"Der Diesel stirbt"

Markt

Intralogistik - Keine Frage, der Mann weiß, was er will für sein Unternehmen: die Nummer eins zu sein in den Augen der Kunden. Das Unternehmen heißt Jungheinrich und ist erfolgreicher Staplerhersteller und intralogistischer System-anbieter. Der Mann heißt Dr. Lars Brzoska und leitet das Vorstandsressort Vertrieb des Hamburger Traditionshauses. Gesprächspartner: Michael Weilacher

10. Oktober 2017
Jungheinrich-Vertriebsvorstand Dr. Lars Brzoska im Gespräch Bild: Oechler/Jungheinrich
Bild 1: "Der Diesel stirbt" (Jungheinrich-Vertriebsvorstand Dr. Lars Brzoska im Gespräch Bild: Oechler/Jungheinrich)

Herr Dr. Brzoska, alle Welt redet von der bösen Automobilindustrie, die Software in Dieselfahrzeuge einbaut, mit der ihre Umweltbilanz geschönt wird. Könnte es im Zuge der Dieseldebatte im automobilen Bereich auch für den Dieselstapler zu Konsequenzen kommen?

Der Konjunktiv ist überflüssig. Diese Konsequenzen sind längst gezogen worden. Die Zukunft fährt elektrisch.

Saubere Antriebe also dank fortschrittlicher Lithium-Ionen-Technologie?

Im Wesentlichen kann man das so sagen. Der Trend vom Verbrenner zum Elektroantrieb ist gegenwärtig eine der wichtigsten Entwicklungen in der Intralogistik. Durch die zunehmende Verbreitung der leistungsfähigen Lithium-Ionen-Technologie beschleunigt sich dieser Wechsel noch einmal. Fest steht: Der Diesel stirbt – nicht sofort, aber die Entwicklung ist unaufhaltsam.

Und wo geht die Reise dann hin?

Jungheinrich ist seit Jahrzehnten führend in der Entwicklung und Produktion von elektrisch angetriebenen Gabelstaplern und Lagertechnikgeräten. 2011 waren wir der erste Anbieter, der ein Serienfahrzeug mit Lithium-Ionen-Technologie ausgerüstet hat. Seitdem hat sich die Technologie weiterentwickelt. Inzwischen ist nahezu unsere gesamte Modellpalette mit Lithium-Ionen zu haben – vom elektrischen Handgabelhubwagen bis hin zum großen Systemfahrzeug.

… deren Verkaufszahlen von Jahr zu Jahr steigen.

Richtig! Die Vorteile für die Kunden liegen auch auf der Hand: Dadurch, dass erstmals Batterie, Ladegerät und Fahrzeug miteinander kommunizieren, gewährleisten wir, dass die Batterie immer sicher und optimal funktioniert. Jungheinrich ist der einzige Flurförderzeug-Hersteller, der sowohl Fahrzeuge als auch Steuerung, Software und Batterien selbst entwickelt und produziert. Unsere Kunden bekommen bei uns deshalb alles aus einer Hand. Damit gelingt uns die vollständige Vernetzung aller Komponenten. Das steigert die Leistungsfähigkeit unserer Fahrzeuge in Bezug auf Energieeffizienz, Handhabung sowie Verfügbarkeit. Hinzu kommt, dass in den gängigen Traglastklassen Elektrogeräte den verbrennungsmotorischen Geräten inzwischen in nichts mehr nachstehen. Im Gegenteil. Betreibt man seine Elektrostapler mit Energie aus Lithium-Ionen-Batterien, erreicht man eine höhere Umschlagleistung, als das bei einem verbrennungsmotorischen Fahrzeug möglich wäre.

Aber Fahrzeuge mit Lithium-Ionen-Batterien sind in der Anschaffung deutlich teurer als die mit konventionellen Antrieben.

Ums kurz zu machen: Der Einsatz von Lithium-Ionen-Technologie rechnet sich. Auf den einzelnen Lade- und Entladezyklus heruntergebrochen sind Lithium-Ionen-Batterien bereits heute meist wirtschaftlicher als traditionelle Blei-Säure-Batterien. Die zunächst höheren Investitionskosten werden durch die geringeren Betriebskosten schnell kompensiert. Aufwendige Batteriewechsel und Batteriewartungen fallen weg. Die Lebensdauer verdoppelt sich. Wer auf Lithium-Ionen-Technologie setzt, reduziert seine Total Cost of Ownership und bekommt gleichzeitig leistungsfähigere Fahrzeuge. Das sah auch einer unserer bekannten Großkunden, der kürzlich über 1.000 Lithium-Ion-Fahrzeuge auf einen Schlag gekauft hat.

Sind derlei Käufe ein Indiz dafür, dass der Dieselstapler in absehbarer Zeit seine letzte Fahrt antreten wird?

So schätze ich das ein, ja. Weltweit werden zwar immer noch um die 400.000 verbrennungsmotorische Stapler verkauft, das Gros davon konzentriert sich aber vor allem auf Märkte, deren Umweltstandards noch nicht so hoch sind wie bei uns. Nachhaltigkeit spielt dort noch keine so große Rolle wie in Europa. Aber auch in diesen nichteuropäischen Märkten geht der pro-zentuale Anteil der Verbrenner am Gesamtmarkt inzwischen zurück.

Der Schwerpunkt in der Entwicklungsarbeit von Jungheinrich wird also unzweifelhaft auf elektrischen Antrieben liegen?

Ja, ohne jeden Zweifel – wie übrigens seit über 60 Jahren. Unsere Wurzeln liegen im Elektrobereich. Auf diesem Gebiet haben wir eine enorme Kompetenz und sind branchenführend.

Und was, wenn Sie einfach keine Dieselstapler mehr anbieten würden?

Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen. In unserem Segment bedienen wir die Bedürfnisse, die unsere Kunden haben. Und das so gut wie nur eben möglich. Anderenfalls würde es uns nicht geben. Solange es noch eine Nachfrage danach gibt, wird Jungheinrich in seinem Portfolio weiter verbrennungsmotorische Geräte anbieten: sehr gute Geräte, die wir zudem weiter optimieren. Die ganzen großen Schritte aber werden im Elektrobereich getan. Dorthin fließen auch die größten Entwicklungsbudgets. Eine Tatsache, die sich natürlich auch auf dem Gebiet der Gegengewichtsstapler auswirken wird, etwa in den höheren Traglastklasse.

Apropos Klassen, Herr Dr. Brzoska, beinah hätte ich sogar Klassengesellschaft gesagt. Seit vielen Jahren schon verfolgt Jungheinrich die Ein-Marken-Strategie. Wo Jungheinrich draufsteht, ist auch Jungheinrich drin – basta! Jetzt wurde aber der Name „Ameise“ reanimiert, mit eigenem Portfolio. In China arbeiten Sie mit Heli zusammen. Verwässert diese Vorgehensweise nicht doch die Ein-Marken-Strategie?

Ganz eindeutig: nein. Die Ein-Marken-Strategie bezieht sich auf die Konzernmarke. Das ist Jungheinrich, und das wird immer Jungheinrich sein. Die »Ameise« gibt es schon, seit es Jungheinrich gibt. Seit diesem Jahr verkaufen wir unter dieser Produktmarke Produkte aus OEM-Herstellung unseres Partners Heli. Ein Unternehmen, das viel Erfahrung bei Entwicklung und Bau von Flurförderzeugen hat, Marktführer in China ist und weltweit zu den Top 10 gehört. Das Portfolio der »Ameise« umfasst Niederhubfahrzeuge, Hochhubfahrzeuge und Verbrenner.

Und was bekommt der »Ameisen«-Kunde?

Bei der »Ameisen«-Serie handelt es sich um eine Produktmarke im preiswerten Einstiegssegment, die über einen – im Vergleich zu anderen Produkten dieser Preisklasse – deutlichen Mehrwert verfügt: Die Ameise ist von Jungheinrich auf Herz und Nieren geprüft, zertifiziert und in das umfangreiche Jungheinrich Service- und Ersatzteil-Netzwerk eingebunden. Das betrifft auch die Ersatzteilverfügbarkeit, den kompletten Abwicklungsprozess und die Kunden-betreuung.

Und Sie fürchten keine, sagen wir, Verwechslungen?

Nein, mit der »Ameise« sprechen wir eine bestimmte Zielgruppe an. Das sind Geräte für den Einstieg, keine Spitzenaggregate für den Zweischicht-Betrieb oder andere besonders anspruchsvolle Aufgaben. Die Ameise ist ideal für Kleinunternehmen oder Mittelständler, die vereinzelt mal Paletten bewegen müssen und dafür ein zuverlässiges Fahrzeug suchen.

Dann ist die »Ameise« nicht das ungeliebte Kind, das ein Anbieter von Premiumprodukten fürs untere Preissegment leider eben auch anbieten muss? Immerhin versteht Jungheinrich sich auch als Volumenanbieter, der schon deshalb eine bestimmte Menge von Fahrzeugen fabrizieren muss, um seine Fertigungskapazitäten auszulasten.

Die »Ameise« erweitert unser Produktprogramm nach unten. Größe und Qualität schließen einander nicht aus. Jungheinrich baut viele gute Gabelstapler und Lagerhausgeräte.

Mit der M-Serie in China, Herr Dr. Brzoska, fahren Sie ja eine wieder andere Strategie.

Richtig – und doch falsch. Die M-Serie wird von Jungheinrich in China entwickelt und dort auch produziert. Die Fahrzeuge sind durch und durch Jungheinrich-Produkte, nur eben nicht im Spitzensegment, sondern eine Stufe darunter angesiedelt. Durch die von uns vorgenommene Segmentierung können wir in allen Märkten rentabel arbeiten.

Nur rentabel?

Umsatz und Ergebnis stimmen bei Jungheinrich, davon können Sie ausgehen. Wir arbeiten profitabel. Das liegt auch daran, dass wir immer den Nutzen unserer Kunden in den Mittelpunkt unseres Tuns stellen. Das gilt übrigens auch für die »Ameise« als Einstiegsprodukt zu einem guten Preis oder für die M-Serie im mittleren Preis-/Leistungs-segment.

Ist es denn nicht schwierig, auf der einen Seite Volumenhersteller zu sein und auf der anderen eine ständig wachsende Zahl von Fahrzeugen zu fertigen, die ganz klar formulierten Kundenwünschen entsprechen – also fast schon Einzelstücke sind?

Eine anspruchsvolle Aufgabe, da dürfen Sie sicher sein. Aber eine Vielzahl von Plattformen, Baukästen und Modulen ermöglicht eben doch beides: Volumen- und Einzelfertigung. Wer besonders außergewöhnliche Vorstellungen von seinem Fahrzeug hat, dem bieten wir mit dem Jung-heinrich-Sonderbau die richtige Lösung. Auch solchen »Spezialisten« kann bei Jungheinrich geholfen werden.

Vielen anderen ja wohl auch – Thema Logistiksysteme.

Ja, das ist ebenfalls ein Bereich, der uns Freude bereitet.

So viel Freude, wie Sie sich erhofft hatten? Vor drei, vier Jahren hatte man ja mal kurzfristig den Eindruck, Jungheinrich erwarte, das Geschäft mit den Systemen werde in kürzester Zeit durch die Decke gehen.

Also, wenn die Verantwortlichen bei Jungheinrich nur kurzfristig denken würden, dann säße hier niemand mehr auf seinem Stuhl. Nein, bei allem Optimismus, jedes Business braucht seine Zeit und Führungskräfte mit kühlem Kopf. Das gilt auch für den Bereich Logistiksysteme. Mit den Erfahrungen, die wir auf diesem Gebiet über Jahre hinaus sammeln konnten und durch eine vergleichsweise hohe Zahl von bereits realisierten Projekten, noch bevor es richtig losging, hatten wir unterstützenden Rückenwind, als dann der Startschuss fiel.

Und jetzt, Herr Dr. Brzoska, sind Sie zufrieden mit dem inzwischen Erreichten?

Zufrieden darf man im Geschäftsleben nie sein. Zufriedenheit führt zu Bequemlichkeit – und die ist gefährlich. Schließlich gibt es um uns herum ja auch ein paar Wettbewerber. Und die sitzen nicht einfach auf den Bäumen und warten, dass etwas passiert. Der Wettbewerb ist hart, legt an Schärfe weiter zu.

Auch im Bereich der Logistik-systeme?

Auch dort, ja. Und deshalb muss jedes Projekt, das wir in Angriff nehmen, genau geprüft und sauber kalkuliert sein. Denn wenn im Systemgeschäft mal etwas schiefläuft, kann das sehr schnell sehr teuer werden. Außerdem hat der Kunde eine hohe Erwartungshaltung an uns – Jung-heinrich steht für Qualität.

Klingt beinah so, als ob die Systemeuphorie ein wenig nachgelassen hätte.

Nein, im Gegenteil, auch in diesem Feld sind wir mit großer Begeisterung und Erfolg bei derSache.

Lässt sich der Erfolg mit den Logistiksystemen denn auch in Zahlen fassen?

Zuletzt lag der Umsatz mit unseren Systemen bei 400 Millionen Euro. Im Jahr 2020 soll er bereits 700 Millionen betragen.

Chapeau!

Und wir haben noch sehr viel vor.

Ambitioniert?

Klar, das muss sein, aber in erster Linie realistisch. Jungheinrich steht in der Hamburger Kaufmannstradition.

Die aktuellen Bilanzen des Hauses Jungheinrich, Herr Dr. Brzoska, strotzen nur so vor Kraft. Denken Sie über weitere Akquisitionen nach?

Wenn Sie einen Sinn ergeben und zu Jungheinrich passen. Aber auch das würden wir sehr genau prüfen. Megadeals wie andere in der Logistik sie getätigt haben, stehen für Jungheinrich allerdings nicht zur Debatte. Die damit verbundenen Risiken überlassen wir lieber anderen.

Zu vorsichtig?

Nein, nur umsichtig.

Ihre Kriegskasse wäre gut gefüllt. Die Rendite stimmt, und im Jahr 2020 möchten Sie erstmals die Vier-Milliarden-Euro-Umsatzmarke knacken.

Gut, die vier Milliarden müssen wir natürlich erst noch erwirtschaften. Aber die Voraussetzungen sind gut.

Da könnten Sie sich doch noch die eine oder andere schlaue Software-Schmiede kaufen.

Jungheinrich ist heute schon eine Software-Schmiede, zum Beispiel mit unserem eigenen Warehouse-Management-System oder dem prämierten Logistik-Interface. Den diesjährigen IFOY-Award haben wir für eine digitale Lösung erhalten – den »FleetRadar«. Erwirtschaftetes Kapital muss nicht unbedingt in andere Firmen fließen. Jung-heinrich investiert eine Menge Geld ins eigene Unternehmen, in Forschung und Entwicklung beispielsweise.

Was entwickeln Ihre Ingenieure denn gerade so, Herr Dr. Brzoska?

So viel darf ich verraten: Auf der Logimat werden Sie etwas erleben, was einen revolutionären Charakter haben wird.

Und was ist mit der Cemat?

…wird ebenfalls sehr spannend für die Besucher des Jungheinrich-Pavillons. Lassen Sie sich überraschen.

Machen wir. Trotzdem würden wir gern mehr erfahren aus Ihrer Entwicklungsabteilung. Sie haben doch schon das Jahr 2025 im Blick, Herr Dr. Brzoska.

Die Strategieentwicklung ist in vollem Gange. Wir arbeiten an vielen Themenfeldern. Dabei spielt unter anderem das Systemgeschäft, das wir stark ausbauen wollen, eine wichtige Rolle. Aber natürlich auch Flurförderzeuge, die unser Brot-und-Butter-Geschäft bleiben. Dazu Energie mit Schwerpunkt Lithium-Ionen-Technologie, Automatisierung, E-Commerce, Vernetzung, Module, Baukästen und Plattformen, lauter wichtige Themen also.

Und wann, Herr Dr. Brzoska, schließen Sie diese Planungen ab?

Abschließen? Wieso abschließen? Abgeschlossen ist nie etwas.

Erschienen in Ausgabe: 05/2017

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