Die Logistikbranche hat sich in den letzten Jahren von einem reinen Transportdienstleister zu einem hochvernetzten Datenmanager entwickelt. Jedes Paket, jeder Container und jede LKW-Route generiert digitale Informationen, die in Echtzeit verarbeitet werden müssen, damit Just-in-Time-Ketten nicht reißen. Diese Digitalisierung macht Unternehmen jedoch extrem verwundbar: Ein einziger Cyberangriff kann automatisierte Hochregallager lahmlegen, Dispositionssoftware verschlüsseln und LKW-Flotten zum Stillstand bringen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ransomware als Hauptbedrohung: Logistikunternehmen zahlen oft schneller Lösegeld, da die Kosten eines Stillstands die Forderungen der Erpresser meist übersteigen.
- Pflichtprogramm NIS-2: Die neue EU-Richtlinie stuft viele Logistiker als „wichtige Einrichtungen“ ein und nimmt die Geschäftsführung persönlich in die Haftung.
- Risikofaktor IoT und OT: Veraltete Handscanner, vernetzte Gabelstapler und Haustechnik bieten oft ungeschützte Zugänge für Angreifer.
Warum Lieferketten heute das bevorzugte Ziel für Ransomware sind
Hacker agieren ökonomisch rational und suchen Ziele, bei denen der Druck zur Wiederherstellung maximal hoch ist. In der Logistik verursacht jeder Tag Stillstand nicht nur immense interne Kosten, sondern führt sofort zu Vertragsstrafen und Reputationsschäden bei der verladenden Wirtschaft. Angreifer wissen genau, dass ein Logistikdienstleister eher bereit ist, eine hohe Summe zu zahlen, als zu riskieren, dass verderbliche Ware verdirbt oder Produktionsbänder in der Automobilindustrie wegen fehlender Teile stoppen.
Zudem ist die Angriffsfläche durch die Integration zahlreicher Subunternehmer und Partner extrem groß geworden. Ein Angriff auf einen kleinen Spediteur kann als Sprungbrett dienen, um in die Systeme eines großen Logistikkonzerns einzudringen (Supply-Chain-Attack). Da viele Schnittstellen für den Datenaustausch permanent offen sein müssen, ist die klassische Abschottung des Netzwerks kaum noch möglich, was Ransomware-Gruppen gezielt ausnutzen, um Daten zu verschlüsseln und Lösegeld zu fordern. Damit Sie wissen, wo Sie ansetzen müssen, hilft zunächst ein Blick auf die konkreten Gefahrenbereiche.
Einfallstore in der Logistik: Wo Angreifer technisch ansetzen
Um effektive Gegenmaßnahmen zu ergreifen, müssen Sicherheitsverantwortliche verstehen, dass der Angriff oft nicht über die zentrale Firewall, sondern über vermeintliche Nebenschauplätze erfolgt. Die Heterogenität der IT-Landschaft in Lagerhallen und Fuhrparks ist oft historisch gewachsen und schwer zu überblicken. Folgende Bereiche gelten als die kritischsten Einfallstore für Cyberkriminelle:
- Veraltete IoT-Geräte: Handscanner, Etikettendrucker oder Sensoren laufen oft auf veralteten Betriebssystemen (z. B. Windows CE) ohne Sicherheitsupdates.
- Fernwartungszugänge: Externe Dienstleister warten Förderbänder oder Lagerverwaltungssysteme oft über schlecht gesicherte Remote-Verbindungen.
- Schnittstellen (APIs): Die Anbindung an Kundensysteme oder Frachtenbörsen bietet Hackern Wege, schadhaften Code einzuschleusen.
- Mobiles Personal: Fahrer nutzen Tablets oder Smartphones in öffentlichen WLAN-Netzen an Raststätten, um Lieferdaten zu übermitteln.
Diese Schwachstellen erfordern eine Strategie, die über Virenscanner hinausgeht. Besonders die Verbindung von operativer Technologie (OT), wie Fördertechniksteuerungen, und der klassischen IT ist riskant. Wenn ein Angreifer über einen ungesicherten Drucker ins Netzwerk gelangt und sich bis zur Finanzbuchhaltung oder dem zentralen ERP-System vorarbeitet („Lateral Movement“), ist der Gesamtausfall vorprogrammiert.
Die EU-Richtlinie NIS-2 als Pflichtprogramm verstehen
Mit der Einführung der NIS-2-Richtlinie hat der Gesetzgeber die Anforderungen an die Cybersicherheit in der Logistik massiv verschärft. Unternehmen, die unter diese Regulierung fallen, müssen technische und organisatorische Maßnahmen nachweisen, die dem „Stand der Technik“ entsprechen. Das bedeutet konkret: Es reicht nicht mehr, IT-Sicherheit an die Abteilung zu delegieren; die Geschäftsleitung ist nun gesetzlich verpflichtet, Risikomanagementmaßnahmen zu billigen und deren Umsetzung zu überwachen.
Bei Verstößen drohen empfindliche Bußgelder, die sich am weltweiten Umsatz orientieren, sowie eine persönliche Haftung der Geschäftsführer. Für Logistiker bedeutet dies, dass Themen wie Incident-Response-Pläne, regelmäßige Backups und Schwachstellenmanagement keine „Nice-to-have“-Optionen mehr sind, sondern Voraussetzung für den legalen Geschäftsbetrieb. Wer die NIS-2-Compliance ignoriert, riskiert nicht nur Strafen, sondern kann im Schadensfall auch den Versicherungsschutz seiner Cyber-Police verlieren.
Netzwerksegmentierung und der Schutz vernetzter Lagertechnik
Eine der wirksamsten Methoden gegen die Ausbreitung von Schadsoftware ist die strikte Segmentierung des Netzwerks. In vielen Logistikzentren hängen Büro-PCs, WLAN-Scanner für die Kommissionierung und die Steuerung der Sortieranlage im selben flachen Netzwerk. Das ist fatal: Wird ein Bürorechner durch eine Phishing-Mail infiziert, kann die Malware ungehindert auf die Lagersteuerung übergreifen und den physischen Warenfluss stoppen. Eine Trennung in verschiedene Sicherheitszonen (VLANs) verhindert diesen Dominoeffekt.
Jedes IoT-Gerät und jede Maschine sollte nur mit den Systemen kommunizieren dürfen, die für ihre Funktion zwingend notwendig sind. Ein Barcode-Scanner muss Daten an das Lagerverwaltungssystem senden, benötigt aber keinen Zugriff auf das Internet oder den E-Mail-Server. Durch den Einsatz von Firewalls zwischen diesen Segmenten und einer strengen Zutrittskontrolle für Geräte (Network Access Control) schaffen Sie interne Barrieren, die Angreifer ausbremsen und Ihnen wertvolle Zeit zur Reaktion verschaffen.
Schulung von Fahrern und Lagerpersonal gegen Social Engineering
Technik allein schützt nicht, wenn der Mensch manipuliert wird, und gerade in der Logistik ist die Belegschaft oft sehr heterogen. Saisonarbeitskräfte, Leiharbeiter und Fahrer mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen machen flächendeckende Security-Awareness-Schulungen schwierig. Angreifer nutzen das gezielt aus, indem sie beispielsweise gefälschte Frachtpapiere per E-Mail senden oder sich telefonisch als IT-Support ausgeben, um Zugangsdaten zu erbeuten.
Schulungsmaßnahmen müssen daher kurz, verständlich und auf den Arbeitsalltag zugeschnitten sein. Ein Fahrer muss wissen, dass er keine unbekannten USB-Sticks (z. B. mit angeblichen Lieferscheinen) an das Bordcomputer-System anschließen darf. Lagermitarbeiter müssen sensibilisiert werden, Fremde ohne Ausweis im Sicherheitsbereich sofort anzusprechen. Die Etablierung einer „No Blame Culture“, in der Mitarbeiter verdächtige Vorfälle ohne Angst vor Strafe melden, ist hierbei entscheidender als komplexe technische Erklärungen.
Notfallpläne: Wenn das Warehouse Management System stillsteht
Trotz bester Vorsorge gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, weshalb ein funktionierender Notfallplan (Business Continuity Plan) existenziell ist. Wenn das Warehouse Management System (WMS) durch Ransomware verschlüsselt ist, wissen Mitarbeiter oft nicht mehr, wo welche Palette steht oder welche Sendung in welchen LKW gehört. Ein guter Notfallplan definiert nicht nur die IT-Wiederherstellung, sondern vor allem die operativen Prozesse im Analogbetrieb: Wie wird ohne Scanner kommissioniert? Welche Listen müssen täglich physisch ausgedruckt vorliegen?
Testen Sie diese Pläne regelmäßig unter realen Bedingungen, nicht nur auf dem Papier. Ein „Papier-Notbetrieb“ ist in modernen Hochleistungszentren oft kaum noch möglich, daher sind isolierte, unveränderbare Backups (Immutable Backups) überlebenswichtig. Prüfen Sie anhand folgender Fragen, ob Sie für den Ernstfall (Incident Response) gerüstet sind:
- Gibt es eine Offline-Liste mit Telefonnummern aller Krisenstabsmitglieder und IT-Dienstleister?
- Sind die Backups vom Netzwerk getrennt (Air-Gapped) und wurde deren Wiederherstellung im letzten Jahr getestet?
- Wissen Schichtleiter, wie sie bei Systemausfall den Wareneingang manuell dokumentieren können?
- Existiert ein Vertrag mit einem spezialisierten Forensik-Dienstleister für den Notfall?
Fazit und Ausblick: Resilienz statt nur Abwehr
Die Bedrohungslage für die Logistik wird sich durch den Einsatz von KI auf Angreiferseite weiter verschärfen, Angriffe werden schneller und automatisierter. Die reine Abwehr („Verhinderung“) reicht nicht mehr aus; das Ziel muss Cyber-Resilienz sein – also die Fähigkeit, einen Angriff auszuhalten und den Betrieb schnellstmöglich wieder hochzufahren. Unternehmen, die Cybersicherheit nicht als Kostenfaktor, sondern als Qualitätsmerkmal begreifen, sichern sich langfristig das Vertrauen ihrer Kunden.
Investieren Sie daher gleichermaßen in Schutzmaßnahmen wie in Wiederherstellungskonzepte. Die Umsetzung der NIS-2-Richtlinie bietet hierfür einen guten strukturellen Rahmen, sollte aber nicht als bürokratische Hürde, sondern als Chance zur Härtung der eigenen Prozesse gesehen werden. Wer seine Hausaufgaben bei Segmentierung, Updates und Mitarbeiterschulung macht, wird zwar nicht immun gegen Angriffe, aber er wird nicht mehr das „leichte Opfer“ sein, das Kriminelle bevorzugt suchen.
