Herr Welcker, Sie mahnen die deutsche und europäische Politik, in Sachen Handelspolitik und China die Zügel anzuziehen. Warum?

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Der VDMA ist prinzipiell der Meinung, dass offene Märkte und Investitionsfreiheit zum Wohlstand aller Beteiligter beitragen. China ist für den deutschen Maschinenbau ein sehr wichtiger Handelspartner. Es ist unser zweitgrößter Exportmarkt, umgekehrt sind die Chinesen inzwischen der größte Maschinenexporteur nach Deutschland. Die Handelspolitik mit China spielt für unser Geschäft also eine ganz wichtige Rolle, und wir sind grundsätzlich für einen Ausbau der Handelsbeziehungen auf marktwirtschaftlicher Basis. Genau deshalb fordern wir aber von der europäischen Politik schon seit Langem, dass sie mit China ein »Level Playing Field« für unsere Unternehmen verhandelt, um dort die gleichen Spielregeln für Übernahmen und Beteiligungen wie in Europa zu schaffen. Darüber hinaus fordern wir, dass bei chinesischen Investitionen strenger hingeschaut wird, ob dabei marktverzerrende staatliche Subventionen im Spiel sind. Auch im Produktionsbereich sind die chinesischen Subventionen ein Thema. Denn sie verzerren die lokalen Produktionskosten und die Exportmärkte. Unser Vorschlag ist daher: Nicht bei der WTO gemeldete Subventionen sollten künftig automatisch als »marktverzerrend« eingestuft werden, was die Möglichkeit eröffnet, Retorsionsmaßnahmen einleiten zu können. Der Grund für diese Forderungen ist offensichtlich: Aufgrund solcher Staatssubventionen herrscht sowohl bei Beteiligungen und Übernahmen als auch auf den Produktmärkten kein fairer Wettbewerb. Das sehen übrigens nicht nur wir so, auch der BDI vertritt diese Position.

Unternehmen aus Ihrer Sicht CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier und die Bundesregierung zu wenig?

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Die Handelspolitik mit China ist in erster Linie Sache der EU, weil sie die Handelsbeziehungen mit Drittstaaten regelt. Aber wir hoffen, dass unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr endlich das seit 2014 in vielen Runden verhandelte Investitionsabkommen zwischen der EU und China zustande kommt. Die Kanzlerin hat das ja für ein Gipfeltreffen im September in Leipzig in Aussicht gestellt. Dieses Abkommen würde der europäischen Industrie insgesamt weiterhelfen.

Zur Person

Carl Martin Welcker wurde am 11. November 2016 von der VDMA-Mitgliederversammlung in Berlin zum neuen VDMA-Präsidenten gewählt. Welcker (Jahrgang 1960) absolvierte nach seinem Abitur eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Anschließend studierte er Wirtschaftsingenieurwesen. Nach seinem Studium arbeitete er für den Werkzeugmaschinenbauer Klingelnberg Söhne und einen amerikanischen Messer- und Sägenhersteller. 1992 erfolgte der Eintritt in das familieneigene Unternehmen Alfred H. Schütte, Köln. Seit 1993 ist er dort geschäftsführender Gesellschafter.

Ist eine Politik à la Trump, die auf Konfrontation setzt, vielversprechend?

Wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand beruhen vor allem auf sicheren Rechtssystemen und freiem Handel. Zollkriege und machtpolitische Konfrontationen schaden dagegen einem reibungslosen Handel. Von daher kann von »vielversprechend« keine Rede sein.

Was konkret kritisieren Sie am chinesischen Wirtschaftssystem?

China ist eine erfolgreich aufstrebende Wirtschaftsmacht, die das Modell des Staatskapitalismus verfolgt, und schon lange kein Entwicklungsland mehr ist. Von daher sollte sich China auch an die Regeln der WTO halten und den freien Handel auch im und mit dem eigenen Land zulassen. Joint-Venture-Zwänge und andere protektionistische Maßnahmen sind kontraproduktiv.

Was stellen Sie sich vor: Wie kann der Staat die deutschen Maschinenbauer handelspolitisch unterstützen?

Der Abschluss des EU-China-Investitionsabkommens, das uns den Weg auf den chinesischen Markt zu fairen, marktwirtschaftlichen Bedingungen ermöglicht, wäre die beste Unterstützung, die wir uns wünschen könnten. Es gibt aber auch noch andere Themen, wie beispielsweise der Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen in China, die von EU-Seite angegangen werden müssen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bleiben wir bei den öffentlichen Ausschreibungen für Projekte. In Europa kann sich jedes Unternehmen für einen solchen Auftrag bewerben und es gibt transparente Vergabeverfahren. In China kommen dagegen meist nur chinesische Anbieter zum Zug.

Ist es realistisch, dass China sein Verhalten ändert?

Wenn China wirklich langfristig den eigenen Wachstumspfad sichern will, wäre die Regierung gut beraten, viel stärker als bisher auf echte, marktwirtschaftliche Reformen zu setzen. Denn ohne einen vertrauensvollen Austausch von hochwertigen Produkten, Dienstleistungen und Know-how kann auch ein so riesiges Land wie China die Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern.

Fordern Sie für Ihre deutschen Mitgliedsunternehmen auch Subventionen oder staatliche Unterstützung wie in China?

»China sollte sich an die Regeln der WTO halten.«

— Carl Martin Welcker, VDMA

Ein klares Nein. Wir wollen keinen Subventionswettlauf, sondern marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen, die freie Unternehmensentscheidungen ermöglichen und begünstigen.

Bis vor wenigen Jahren war der VDMA eher chinafreundlich ausgerichtet. Was hat zu der veränderten Position beigetragen?

Unsere Position hat sich im Grundsatz nicht geändert; unsere Mitglieder sind nach wie vor in hohem Maße in China engagiert. Unsere Industrie hat in den letzten Jahren rund 70.000 hochwertige Arbeitsplätze vor Ort geschaffen. Und wir begrüßen immer noch chinesische Investoren auch in Deutschland. Chinesische Eigentümer haben sich im Maschinenbau als sehr verlässliche Partner erwiesen. Es sind die versteckten staatlichen Subventionen für chinesische Unternehmen und die Behinderungen im Markt, die uns nicht gefallen, und das haben wir nun klar angesprochen.

Geht das zusammen, eine kritischere Haltung, und gleichzeitig der Wunsch deutscher Unternehmen, vom Wachstum in China zu profitieren?

Das passt sogar sehr gut zusammen. Denn wenn China sich marktwirtschaftlich öffnen würde, wäre es eine Win-win-Situation. Durch den Ausbau der Arbeitsteilung könnte der gegenseitige Handel ausgeweitet werden und es entstünden hier wie dort neue Arbeitsplätze.

Wie sieht die Welt des Handels zwischen China und Deutschland in zehn Jahren aus?

Ich wünschte, ich hätte diese Glaskugel. Aber wenn die Weltwirtschaft sich positiv entwickeln soll, dann müssen die großen Wirtschaftsmächte zu einem Handel auf Basis der WTO-Regeln zurückfinden.