Der Online-Handel mit Kfz-Ersatzteilen gehört zur Königsklasse des E-Commerce. Anders als bei Mode oder Büchern haben es Logistiker hier mit einer extremen Varianz an Produkten zu tun: Von der winzigen Sicherung bis zum schweren Motorblock oder der empfindlichen Windschutzscheibe. Autodoc, als einer der größten Online-Händler für Autoersatzteile in Europa, bewegt täglich Zehntausende dieser Artikel.
Die Lieferzeit ist in diesem Segment ein kritischer Faktor. Oft steht das Fahrzeug des Kunden in der Werkstatt auf der Hebebühne, und jeder Tag Verzögerung kostet Geld oder Mobilität. Die Analyse der Autodoc-Logistik zeigt, wie das Unternehmen versucht, die Balance zwischen einem riesigen Sortiment (Long Tail) und schnellen Lieferzeiten zu meistern, und wo dabei die systemimmanenten Flaschenhälse liegen.
Das Wichtigste in Kürze
- Zentralisierung in Stettin: Die Distribution erfolgt primär aus riesigen Logistikzentren in Stettin (Szczecin), Polen. Die geografische Nähe zu Deutschland ermöglicht kurze Laufzeiten, erfordert aber einen grenzüberschreitenden Lkw-Transport (Line-Haul) zu den deutschen Hubs.
- Verfügbarkeit vs. Lagerbestand: Die Lieferzeit hängt maßgeblich davon ab, ob ein Artikel physisch im Autodoc-Lager liegt oder „Just-in-Time“ vom Hersteller beschafft wird. Die Statusanzeige im Shop („Auf Lager“ vs. „Lieferbar in…“) ist der entscheidende Indikator.
- Prozess-Priorisierung: Durch die kostenpflichtige Option „Sicher bestellen“ (Safe Order) wird die Kommissionierung im Lager priorisiert, was die interne Bearbeitungszeit verkürzt, jedoch keinen Einfluss auf die reine Laufzeit des Paketdienstleisters hat.
Das Logistik-Hub Stettin: Das Herz der Distribution
Um die Lieferzeiten von Autodoc zu verstehen, muss man die Infrastruktur betrachten. Obwohl der Hauptsitz des Unternehmens in Berlin liegt, findet die operative Logistik fast vollständig jenseits der Grenze in Polen statt. In Stettin (Szczecin) betreibt Autodoc mehrere hochmoderne Lagerhallen mit einer Gesamtfläche von mehreren zehntausend Quadratmetern.
Der Standortvorteil: Stettin liegt nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Dies erlaubt Autodoc, die Kostenvorteile des polnischen Standorts (Lohn, Fläche) zu nutzen und dennoch sehr nah am deutschen Absatzmarkt zu sein.
Der Logistik-Ablauf:
- Pick & Pack: Bestellungen werden im Lager kommissioniert. Aufgrund der Sortimentsbreite (Millionen von SKUs) ist dies ein hochkomplexer Prozess, der durch Fördertechnik und halbautomatische Systeme unterstützt wird.
- Line-Haul: Die gepackten Sendungen werden per Lkw über die Grenze zu den Verteilzentren (Hubs) der deutschen Paketdienstleister (meist DHL, GLS oder DPD) gefahren.
- Last Mile: Erst hier erfolgt der erste Scan im deutschen Netz. Das erklärt, warum Kunden oft sehen: „Daten übermittelt“, aber das Paket sich erst am nächsten Tag in Deutschland bewegt.
Realistisch bedeutet dies eine Standard-Laufzeit von 2 bis 4 Werktagen, sofern die Ware sofort greifbar ist.
Die Herausforderung der Bestandsführung
Die größte Variable in der Lieferzeit-Gleichung ist die Verfügbarkeit der Teile. Kein Händler kann Millionen von Autoteilen für tausende Fahrzeugmodelle permanent in hoher Stückzahl vorrätig halten. Autodoc arbeitet daher mit einer Mischung aus Lagerhaltung und Cross-Docking.
1. Lagerware (Grüner Status)
Schnelldreher wie Ölfilter, Bremsbeläge gängiger Modelle oder Scheibenwischer sind in Stettin physisch auf Lager.
- Prozess: Bestellung -> Pick -> Pack -> Versand.
- Zeitfenster: Versand oft binnen 24 Stunden.
2. Beschaffungsware (Gelber/Roter Status)
Seltenere Teile (z. B. ein Querlenker für einen 20 Jahre alten Lancia) werden oft erst bei Bestellung durch den Kunden beim Hersteller oder Großhändler geordert.
- Prozess: Bestellung -> Order beim Lieferanten -> Wareneingang Autodoc -> Cross-Docking/Umpacken -> Versand.
- Zeitfenster: Hier verlängert sich die Lieferzeit signifikant, oft auf 5 bis 7 Werktage oder länger.
Kunden übersehen oft den kleinen Hinweis „Versandfertig in 3-5 Tagen“ und gehen fälschlicherweise von sofortigem Versand aus. Für die Logistik bedeutet dies, dass Sendungen oft konsolidiert werden müssen: Das Paket wartet, bis das letzte Teil vom Zulieferer eingetroffen ist.
„Sicher bestellen“: Logistik als Upsell-Produkt
Autodoc bietet im Checkout die Option „Sicher bestellen“ gegen einen Aufpreis an. Aus logistischer Sicht ist dies ein interessantes Produkt. Es kombiniert zwei Elemente:
- Priorisierte Kommissionierung: Der Auftrag rutscht in der digitalen Pick-Liste nach oben. In Spitzenzeiten (z. B. Reifenwechsel-Saison, Black Friday) kann dies den Unterschied machen, ob das Paket heute oder erst übermorgen das Lager verlässt.
- Erweiterte Retouren-Logistik: Der Kunde erkauft sich das Recht, Teile ohne Angabe von Gründen 200 Tage lang zurückzusenden (statt der gesetzlichen 14 Tage) und erhält kostenlose Retouren-Labels.
Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Option kein Expressversand im Sinne von DHL Express ist. Der Transportweg bleibt derselbe Standard-Lkw. Lediglich die interne Verweildauer im Lager (Cut-off-Zeit) wird optimiert.
Sperrgut und Pfandteile: Logistische Sonderfälle
Die Kfz-Logistik kennt Herausforderungen, die dem normalen Paketversand fremd sind.
- Sperrgut: Auspuffanlagen, Motorhauben oder Spoiler passen nicht auf Standard-Paketbänder. Sie müssen manuell bearbeitet und oft als Sperrgut mit spezialisierten Speditionen versendet werden. Dies verlängert die Laufzeit fast immer um 1 bis 2 Tage im Vergleich zum Standardpaket.
- Pfandteile (Core Parts): Viele Autoteile (Lichtmaschinen, Bremssättel, Anlasser) werden im Austausch verkauft. Der Kunde zahlt ein Pfand, das er erstattet bekommt, wenn er das Altteil zurücksendet. Dies erfordert eine komplexe Reverse Logistics. Das Altteil muss im Lager in Stettin ankommen, ausgepackt, identifiziert und dem ursprünglichen Auftrag zugeordnet werden, bevor die Finanzabteilung das Pfand freigeben kann. Dieser Prozess ist oft der Grund für Beschwerden über „langsame Rückerstattungen“, da er manuell prüfintensiv ist.
Fazit: Ein robustes System mit systemischen Wartezeiten
Die Lieferzeiten von Autodoc sind für die Branche marktüblich und spiegeln die Komplexität der grenzüberschreitenden Logistik wider. Wer Standard-Verschleißteile bestellt, erhält diese meist sehr zügig (2-3 Tage).
Verzögerungen entstehen meist nicht auf der Straße, sondern in der digitalen Verfügbarkeit: Wenn Bestände von Zulieferern nicht synchronisiert sind oder Teile erst beschafft werden müssen. Für B2B-Kunden (Werkstätten) ist die Planbarkeit oft wichtiger als die absolute Geschwindigkeit. Für den Privatkunden gilt: Ein genauer Blick auf den Verfügbarkeitsstatus des Artikels ist der beste Indikator für das Eintreffen des Pakets.
