neun-Stunden-Schicht

Um eine solche Maschine, wie den selbstfahrenden Hochleistungs-Mähaufbereiter Big M 450 mit seinen fast 450 PS und einer Arbeitsbreite von fast zehn Metern, zu bauen, bedarf es einer Menge Einzelteile. »Insofern verwundert es nicht, dass wir allein für die Produktionsversorgung der Selbstfahrer mehr als 3.100 Warenbewegungen pro Woche zählen«, skizziert Markus Corduan, Leiter der Logistik bei Krone, den Arbeitsaufwand für seine Kommissionierer.

»Ziel ist, eine stringente visuelle Führung des Lagermitarbeiters zu ermöglichen.«

— Sebastian Rahlfs, Leiter Logistikplanung bei Krone

Diese sind in Schichten von neun Stunden Länge seit Mitte 2017 mit den Datenbrillen von Picavi im Speller Produktionsversorgungslager unterwegs. Ermöglicht wird diese Dauer von dem bei Picavi »Ökosystem« genannten Umfeld aus Soft- und vor allem auch Hardware-Innovationen. Sie lassen nach Unternehmensangaben aus dem Glass-Enterprise-Edition-Modell des mit Picavi kooperierenden Google-Ablegers X eine industrietaugliche Alltagslösung für die Intralogistik werden. Der »Picavi Power Control«, Steuer- und Akkuelement in einem, soll so einen Langzeitbetrieb über eine stabile Kabelverbindung zur Datenbrille ermöglichen, den dieses Modell ab Werk selbst nicht leisten könnte.

Deutliche Zeitersparnis

Krone setzt die Pick-by-Vision-Lösung bereits im Wareneingangsdialog ein. Zu den weiteren Verwendungsgebieten zählen fast alle Kommissioniervorgänge im Produktionsversorgungslager. »Ob die Befüllung der Kanbanbehälter, die direkten Nachschübe an die Montagelinie oder auch die Abholung und jene über die Scanfunktion der Brille gewährleistete Registrierung der leeren Ladeeinheiten: Alle Prozessschritte können unsere Werker mit der Picavi-Anwendung schnell und effizient absolvieren«, beschreibt Markus Corduan die Arbeitsweise seines Teams. »Die zuvor ausschließlich genutzten Handscanner haben den Nachteil, dass eine Hand für das Halten geblockt ist. Dies ist mit der Pick-by-Vision-Lösung nicht mehr der Fall. Quantitativ werden wir durch die Datenbrille in der Kommissionierung etwa 15 Prozent schneller«, ergänzt der Krone-Logistikleiter.

Aus qualitativer Sicht wird die Umstellung auf die Datenbrille dadurch – im wahrsten Sinne des Wortes – sichtbar, dass die Prozessschritte für den Werker auf dem Display erscheinen. »Ziel des Picavi-Produktes ist es, eine stringente visuelle Führung des Lagermitarbeiters zu ermöglichen. So kann er nicht nur schneller arbeiten, er vermeidet durch die Hinweise auf der Brille auch Flüchtigkeitsfehler«, betont Sebastian Rahlfs, Leiter der Logistikplanung bei Krone.

Auch auf dem Stapler

Einen anderen Punkt nennt Markus Corduan: »Da die Einarbeitung der neuen Mitarbeiter mit der Datenbrille sehr schnell geht, können unsere Neuzugänge ohne lange Anlaufphase umgehend in die Kommissionierung einsteigen.« Das gilt im Übrigen nicht nur für die zu Fuß beschrittenen Wege im Produktionsversorgungslager. Denn, so Corduan, »besonders profitieren bei uns die Mitarbeiter, die aus dem Lager mit einem Flurförderfahrzeug kommissionieren, da die dafür notwendigen Informationen am Rande des Sichtfeldes im User-Interface der Brille vorhanden sind«. So entfällt durch den Einsatz der Pick-by-Vision-Lösung die Doppelaufgabe von Fahrzeugsteuerung und Handscannerbedienung.

Assisted oder Virtual Reality?

Geht es um visualisierbare Zukunftsszenarien, dominiert in der Öffentlichkeit das Thema »Virtual Reality«. Für die schrittweise Digitalisierung des Lageralltages setzt Picavi auf eine klar von der tatsächlichen Umgebung abgrenzbare Informationsanreicherung in Form der sogenannten »Assisted Reality«. »Sie scheint sich, bezogen auf die Kommissionierung, als die sinnvollste technische Innovation zu etablieren«, sagt Picavi. Das User-Interface der Datenbrille liefert dem Werker beim Anheben seines Kopfes in seinem Sichtfeld alle Informationen, um seine Aufgaben im Intralogistikalltag schnell und fehlerfrei zu erledigen.

Eine Frage der Akzeptanz

Die auf dem Display für den Werker sichtbaren Arbeitsschritte sind das eine, die dahinter liegende IT-Anbindung, in der beispielsweise über das Lagerverwaltungssystem die 2.000 Stellplätze im Speller Lager hinterlegt sind, stellen die andere Seite des erfolgreich verlaufenen Umstieges auf die Datenbrille dar. In nur zwölf Wochen vom sogenannten »Kick-Off« bis zum »Go-Live« wurde das Projekt zwischen Krone und Picavi am emsländischen Standort aus der Taufe gehoben. »Es war sicher keine einfache Aufgabe, die bisher existierenden Prozesse so zu dokumentieren, dass Picavi mit den übergebenen Informationen die Pick-by-Vision-Lösung auf unsere spezifischen Anforderungen anpassen konnte«, erklärt Markus Corduan. Sebastian Rahlfs weist darauf hin, dass Picavi »gemeinsam mit io-consultants, einem SAP-Experten, die Einbindung der Brille ohne Middleware umsetzen konnte. Mittels einer Standardschnittstelle wurde die Pick-by-Vision-Lösung in die bestehende digitale Lager- umgebung integriert.«

Die Unternehmen

Der Firmensitz der Bernard Krone Holding ist in der emsländischen Gemeinde Spelle zu finden. Fast 5.000 Mitarbeiter des vor über einhundert Jahren gegründeten Herstellers von Landtechnik und Nutzfahrzeugen erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2017/18 ein Rekordergebnis: 2,1 Milliarden Euro.

Picavi ist seit mehr als vier Jahren mit seiner Pick-by-Vision-Lösung am Markt. Das in Herzogenrath bei Aachen beheimatete Unternehmen ist nach eigenen Angaben der Start-up-Phase endgültig entwachsen. Mehr als 60 Kunden auf der ganzen Welt nutzen das »Ökosystem« aus Hard- und Software.

Die Akzeptanz für eine neue Herangehensweise an die täglichen Aufgaben ist am einfachsten zu erreichen, wenn die Ergebnisse stimmen – und der Trennungsschmerz vom Vorgängersystem bei allen Aufgaben gering ausfällt. »Hier haben wir festgestellt, dass nur einwandfrei funktionierende Abläufe mit der Brille gelebt werden. Da bei einem Arbeitsschritt, dem Wareneingang des Produktionsversorgungslagers, bestimmte Zahleneingaben noch manuell erfolgen müssen, wurden alte Abläufe vermisst«, erzählt Markus Corduan. »Das ist jetzt Vergangenheit, da sich unser Partner dieser Thematik rasch angenommen hat. Picavi hat die Pick-by-Vision-Lösung durch eine Sprachsteuerungsfunktion inzwischen ergänzt, sodass auch diese Aufgabe komplett über die Datenbrille realisiert werden kann.« Seit dem letzten Jahr sind nun auch in Spelle Mengenkorrekturen über das in der Datenbrille integrierte Mikrofon möglich.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 50 bis 51

Schlagworte