»Das ist keine Revolution«

Jubiläum Viele Jahre prägte Michael Weilacher als Chefredakteur das »logistik journal«. Ein Gespräch über den Glam-Faktor der Intralogistik, Blattmachen und Seniorenpauken sowie den evolutionären Charakter der Digitalisierung.

27. Mai 2019
Logistik Journal, Interview, Michael Weilacher, Tobias Rauser, 50 Jahre,
(© lj/Jan Scheutzow)

Michael, in diesem Heft feiern wir 50 Jahre »logistik journal«. Was verbindest Du mit diesem Heft?

Das »logistik journal« steht für fachliche und journalistische Kompetenz. Und vor allem für hohen Nutzwert für den Leser.

Du hast viele Jahre das Heft als Chefredakteur mitgestaltet – als Quereinsteiger, da Du vorher die Zeitschrift »Musikexpress« verantwortet hast.

Eins ist schon mal klar: Der Glam-Faktor in der Musikszene ist deutlich höher als in der Logistik. Das Gesprächsniveau allerdings mitunter deutlich niedriger. Als Journalist ist mir die Umstellung nicht wirklich schwergefallen. Es geht schließlich immer darum, fachspezifische Inhalte verständlich und gut konsumierbar aufzubereiten. Der Leser darf sich nicht fragen müssen, was der Autor ihm sagen will, und soll die Texte gerne lesen.

Wie wichtig ist der Mensch in einer technikorientierten Umgebung wie der Intralogistik?

Extrem wichtig. Aus einem naheliegenden Grund: Nichts macht sich, nichts entwickelt sich von alleine. Auch die komplizierteste und komplexeste Intralogistik will erdacht und ersonnen sein.

»Die Zeit in der Logistik hat mich nachhaltig beeindruckt. Es ist eine Branche mit vielen klugen Köpfen.«

— Michael Weilacher

Gibt es Menschen, die Dich besonders beeindruckt haben?

Sehr viele. Die Zeit in der Logistik hat mich nachhaltig beeindruckt. Es ist eine Branche, mit vielen, vielen klugen Köpfen. Da möchte ich jetzt nicht wirklich eine Persönlichkeit herausstellen.

Wirklich keine?

Hm, einen vielleicht doch: Michael ten Hompel. Nach Gesprächen mit ihm war ich immer platt – so viel Weitblick, so viel visionäres Denken bei gleichzeitig ausgeprägtem Sinn fürs Machbare. Bewundernswert.

Hat sich der Umgang miteinander über die Jahre verändert?

Ganz subjektiv, ja. Heute geht’s glücklicherweise legerer zu. Es kam mir anfangs auch ganz schön strange vor, dass da Leute mit Dreiteiler und Schlips durch die Fabrikhallen flanierten.

Welche Dinge haben Dir als Chefredakteur am meisten Spaß gemacht – und welche nicht?

Da fallen mir natürlich als Erstes die Interviews ein. Viele meiner Gesprächspartner haben mich in meinem Denken nachhaltig beeinflusst und wirken bis heute nach. Nervig war das Umschreiben von Firmenmitteilungen, die immer »das beste Produkt oder die beste Dienstleistung« zum Inhalt hatten. Etwas weniger Eigenwerbung und mehr Sachlichkeit würde allen guttun. Am Ende ist doch die Glaubwürdigkeit ausschlaggebend.

Interviews waren immer eine der Stärken unseres Magazins. Was gefällt Dir an diesem Format?

Interviews tragen in erheblichem Maße dazu bei, einen Diskurs zu führen. Die Verantwortlichen eines Unternehmens sorgen weit über den Unternehmenserfolg hinaus auch für ein bestimmtes internes Klima im Unternehmen. Das kann Menschen beflügeln, es kann sie aber auch frustrieren. Am Ende des Gesprächs weiß der Leser von »logistik journal« dann hoffentlich besser, wie dieser CEO tickt.

Es ist wie im privaten Umfeld: Das persönliche Gespräch ist durch nichts zu ersetzen.

Genau so ist es. Es macht Menschen, Meinungen und Strategien greifbar. Wenn’s gut läuft, werden auch schwierige, umstrittene Positionen nachvollziehbar. Mir waren immer die Gesprächspartner am liebsten, die auch was riskiert haben, die nicht so sehr den klassischen Unternehmenssprech draufhatten.

Wie ticken denn die Menschen in der Intralogistik?

Sehr angenehm. Ich musste zu Beginn sehr stark umdenken, von sensiblen Künstlerseelen oder brachialen Hardrockern zu gut ausgebildeten und seriösen Ingenieuren. An den Akteuren in der Intralogistik schätze ich ihr lösungsorientiertes Denken. Andere sehen Probleme, diese Menschen hingegen denken darüber nach, wie man sie löst.

Was war vor 15 Jahren, als Du das Heft übernommen hast, der wichtigste Trend?

Die Branche stand, wie auch heute, mitten im Wandel. Natürlich war die Hardware noch bedeutender als heute, aber man hatte schon damals begonnen, stärker auf Software zu setzen. Ein wichtiges Thema war etwa RFID. Man wollte auch damals schon Prozesse automatisieren – in diesem Fall im Bereich der Identifizierungstechnik. Aber das größte Thema war eigentlich E-Commerce.

Die meisten dieser Themen stehen auch heute noch ganz oben auf der Agenda. Eine Evolution statt einer Revolution?

Ja. Würde ich heute definitiv so sehen. Industrie 4.0 ist so neu nicht. Sie zeigt natürlich die Möglichkeiten der Vernetzung viel intensiver auf, als es früher war. Man vernetzt etwa Künstliche Intelligenz mit Mechanik. Aber im Grunde zeigt die Industriegeschichte schon immer diese Entwicklung, seit der Erfindung der Dampfmaschine. Natürlich verläuft der Wandel in den vergangenen 20 Jahren exponentieller als zuvor, da auch das Weltwissen jeden Tag dramatisch zunimmt. Vor diesem Hintergrund macht die Logistik gewaltige Sprünge. Aber ich halte die Entwicklung dieser Themen definitiv für einen evolutionären Prozess. Das ist keine Revolution.

Ist die Intralogistik denn schon digital genug unterwegs?

Sicher nicht. Was »ausreichend digital« bedeutet, das weiß man vielleicht in 20 Jahren. Ich glaube, wir befinden uns immer noch

in einer frühen Phase der Digitalisierung. 5G wird hier einen Schub bringen.

5G wird auch die Automatisierung voranbringen. Eine Gefahr für die Arbeitsplätze?

Nein, das sehe ich nicht. Der Fachkräftemangel wird uns noch eine Weile beschäftigen. Große, wichtige Aufgabe ist es meiner Meinung nach deshalb, mehr neue Mitbürger aus anderen Ländern zu qualifizieren.

Der Charakter der Jobs wird sich aber ändern.

Ja, insbesondere in der Fertigung. Die, die sie ausüben, müssen künftig besser qualifiziert sein als heute. Fest steht: Automatisierung kostet Arbeitsplätze, das sagt schon der Begriff. Allerdings schafft Automatisierung auch Arbeitsplätze. Nur eben andere als bisher.

Wir unterhalten uns hier an der Ludwig-Maximilians-Uni in München. Was machst Du in Deinem Ruhestand?

Ich bin nicht der Typ, der sich mit Bier und Chips auf das Sofa setzt und Fußball guckt. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich im Ruhestand die Zeit habe, Dinge zu tun, zu denen ich in meinem Berufsleben ganz wenig oder gar keine Zeit hatte. Deswegen studiere ich nun Kunstgeschichte mit Nebenfach Soziologie.

Ist das genauso anstrengend wie Blattmachen?

(lacht) Nein, nicht ganz. Obwohl: Wenn ich während des Semesters jeden Tag hier bin, nimmt mich das Seniorenpauken ganz schön in Anspruch – man denkt ja nicht mehr so schnell im Alter. Apropos Pauken: Nebenher bringe ich an der Volkshochschule mein Französisch auf Vordermann und belege zudem den Kurs »Dänisch für Anfänger«.

»Die Glaubwürdigkeit ist am Ende ausschlaggebend.«

— Michael Weilacher

Bleibt da überhaupt noch Zeit für die Lektüre von »logistik journal«?

Ja, selbstverständlich! Sowohl in der Papierversion als auch regelmäßig online.

Liest Du das Magazin denn lieber print oder online?

Ich bin ein Old-School-Leser. Jedes Papier fühlt sich anders an, riecht anders. Ich liebe das sinnliche Erlebnis beim Lesen und die Haptik.

Besondere und hochwertige Layouts lassen sich im Magazin immer noch überraschender und außergewöhnlicher darstellen.

Definitiv, das ist ja auch eine Stärke von »logistik journal«, gerade mit dem besonderen Format. Das wird noch sehr lange so bleiben. Ich erinnere mich gut: Schon in den Siebzigerjahren gingen Leute rum und erzählten allen: Print ist tot. Das war vor 40 Jahren – und Print gibt es immer noch.

Wie findest Du unseren neuen Online-Auftritt?

Er sieht hochwertig und aufgeräumt aus, sehr schön! Und meine Print-Liebe ändert natürlich auch nichts daran, dass digitales Lesen immense Vorteile bietet. Vor allem wenn Lesen nicht dem sinnlichen Erlebnis dient, sondern der puren Information. Was die reine Vermittlung von Wissen angeht, ist die Informationsübermittlung über elektronische Medien nicht zu toppen. Man denke nur an die schiere Menge des im Netz zur Verfügung stehenden Wissens und das Tempo der Übermittlung – großartig!

Michael, Dir alles Gute und vielen Dank für das Gespräch!

Erschienen in Ausgabe: 03/2019