»Das FTS steht vor großen Veränderungen«

Technik

Fahrerlose Transportsysteme (FTS) - Dr.-Ing. Günter Ullrich ist selbstständiger Unternehmensberater in Voerde und Leiter des VDI-Fachausschusses »Fahrerlose Transportsysteme« sowie der FTS-Community »Forum-FTS«.

22. Februar 2012

Während meines Studiums an der Universität Duisburg durfte ich bereits 1985 am weltweit ersten mobilen Roboter mitarbeiten. Dem haben wir an langen Abenden akribisch das Biereinschenken beigebracht. Das war im Fertigungstechnischen Labor bei Professor Elbracht, der vor seiner Zeit an der Universität technischer Geschäftsführer bei Jungheinrich war. Jungheinrich war einer der ersten deutschen FTS-Hersteller. Professor Elbracht war auch der, der 1986 den VDI-Fachausschuss FTS gründete – mit mir im Schlepptau. Das prägt, da kommen Sie von dem Thema nicht mehr los.

Sie versprühen ja richtigen Enthusiasmus.

Es ist ja auch ein tolles Thema. Technisch anspruchsvoll berührt es fast alle Branchen und sogar die Service-Robotik und den teilautomatisierten Straßenverkehr. Und seit etwa 15 Jahren ist die Intralogistik ja auch überall anerkannt, so dass es wirklich Spaß macht, bei den Anwendern Optimierungspotenziale zu schöpfen.

Fahrerlose Transportsysteme waren vorübergehend quasi in der Versenkung verschwunden und scheinen nun eine Renaissance zu erleben. Woran liegt das?

Ganz klar: an der rasanten technischen Entwicklung. In den 1980er Jahren gab es in der Automobilindustrie eine Automatisierungseuphorie, die dann Anfang der 90er Jahre ins Gegenteil umschlug. Mitte der 90er Jahre ist der Markt mit neuen Spielern und neuen Technologien langsam wieder auferstanden und hat sich nicht mehr nur auf eine Zielbranche konzentriert. Heute ist die Technologie erprobt, und die Märkte haben Vertrauen gefasst.

Aber man kann die Intralogistikprozesse auch anders lösen, etwa durch Einsatz von Gabelstaplern. Ist man damit nicht wesentlich flexibler?

Die Bedeutung der Intralogistik ist ständig gestiegen und damit auch die Anforderungen. Es geht um höchste Qualität und Effizienz. Denken Sie nur an die Nachverfolgbarkeit der Prozesse, die in vielen Branchen gefordert wird. Da helfen automatische Systeme, während der menschliche Faktor leicht zu Fehlern führt.

Stellt man einen klassischen Gabelstapler-Betrieb auf FTS um, ist man überrascht, wie ruhig und sauber es in den Hallen ist. Ordnung und Disziplin sind zwar zunächst lästige Voraussetzungen für ein FTS, dann aber auch die dauerhafte Folge. Außerdem verschwinden an den Arbeitsstationen Berge von Material, weil das FTS die verlässliche Ver- und Entsorgung garantiert.

Und wie sieht es bei den Kosten aus? FTS sind in der Anschaffung doch wesentlich teurer als Gabelstapler.

Beim Gabelstapler spielen die regelmäßigen Personalkosten und beim FTS die einmaligen Investitionen die große Rolle. Vereinfacht gilt: Bei dreischichtigem Betrieb gewinnt das FTS mit einem Return on Investment von etwa zwei Jahren. Ein einschichtiger Betrieb dagegen ist kaum wirtschaftlich zu automatisieren. Fährt man zwei Schichten, gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wenn man es genauer machen will, muss man eine Betrachtung der Total Cost of Ownership anstellen. Dazu haben wir im VDI ordentliche, rechnergestützte Werkzeuge erarbeitet. Das Forum-FTS hilft auch gern.

Sie leiten den Fachbereich FB 309 beim VDI. Womit beschäftigt man sich dort aktuell?

Mit der Zukunft. »Quo Vadis FTS?« heißt ein Gremium, das wir gegründet haben, um herauszufinden, wie es weitergeht. Das FTS steht vor großen Veränderungen, die so vielschichtig sind, dass wir das genannte Gremium gebeten haben, uns Hinweise zu geben, wie wir als VDI-Fachausschuss der Branche mit Richtlinien oder anderen Veröffentlichungen helfen können.

Sie sprechen von großen Veränderungen. Was heißt das konkret?

In meinem Buch habe ich die Entwicklung des FTS in Epochen eingeteilt. Wir haben gerade die dritte Epoche beendet und stehen am Anfang einer neuen. Erstmals in der FTS-Geschichte wird es nicht so sein, dass weite Teile der Märkte und/oder der eingesetzten Technik ersetzt beziehungsweise abgelöst werden. Aber wir bekommen deutlich mehr: nämlich mehr Märkte und mehr innovative Technologien.

Um es kurz anzureißen: Das FTS wird vermehrt in quasi-öffentlichen Bereichen fahren, etwa in Krankenhäusern und Altenheimen. Dazu brauchen wir intelligentere Steuerungs- und Sensorsysteme für die Navigation und die Sicherheit. Ich habe diese integrative Funktionalität »Drive Safe« genannt und bereits mehrfach dazu veröffentlicht.

In den klassischen Märkten wird es spannend sein zu beobachten, wer von den Anbietern es als erstes schafft, das FTS nicht mehr als Projekt, sondern als Produkt zu verstehen und zu vermarkten. Ich freue mich auf den ersten Konfigurator für FTS im Internet. Vielleicht bringen die Gabelstapler-Hersteller bei ihrem Wiedereintritt in die Szene ja neue Ideen mit.

Was, Herr Dr. Ullrich, machen Sie eigentlich, wenn Sie gerade mal nicht in Sachen FTS unterwegs sind?

Dann jogge ich wahrscheinlich. Pro Woche bringe ich es auf mindestens 100 Kilometer. Ein weiteres Hobby ist mein Arbeitskreis Ethik, den ich im VDI-Ruhr-Bezirksverein leite. Wir greifen ethische Themen auf, die mit dem Leben und der Arbeit des Ingenieurs zu tun haben. Natürlich auch wieder mit Zukunftsbezug – wie verändert sich unsere Welt, wie unsere Lebensbedingungen, die Arbeit? Wie bewerten wir technische Möglichkeiten im Bereich der Medizin oder der Energieversorgung? Wir versuchen, gerade die jungen Ingenieure anzusprechen, um mit Ihnen zusammen die Weichen für eine lebenswerte Zukunft zu stellen.

Erschienen in Ausgabe: 01/2012