Bock auf den Job

Editorial

»Dass Berufskraftfahrer sich weiter professionalisieren können, ist löblich. Am Ende aber muss auch das Einkommen stimmen.«

19. Juni 2015

»Die Zeit ist eine Meisterin des Vergessens«, heißt es in einem Chansontext, der gefühlte 100 Jahre alt ist. Vergessen habe ich die Zeile trotzdem nicht. Wie vieles andere auch. Beispielsweise, dass der, der als Belgier Auto fahren wollte, den Führerschein bis in der 60er-Jahre hinein im Rathaus abholen konnte – ohne jemals eine Fahrstunde genommen zu haben. Ähnlich verhielt es sich mit Berufsbezeichnungen. Wer ein schweres Vehikel wie einen Lastwagen, etwa der Marke Krupp, über längere Strecken fahren konnte, war Fernfahrer.

Eine Namensgebung, die später und nach entsprechender Ausbildung in Kraftfahrer umgewandelt wurde. Ja, auch in diesem Fall hat im Laufe vieler Jahre eine Professionalisierung Platz gegriffen. Heute, in einer Zeit, die im Berufsleben alles verzeiht, außer Unprofessionalität, können Fern- beziehungsweise Kraftfahrer auch die höheren Weihen des Lebens hinter dem Lenkrad empfangen. Der weltweit tätige Logistikdienstleister Dachser macht’s möglich. In einer Pressemitteilung des Unternehmens heißt es: »Mit der Dachser Service und Ausbildungs GmbH setzt unser Haus ein ganzheitliches Konzept zur Förderung von Berufskraftfahrern um. Eine Schlüsselfunktion kommt dem Fuhrparkmanager zu, der sich um die Ausbildung kümmert und zugleich Bindeglied zwischen Fahrern, Transportunternehmen und Niederlassung ist. Zum Ausbildungsbeginn 2014 starteten in Deutschland 45 Berufskraftfahrer nach diesem Modell, ab Herbst 2015 kommen mindestens 80 weitere hinzu«.

Seine Aus- und Weiterbildungsinitiative hat Dachser nicht allein aus altruistischen Gründen ergriffen. Vom

Mangel an Fahrern ist die gesamte Transportbranche betroffen. Da will Dachser mit seinem Ausbildungsprogramm sein Netzwerk an Fahrern langfristig sichern. Dennoch: Mit der Initiative, die Interessenten auch den Weg zum selbstständigen Transportunternehmer ebnen soll, kann der für sein vorbildliches Programm zur weiteren Professionalisierung von Mitarbeitern bekannte Logistikdienstleister Dachser erneut punkten. Bleibt nur zu hoffen, dass am Ende auch die Kohle stimmt. Noch nämlich haben viele Berufsanfänger keine Lust zum Job auf dem Bock.

Michael Weilacher

Erschienen in Ausgabe: 03/2015