Sicherheitsforum

Der Sicherheits-Dreiklang

Wenn weniger Menschen in der Intralogistik zu Schaden kommen sollen, muss der Dreiklang aus Technik, Prozess und Mensch stimmen. Auf dem Sicherheitsforum von Linde Material Handling in Aschaffenburg diskutierten Experten über die verschiedenen Aspekte des Themas.

08. Oktober 2018
Der Sicherheits-Dreiklang
(© Linde)

Wie hoch ist das Risiko, mit einer Lufthansa-Maschine abzustürzen? Das selbst gesetzte Ziel der Airline lautet: 1 zu 100.000.000. Ein Totalverlust alle 100 Millionen Flüge. Ein ziemlich geringes Risiko also, über das Flugkapitän Manfred Müller den über 150 Teilnehmern des »Sicherheitsforums Intralogistik« von Linde Material Handling in Aschaffenburg berichtete. Der Leiter der Flugsicherheitsforschung der Lufthansa beschäftigt sich täglich damit, welche Risiken akzeptabel sind – und vor allem, wie diese in einem Unternehmen entstehen.

Sicherheit durch Beichtstuhl-System

Für ihn steht fest: Der Mensch ist ein entscheidender Faktor. Wer schwere Unfälle verhindern will, der muss zuallererst die menschliche Zusammenarbeit im Betrieb möglichst perfekt organisieren und dafür sorgen, dass Fehler bemerkt und abgestellt werden. »Schaffen Sie ein Beichtstuhl-System«, rief der Flugkapitän den Zuhörern zu. Was er damit meint: Ein Unternehmer muss eine Möglichkeit für seine Mitarbeiter schaffen, Fehler zu melden – ohne dass diese Angst vor Konsequenzen haben. Also mit »Beichtgeheimnis«. Denn im Betriebsalltag werden Regeln tausendfach gebrochen – und nichts passiert. Doch irgendwann kommt es zum Unglück. Will ein Unternehmenschef ein solches verhindern, dann muss er wissen, wo die Schwachstellen liegen und welche Regeln missachtet werden. »Nur durch ein solches System erfahren Sie als Chef wirklich, was in Ihrem Betrieb passiert«, sagte Müller.

12.671 Unfälle mit Staplern – pro Jahr

Dass im Lager Fehler mit teils tödlichen Folgen Alltag sind, machte der Vortrag von Hans-Peter Kany von der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik deutlich. 2016 kamen in Deutschland sieben Menschen durch die Nutzung von Flurförderzeugen ums Leben, es gab 367 schwere Unfälle. Der Berufsgenossenschaft wurden 12.671 Unfälle gemeldet – also Fälle, in denen der Verunglückte mindestens drei Tage ausgefallen ist. Die häufigste Unfallursache: das Anfahren einer Person oder eines Hindernisses. Elementar ist das Verhalten des Fahrers. »Die Person muss gut ausgebildet sein und vorsichtig fahren«, sagte Kany. Aber auch technische Mittel wie Assistenzsysteme empfiehlt der BG-Mann.

Zu diesem Thema hatte Frank Bergmann von Linde Material Handling Interessantes zu berichten. Er rückte die Assistenzsysteme in den Fokus, die Unfälle verhindern oder die Folgen von Unfällen mindern können. Einige davon: die automatische Parkbremse, der Kurvenassistenz, BlueSpot/TruckSpot oder auch LED-Lichtleisten. Ein ganz konkretes Beispiel ist die Zugangskontrolle, um unberechtigtes Fahren zu verhindern. »Unsere Erfahrungen zeigen, dass Sie hiermit Ihre Gewaltschäden umgehend um 60 Prozent reduzieren«, berichtete Bergmann. Wichtig sei aber vor allem, die Kunden in Sachen Sicherheit richtig zu beraten. »Seit einem Jahr bieten wir hier erfolgreich den Linde Safety Scan an«, sagte Bergmann.

Lithium-Ionen-Brände löschen

Einem konkreten Sicherheitsthema nahm sich Jochen Mähliß von Batteryuniversity an. Sein Unternehmen prüft und testet Zellen und Batterien. Er gab den Teilnehmern des Sicherheitsforums einen klaren Rat mit auf den Weg, was zu tun ist, wenn eine Lithium-Ionen-Batterie Feuer fängt. »Löschen Sie mit Wasser!«, empfahl Mähliß auf Grundlage seiner Tests mit brennenden Batterien.

Linde Material Handling nutzte die Veranstaltung in Aschaffenburg, um neue Funktionen für sein Flottenmanagementsystem »connect« vorzustellen. Ergänzt wird das System um die digitalen Anwendungen »Zone Intelligence« und »Truck Mapping«.

Sicherheitsforum Intralogistik

Der Hersteller Linde Material Handling lud in diesem Jahr zum ersten »Sicherheitsforum Intralogistik« nach Aschaffenburg. Dort diskutierten Teilnehmer und Vortragende aktuelle Entwicklungen in der Betriebs- und Arbeitssicherheit. Das Forum fand parallel zum Staplercup 2018 statt. In der Arena des Cups erfuhren die Besucher in einer Präsentation, wie Assistenzsysteme in kritischen Fahrsituationen eingreifen und helfen können.

Kritische Stellen: Tempo runter!

Das neue connect-Modul »Zone Intelligence« ist ab Anfang 2019 sowohl als Nachrüstlösung als auch ab Werk bestellbar. Es soll zu mehr Sicherheit in Hallen und Gebäuden beitragen. Probleme mit zu hohem Tempo an kritischen Stellen im Lager oder bei Fahrten mit zu weit angehobenem Hubmast könnten damit der Vergangenheit angehören. Um diese unfallträchtigen Situationen zu entschärfen, legen die Nutzer des sensorbasierten Assistenzsystems spezifische Zonen in Lager- und Produktionsbereichen fest, innerhalb derer die Geschwindigkeit der Geräte automatisch reduziert wird. Dazu werden Sensoren an bestimmten Bereichen installiert, die sich mit dem Fahrzeugsensor austauschen. Zur Festlegung der Zonen dienen dem Flottenmanager Hallen- oder Werkspläne, die er über die Software »connect:desk« am Rechner hochlädt.

Das zweite, neu vorgestellte Modul »Truck Mapping« ortet den Standort jedes Fahrzeugs auf bis zu fünf Meter genau und visualisiert ihn auf einer Karte. Im kommenden Jahr wird dieses Feature erweitert: Dann kann der Einsatzbereich des Flurförderzeugs mit einem virtuellen Zaun eingegrenzt werden. Verlässt das Gerät die festgelegte Zone, informiert das System die Verantwortlichen automatisch per E-Mail.

Erschienen in Ausgabe: 05/2018