Die Zeiten, in denen Nachhaltigkeitsberichte bunte Image-Broschüren mit Fotos lachender Fahrer und grüner Wiesen waren, sind vorbei. Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) macht die Europäische Union ernst. Für Logistikunternehmen bedeutet das: Finanzkennzahlen und Nachhaltigkeitsdaten stehen künftig auf einer Stufe. Der Bericht wandert verpflichtend in den Lagebericht und muss von Wirtschaftsprüfern testiert werden. Doch gerade in der Transportbranche, die von komplexen Lieferketten und hohem CO2-Ausstoß geprägt ist, stellt die Datenerhebung eine massive Hürde dar.
Das Wichtigste in Kürze
- Die CSRD-Pflicht betrifft stufenweise fast alle großen Unternehmen und fordert prüfungssichere Daten statt Marketingaussagen.
- Logistiker müssen nicht nur eigene Emissionen erfassen, sondern auch tief in die Lieferkette (Scope 3) und soziale Aspekte blicken.
- Zentrales Werkzeug ist die „doppelte Wesentlichkeit“, um relevante Themen von unnötigem Datenballast zu trennen.
Wer in der Logistik wann berichtspflichtig wird
Die CSRD weitet den Kreis der betroffenen Unternehmen massiv aus. Während bisher nur kapitalmarktorientierte Konzerne unter die CSR-Richtlinie fielen, greift die Pflicht nun schrittweise für einen Großteil des Mittelstands. Entscheidend ist die Erfüllung von mindestens zwei der drei Größenkriterien: mehr als 250 Mitarbeitende, über 50 Millionen Euro Nettoumsatz oder über 25 Millionen Euro Bilanzsumme. Wer diese Grenzen überschreitet, muss für das Geschäftsjahr 2025 (Bericht in 2026) bereit sein.
Doch auch kleinere Speditionen oder Lagerhalter, die formal nicht unter die Pflicht fallen, spüren den Druck sofort. Große Auftraggeber – etwa aus der Automobilindustrie oder dem Handel – sind verpflichtet, ihre gesamte Lieferkette zu durchleuchten. Sie reichen die Datenanforderungen an ihre Transportdienstleister weiter. Wer hier keine validen Emissionsdaten liefern kann, riskiert mittelfristig den Verlust von Aufträgen, da er das Nachhaltigkeitsrating des Kunden verschlechtert.
Die relevanten Themenfelder der ESRS-Standards
Die inhaltliche Grundlage bilden die European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Für Logistiker ist nicht jeder der zahlreichen Unterpunkte relevant, doch einige Bereiche sind für die Branche unumgänglich. Diese Themenblöcke müssen fast alle Transportunternehmen abdecken:
- Klimawandel (ESRS E1): Der Fokus liegt auf Energieverbrauch, CO2-Emissionen der Flotte und der Immobilien sowie Anpassungsstrategien an Klimarisiken.
- Eigene Belegschaft (ESRS S1): Hier geht es um Arbeitsbedingungen, faire Entlohnung, Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit – gerade angesichts des Fahrermangels ein kritisches Feld.
- Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette (ESRS S2): Relevant für Unternehmen, die Subunternehmer einsetzen. Wie werden die Fahrer der Partner behandelt?
- Unternehmenspolitik (ESRS G1): Themen wie Korruptionsbekämpfung, Zahlungsmoral und das Management von Beziehungen zu Lieferanten.
- Ressourcennutzung (ESRS E5): Spielt vor allem in der Kontraktlogistik und Verpackung eine Rolle (Abfallmanagement, Kreislaufwirtschaft).
Diese Struktur hilft Unternehmen, sich nicht im Detail zu verlieren, sondern die Berichtserstattung logisch zu gliedern. Die Kunst besteht darin, aus diesem Katalog nur das auszuwählen, was für das eigene Geschäftsmodell wirklich „wesentlich“ ist.
Doppelte Wesentlichkeit als strategischer Filter
Das Herzstück der CSRD ist die sogenannte doppelte Wesentlichkeitsanalyse. Sie verhindert, dass Unternehmen wahllos Daten sammeln. Logistiker müssen zwei Perspektiven prüfen: die „Inside-Out“-Perspektive (Welche Auswirkungen hat mein Lkw-Fuhrpark auf Mensch und Umwelt?) und die „Outside-In“-Perspektive (Welche finanziellen Risiken entstehen für mich durch den Klimawandel, etwa durch CO2-Bepreisung oder extremwetterbedingte Lieferausfälle?).
Nur Themen, die in mindestens einer der beiden Perspektiven als wesentlich eingestuft werden, müssen in den Bericht. Für einen reinen Transportdienstleister ist der CO2-Ausstoß (E1) immer wesentlich. Das Thema „Wasser- und Meeresressourcen“ (E3) ist dagegen oft vernachlässigbar, es sei denn, man betreibt Binnenschifffahrt oder reinigt Tankwagen. Diese Analyse ist der wichtigste Schritt vor der eigentlichen Datenerhebung, um Ressourcen zu schonen.
Die Datenhürde: Scope 1, 2 und 3 korrekt erfassen
Die größte technische Herausforderung liegt in der Erfassung der Treibhausgasemissionen nach dem GHG Protocol. Scope 1 (direkte Emissionen durch eigene Verbrenner-Fahrzeuge) und Scope 2 (indirekte Emissionen durch zugekauften Strom für Lagerhallen) sind meist gut über Tankrechnungen und Stromzähler ermittelbar. Hier liegen die Daten im eigenen Haus vor und müssen „nur“ zentralisiert werden.
Komplex wird es bei Scope 3. Diese Kategorie umfasst alle indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette – also auch die Fahrten, die an Subunternehmer vergeben wurden. Da viele Spediteure einen Großteil ihrer Touren fremdvergeben, macht Scope 3 oft den Löwenanteil des CO2-Fußabdrucks aus. Hier reicht es künftig nicht mehr, pauschale Durchschnittswerte zu schätzen. Unternehmen müssen Primärdaten von ihren Partnern anfordern oder wissenschaftlich fundierte Rechenmodelle nutzen, die Fahrzeugtyp, Ladungsgewicht und Distanz berücksichtigen.
Typische Fehler bei der CSRD-Umsetzung vermeiden
Trotz guter Vorbereitung tappen viele Logistikunternehmen in klassische Fallen, die den Prozess unnötig verteuern oder das Testat des Wirtschaftsprüfers gefährden. Wer diese Stolpersteine kennt, spart viel Zeit in der Korrekturphase:
- Excel-Chaos statt Systematik: Wer versucht, tausende Datensätze aus Telematiksystemen manuell in Tabellen zu pflegen, verliert die Nachvollziehbarkeit. Auditoren fordern eine lückenlose Datenhistorie.
- Soziale Aspekte ignorieren: Viele Logistiker fokussieren sich rein auf CO2. Die CSRD fordert aber explizit Angaben zu Sozialstandards. Fehlende Konzepte zur Fahrersicherheit fallen negativ auf.
- Lagebericht-Integration unterschätzen: Der Nachhaltigkeitsbericht ist kein separates PDF mehr, sondern Teil des offiziellen Lageberichts. Er muss zeitgleich mit dem Jahresabschluss fertig sein – der Zeitdruck ist also deutlich höher als früher.
- Mangelnde Datenqualität bei Subunternehmern: Wer sich darauf verlässt, dass Frachtführer ihre Daten pünktlich liefern, erlebt oft böse Überraschungen. Hier sind frühzeitige Vertragsklauseln oder IT-Schnittstellen nötig.
Besonders die prüfungssichere Dokumentation wird oft unterschätzt. Es reicht nicht, eine Zahl zu nennen; man muss herleiten können, wie diese Zahl zustande kam, welche Umrechnungsfaktoren genutzt wurden und woher die Rohdaten stammen.
Software-Unterstützung und Digitalisierung nutzen
Angesichts der Datenmengen ist der Einsatz spezialisierter ESG-Software für die meisten Logistiker ratsam. Gute Lösungen docken direkt an das Transport Management System (TMS) oder die Telematik an und ziehen sich Verbrauchsdaten automatisch. Zudem müssen die Berichte am Ende in einem maschinenlesbaren Format (XBRL-Tagging) ausgegeben werden, was manuell kaum leistbar ist.
Die Digitalisierung der Nachhaltigkeitsdaten bietet dabei einen operativen Nebeneffekt: Wer genau weiß, auf welchen Routen und mit welchen Fahrzeugen die Emissionen am höchsten sind, identifiziert oft auch wirtschaftliche Ineffizienzen. Ein hoher Dieselverbrauch ist schließlich nicht nur schlecht für die Bilanz des Klimas, sondern auch für die finanzielle Bilanz.
Fazit und Ausblick: Transparenz als Währung
Die CSRD ist ein bürokratischer Kraftakt, der Ressourcen bindet und Prozesse verändert. Doch für die Logistikbranche, die unter starkem Transformationsdruck steht, bietet die Pflicht auch Chancen. Banken knüpfen Kreditkonditionen zunehmend an ESG-Kriterien, und Kunden vergeben langfristige Kontrakte bevorzugt an transparente Partner, die ihnen helfen, ihre eigenen Scope-3-Ziele zu erreichen.
Wer die Berichterstattung nicht als lästige Pflicht, sondern als Steuerungsinstrument begreift, kann sich vom Wettbewerb abheben. Ein sauberer Datenhaushalt ermöglicht präzise Entscheidungen bei der Flottenmodernisierung oder der Wahl von Transportpartnern. Langfristig wird Nachhaltigkeitskompetenz in der Logistik so wichtig wie Termintreue – wer nicht liefern kann, fliegt aus der Kette.