Der Umgang mit dem Unerwarteten

Markt

Management - Globale Konflikte, Digitalisierung, Automatisierung und disruptive Innovationen: All das macht die Prozesse in der Wirtschaft immer anspruchsvoller, komplexer und riskanter. Abhilfe schaffen resiliente Systeme – auch in der Intralogistik.Text: Susanne Löw

04. September 2018
© FOM
Bild 1: Der Umgang mit dem Unerwarteten (© FOM)

Was ist stabiler: eine Glasflasche oder eine Flasche aus Plastik? Die vermeintlich robustere Glasflasche bricht, wenn sie auf den Boden fällt. Die Plastikflasche dagegen kann mit so einer Erschütterung folgenlos umgehen.

Dieses Bild wählt Prof. Dr. Thomas Hanke, stellvertretender Direktor des ild Instituts für Logistik- & Dienstleistungsmanagement an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Essen, gerne, wenn er vor Studenten über den Begriff Resilienz spricht. »Flexibilität bei gleichzeitiger Stabilität – genau das zeichnet auch resiliente Unternehmen aus:

Nicht immer sind die Stärksten und Robustesten auch die Erfolgreichsten, sondern das sind eher die Flexiblen, Agilen, Anpassungsfähigen«, zieht Hanke den Vergleich zur Praxis.

Am Ende aller Effizienz: der Produktionsstillstand?

Das gilt laut dem Experten heute mehr denn je, denn die Globalisierung löse neue Anforderungen aus, mache die Dinge komplexer und anspruchsvoller. Wer aber immer effizienter werden will – man denke nur an die Just-in-Sequence-Produktionslinien in der Automobilindustrie – muss Pufferzeiten aufgeben und macht sich angreifbar: Wenn einzelne Teile ausfallen, droht ein Gesamtausfall in der Produktion.

Trumpf steht vor neuen Herausforderungen

»Das Umfeld wird dynamischer«, bestätigt auch Sven Müller, zuständig für die Globale Logistik beim Hochtechnologieunternehmen Trumpf mit Sitz in Ditzingen. »Noch vor fünf Jahren haben sich die Dinge nicht so schnell verändert und man konnte langfristiger planen.«

Doch – auch das betont Müller – Resilienz entsteht nicht im Tagesgeschäft: »Im Operativen reagiert man eher und passt so lange an, wie es geht, anstatt grundsätzliche Strukturen infrage zu stellen. Man nutzt vorhandene Möglichkeiten. Generell sollte man natürlich versuchen, an geeigneten Stellen Optionen und Handlungsspielräume zu schaffen und sich so Flexibilität zu erhalten – wozu sich oft Gelegenheiten ergeben, wenn ohnehin eine Umstrukturierung ansteht.«

Neues Zentrallager mit Erweiterungsoption

Diese Chance hat sich Müller und seinem Logistik-Team vor einem Jahr geboten, als bei Trumpf ein neues Zentrallager zur weltweiten Endkundenversorgung errichtet wurde.

Da unsicher war, ob sich die entsprechenden Teilespektren linear entwickeln, wurden für die verschiedenen Lagersysteme, die auf ein bestimmtes Zahlenwerk dimensioniert sind, Erweiterungsmöglichkeiten geschaffen.

So kann Trumpf bei Verschiebungen schnell reagieren, ohne den kompletten internen Materialfluss unterbrechen zu müssen. »Außerdem haben wir für das Gebäude an sich eine Erweiterungsoption konzipiert«, ergänzt der Logistikmanager.

Während Resilienz bei Trumpf bereits ein gelebtes Thema ist, erkennt Hanke auch allgemein in der Intralogistik eine stärkere Öffnung für das Thema: »Viele Start-ups bieten seit einigen Jahren spezielle Lösungen, die die bisher oft verbauten und mitunter schwerfälligen Logistiksysteme ergänzen und flexibler machen.« 

Resilienz: wichtig für Investitionen

Resilienz entscheidet nicht nur über die Flexibilität in der Intralogistik, sondern kann letztlich auch in Zeiten globaler Supply Chains die Investitionsentscheidung beeinflussen. Der »FM Global Resilience Index« des Industrieversicherers FM Global stuft daher 130 Länder und Territorien nach der Resilienz ihrer Unternehmen gegenüber unvorhersehbaren Ereignissen ein. Im aktuellen Index belegt Deutschland Platz 5. Das ist schon nahe dran an der flexiblen Plastikflasche.

"Transparenz der Prozesse": Drei Fragen an...

...Prof. Dr. Thomas Hanke, stellvertretender Direktor des ild Instituts für Logistik- & Dienstleistungsmanagement an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Essen.

Welche Risiken drohen Intralogistikern, denen sie mit einer geeigneten Resilienzstrategie begegnen können?

Der Trend geht zu voll automatisierten Lagersystemen, die dann schwerpunktmäßig für Maschinen und Roboter und nicht mehr für den dort agierenden Menschen konzipiert sind. Derartige voll automatisierte Systeme arbeiten im Allgemeinen schneller und zuverlässiger als der Mensch es je könnte.

Umgekehrt ist allerdings auch das Risiko des Kontrollverlustes hoch, da sich der Mensch zunehmend auf die automatisierten Strukturen und Prozesse verlässt. Bei einem etwaigen Systemausfall ist daher eine qualifizierte Übersicht und Entscheidungsfähigkeit geboten.

Wie kann ein System resilient sein, wenn der Automatisierungsgrad weiter steigt?

In unserem aktuellen Forschungsprojekt ADINA beschäftigen wir uns mit den ergonomischen Anforderungen zur Arbeitserleichterung in der Intralogistik.

Der Mensch ist aus vielen Arbeitsprozessen noch nicht wegzudenken, da er über kognitive und kreative Kapazitäten verfügt, die in einer zunehmend technisierten Welt auch über Automaten und Roboter noch nicht vollständig abgebildet werden können. Letztendlich muss der Mensch sicherstellen, dass der Gesamtprozess funktioniert.

Ein System wird auch dadurch resilienter, wenn man es im Ganzen erfasst hat. Wenn man sich nicht nur auf Teilbereiche konzentriert, sondern bei einer Störung weiß, welche Knöpfe man drücken muss. Außerdem braucht es handlungsfähige Beteiligte, die für intellektuell immer anspruchsvollere Tätigkeiten gerüstet sind. Dafür wiederum sind ganz neue Berufsbilder und Ausbildungsgänge entstanden, die es vor rund 15 bis 20 Jahren noch nicht gab.

Und wie setzt ein Unternehmen Resilienz konkret um?

Es gibt bereits viele gute Ansätze, die die Anpassungsfähigkeit von Systemen an sich wandelnde Systemumwelten unterstützen.

So sind intelligente Systeme etwa untereinander vernetzt und dadurch in der Lage, auf Basis von Informationen das Verhalten anderer Systeme zu adaptieren, Annahmen für zukünftiges Handeln zu treffen und vor allem »richtig« zu entscheiden, um das eigene »Überleben« zu sichern. Dies setzt in der Regel den Umgang mit großen Datenmengen voraus und entsprechende Fähigkeiten des Systems, diese großen Datenmengen »intelligent« auszuwerten.

ERP- und MES-Lösungen, um etwa Informationen auszuwerten und in ein Kontrollsystem einfließen zu lassen. Hier kann der Nutzer mit Dashboards und Cockpit-Lösungen den Ist-Zustand im Blick behalten. Dafür benötigt man allerdings zunächst Transparenz über alle Prozesse sowie eine Relevanzzuschreibung und -priorisierung, um schnelle Entscheidungen je nach Risiko treffen zu können. Maschinen können dabei zwar unterstützen, aber die Anforderungen an qualifiziertes Personal werden weiter steigen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2018