Das Undenkbare denken

SSI Schäfer Künstliche Intelligenz ist weiter auf dem Vormarsch und findet in der Intralogistik immer mehr Einsatzbereiche. Um das Thema eingehender zu beleuchten, hatte SSI Schäfer auf der Logimat zur Diskussionsrunde »Künstliche Intelligenz in der Intralogistik – Zukunftshoffnung oder Spannungsfeld?« eingeladen.

27. Mai 2019
Artificial Intelligence, technology
Die Potenziale für den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Logistik sind vielfältig. (© SSI Schäfer)

Keine Technologie wird derzeit so intensiv und kontrovers diskutiert wie Künstliche Intelligenz (KI). Dieser Ansatz erschließt rapide immer neue Anwendungsfelder – auch und vor allem in der Logistik. Professor Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML), sieht die Branche als Vorreiter: »Die KI kann das Undenkbare denken und sehr große Datenmengen verarbeiten, Muster erkennen und dergleichen. Ein schönes Beispiel dafür ist Schach, aber auch die Logistik ist komplett ‚algorithmierbar‘ und die Potenziale für den Einsatz von KI in der Logistik sind riesig. Die Logistik wird die erste Branche sein, in der sich KI-Verfahren massenhaft durchsetzen werden, da sie weiterhelfen können, Effizienzgewinne zu erzielen.«

»Die Logistik wird die erste Branche werden, in der sich KI-Verfahren massenhaft durchsetzen.«

— Michael ten Hompel, Fraunhofer IML

In einem aktuellen Strategiepapier des Fraunhofer IML zum Thema KI wird dabei folgender Vergleich gezogen: »So wie im hochfrequenten Börsenhandel KI-Lösungen inzwischen an der Tagesordnung sind, so lassen sich auch in einer kommenden Hochfrequenzlogistik komplexe Steuerungsprozesse durch verteilte KI-Lösungen automatisieren und autonomisieren.«

Immer mehr Kunden wollen KI

Den Bedarf und den Nutzen von KI für die Logistik bestätigte auch Franz Bauer-Kieslinger, CEO SSI Schäfer IT Solutions: »Die Vernetzung der Logistik wird immer komplexer und anspruchsvoller. Um da den Überblick zu haben, braucht es wahnsinnig viel Kompetenz und Erfahrung. Hier kann die KI als ein Assistenzsystem fungieren, um schneller die richtige Entscheidung für den jeweiligen Anwender herbeiführen zu können.« Derzeit arbeitet SSI Schäfer mit Kunden mit der eigenen Software (Wamas LRM) im Bereich Workforce-Management-Systeme mit KI-Technologien, um die vorhandenen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen und besser planen zu können.

Die Nachfrage nach solchen Lösungen wächst, da Unternehmen einerseits Leistungsspitzen und gestiegene Umschlagsvolumina bewältigen müssen und andererseits in Zeiten geringerer Durchsatzbedarfe im Lager keine Überkapazitäten mehr akzeptieren.

Neues Jobprofil für Disponenten

Ein weiteres Einsatzgebiet von KI stellte Sebastian Sorger, Geschäftsführer und CEO von LoadFox, vor. Das mit einem Marktplatz für den Spotmarkt gestartete Unternehmen entwickelt aktuell ein System zur Erstellung von Dispositionsplänen für ganze Lkw-Flotten. Denn selbst in Zeiten der Digitalisierung arbeiten viele Disponenten immer noch auf Papier, um die teils sehr komplexen Tourenpläne zu erstellen und die Ladungen auf die einzelnen Lkw zu verteilen. Neben zahlreichen Vorschriften und individuellen Vereinbarungen mit Kunden sind dabei Urlaubspläne oder kurzfristige Ausfälle oder Änderungen zu beachten. Das System muss dazu vom Disponenten eingelernt werden – inklusive der Optimierungsstrategien. »Damit ersetzen wir den Disponenten nicht, sondern geben ihm ein völlig neues Jobprofil. So werten wir den Job des Disponenten auf und wirken dem Fachkräftemängel entgegen«, betonte Sorger.

Um den Menschen die Angst vor der KI zu nehmen, müssten die Stärken der KI mit den Stärken des Menschen gut kombiniert werden, erklärte Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL) und warb für mehr Akzeptanz. »Wenn wir dies erreicht haben, werden wir die Technologie ähnlich wie unser Smartphone nicht mehr hergeben wollen.«

Interview - »KI ist entscheidender Faktor für das Kerngeschäft«

Welches Potenzial Künstliche Intelligenz (KI) in der Intralogistik hat und wo dieses schon gehoben wird, sagt KI-Experte Franz Bauer-Kieslinger von SSI Schäfer im Interview.

Welche Potenziale sehen Sie mit dem Einsatz von KI in der Intralogistik?

KI-Systeme sind heutzutage in der Lage, große Daten- und Informationsmengen zu verarbeiten sowie durch den Einsatz von komplexen Algorithmen aus bekannten Entscheidungsmöglichkeiten auszuwählen. Dabei lernen die Systeme kontinuierlich dazu und entwickeln sich mit dem Geschäft. SSI Schäfer sieht wie viele andere Unternehmen KI inzwischen als zentralen Bestandteil der Unternehmensstrategie sowie entscheidenden Faktor für das zukünftige Kerngeschäft an. In der Intralogistik können wir mittels KI weitere Leistungssteigerungen erzielen und die Performance des gesamten Lagers auf ein neues, gleichzeitig auch flexibleres Level heben. Gut trainierte KI-Modelle optimieren durch verlässliche Prognosen und einen sich anpassenden Lagerbestand auch die Verfügbarkeit. Es ist jedoch falsch, die KI als Ersatz zu den bestehenden Methoden zu sehen. Vielmehr sind sie eine Ergänzung, führen aber trotzdem zu radikalen Veränderungen in der Arbeitswelt.

Welche konkreten Anwendungen gibt es heute schon?

KI-Systeme übernehmen in der Logistik heute bereits Aufgaben im Kundenservice, wie beispielsweise Bots, verwalten Logistikprozesse durch Optimierungsalgorithmen und ermöglichen das frühzeitige Erkennen von Risiken in der Supply Chain anhand der ganzheitlichen Bewertung diverser Faktoren.

Wo setzen Sie als SSI Schäfer KI ein?

SSI Schäfer setzt die Technologie in der Intralogistik insbesondere im neuen Wamas Labour-and-Ressource-Management-System ein. Die Software erfasst neben der Arbeitsleistung der Mitarbeiter auch die Lagerperformance selbst und wertet die gesammelten Daten individuell, gruppenweise oder nach Schichtleistungen aus.

Auf Basis dieser Auswertung wird der Einsatz aller Ressourcen optimiert, wodurch sich Produktivitätssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich erzielen lassen. Wir nutzen die Technologie auch, um Lager zu steuern, indem wir vom realen System einen digitalen Zwilling erstellen. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Simulation und KI, die zu jedem Zeitpunkt die Realität abbildet und verschiedene Variationen der Steuerung, der beteiligten Einheiten und Anlagebereiche berücksichtigt. Das geschieht mit dem Ziel, das System zu determinieren und zu optimieren. Und auch bei der Entwicklungsarbeit von IT-Systemen können Kunden bereits durch ein automatisiertes projektspezifisches Einlernen profitieren.

Für welche Unternehmen lohnt sich der Aufwand für einen digitalen Zwilling?

Wenn aufgrund der Volatilität der heutigen Lagersysteme, ihrer Größe, ihrer Mehrfachzwecke und/oder ihrer heterogenen Infrastruktur die Möglichkeiten der klassischen Informatik ausgereizt sind, ergeben sich mit KI Möglichkeiten der Dynamisierung. Für die Vernetzung von Lagerstandorten ist zum Beispiel ein Echtzeit-System von Vorteil, um schnell genug auf Veränderungen reagieren zu können. Wir müssen in Richtung agile Systeme denken. Keine Software hat den Anspruch, alles vollständig abzudecken, dafür entwickelt sich die Welt viel zu schnell. Mit intelligent kooperierenden und koordinierenden Ansätzen sind wir dennoch in der Lage, einen holistischen Ansatz zu verfolgen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Erschienen in Ausgabe: 03/2019
Seite: 24 bis 25