Die Einfachheit der Komplexität

Unternehmen

Supply Chain Management - Immer komplexere Lösungen für Produktion und Logistik erschweren deren genaue Kalkulation. Um den daraus resultierenden Projekt- und Unternehmensrisiken zu begegnen, versucht die Beumer Group, mit einem ganzheitlichen Konzept die Transparenz in der Angebotsphase zu maximieren. Denn nur durch frühzeitige Konfiguration der Supply Chain kann dem Kunden die beste Lösung für sein individuelles Projekt angeboten werden.

13. Juni 2017
Bildquelle: Beumer Group
Bild 1: Die Einfachheit der Komplexität (Bildquelle: Beumer Group)

Wir fertigen unsere Anlagen nach dem Engineer-to-Order-Prinzip«, erklärt Johannes Stemmer aus dem Bereich Corporate Strategy bei Beumer. »Unsere Kunden bekommen Anlagen, die exakt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind – wie ein Maßanzug.« Und genau wie sich Beinlängen, Taillen- oder Brustumfänge bei Menschen unterscheiden, sind auch die einzelnen Systemlösungen kundenspezifisch. »Das spüren wir in Zeiten des E-Commerce gerade bei den Versandhändlern sehr deutlich«, sagt Johannes Stemmer. Wollen diese langfristig konkurrenzfähig sein, müssen sie sich zum Beispiel mit individuellen Zustellzeiten oder auch Same-Day Delivery auseinandersetzen: Der Kunde bestellt und erhält noch am selben Tag die Ware. Charakteristisch ist zudem die »Atomisierung« der Sendungen: Der Kunde bestellt häufiger, teils mehrmals am Tag, aber in immer kleineren Mengen. Mit diesen Trends wird die Materialflusstechnik komplexer. Intralogistische Systeme wie die Hochleistungssortieranlagen der Beumer Group müssen somit immer flexiblere Aufgaben erledigen können und sich an veränderte Gegebenheiten anpassen lassen. »Als Systemintegrator planen wir diese Anlagen, bauen sie und nehmen sie in Betrieb. Auf diese Weise können unsere Kunden ihre Waren schnell, sicher und fehlerfrei liefern«, unterstreicht Johannes Stemmer. »Sie erhalten einen Wettbewerbsvorsprung und können sich auf zukünftiges Wachstum entsprechend vorbereiten. Doch diese Individualisierung hat ihren Preis.«

Verschiedene Module & Funktionen

Beumer stattet die Anlagen zum Beispiel mit verschiedenen Modulen und Funktionen aus, mit Handaufgabeplätzen etwa, mit semi-automatischen Einschleuseeinheiten, Kamerasystemen oder mit Tools, die Fehler beim Sortierprozess korrigieren und damit die Genauigkeit erhöhen. Dazu kommen Antriebe, die sich in ihrer Leistung und Energieeffizienz unterscheiden. Eine Vielzahl an Produktvarianten entsteht. »Weil wir zum Beispiel die Kamerasysteme oder Sensoren nicht selbst fertigen, setzen wir hier auf ausgewählte Zulieferer«, erläutert Stemmer. Doch je komplexer eine Anlage wird und je mehr Partner im Boot sitzen, desto höher ist meist auch der Koordinations- und Entwicklungsaufwand. Anlagenbauer sind daher Einflüssen ausgesetzt, die sie nicht immer selbst in der Hand haben und die sich auch immer schwerer vorhersagen lassen. Damit steigen die Risiken bei der Kalkulation des Leistungsumfangs und bei der Ausarbeitung der Terminpläne. Eine weitere Schwierigkeit liegt in den langen Projektlaufzeiten: Betreiber haben Änderungswünsche, Wechselkurse und Rohstoffpreise können schwanken. Diese Komplexitätstreiber erschweren eine genaue Kalkulation zum Zeitpunkt der Angebotslegung.

»Kunden erwarten eine klare Aussage. Deswegen können nur jene Anbieter langfristig erfolgreich sein, die auch unter schwierigen Bedingungen den Bedarf an Bauteilen und die Produktion zuverlässig planen können«, ist Johannes Stemmer sich sicher. Um mehr Transparenz im Angebotsprozess zu schaffen, setzt Beumer auf ein effizientes Supply Chain Management (SCM). Dieser Managementansatz ist prozessorientiert und umfasst dabei alle Flüsse von Rohstoffen, Bauteilen, Halbfabrikaten und Endprodukten sowie Informationen entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette. Das Ziel ist eine Ressourcenoptimierung für alle daran beteiligten Unternehmen. Damit das SCM wirkungsvoll die projektspezifische Planung der Lieferketten und die Koordination der beteiligten Akteure unterstützt, ist es genau auf die Anforderungen des Anbieters abzustimmen. Aber das ist gar nicht so einfach.

Für die einen ist der Managementansatz eine zentrale und übergeordnete Planungs- und Steuerungsfunktion, um interne und externe Versorgungsketten zu koordinieren und zu verantworten. Für die anderen ist es der Grundgedanke einer ganzheitlichen Sichtweise, der jedoch oft nur vereinzelt in Einkauf, Vertrieb oder Projektmanagement Anwendung findet. Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung der einzelnen Abteilungen von Aufgaben und Zielen, die SCM zugeschrieben werden. Doch es ist wichtig, in der Endphase des Angebots ein klares Konzept mit den Lieferanten und Unterlieferanten abzustimmen. »Ein Angebot kann bei einem umfangreichen System bis zu 800 Seiten stark sein. Umso wichtiger ist ein durchgängiges SCM«, betont Stemmer.

Bei der Einführung eines SCM sind nicht nur Komplexitätstreiber wie Änderungswünsche oder schwankende Preise der Rohstoffe zu berücksichtigen, sondern auch die Faktoren, die den Angebotsprozess begünstigen können. »Der Kunde ist oft bereit, mehr zu investieren, wenn er dem Know-how des Anbieters vertraut und sich durch die individuelle Lösung seines Problems verstanden fühlt«, weiß Stemmer. Zu diesen Erfolgsfaktoren zählt bei Beumer zum Beispiel der umfangreiche Customer Support. Rund 1.000 Mitarbeiter arbeiten weltweit für dieses Geschäftsfeld. Sie kümmern sich vom ersten Projektgespräch bis zur laufenden Anlage um ihre Kunden. Der Customer Support kann verschiedene Dienstleistungen umfassen. Mit dem Residential Service sind Beumer-Mitarbeiter zum Beispiel dauerhaft vor Ort und übernehmen bewusst Verantwortung für einen reibungslosen Betrieb.

Einheitliche Vorgaben und Abläufe

Um Komplexität beherrschbar zu machen, baut Beumer seine Anlagen modular auf. Diese Vorgehensweise erweist sich als sinnvoll, wenn Prozesse, Bauteile oder Kundenanforderungen ähnlich sind und häufig zum Einsatz kommen. Durch einheitliche Vorgaben und Abläufe vereinfacht der Systemintegrator die Koordination bei der Planung und Steuerung der Supply Chain in der Angebotsphase. Beumer stellt die Module individuell zusammen und passt sie an. Dabei fertigt der Systemanbieter Baugruppen oder Komponenten häufig kundenneutral vor. Die einzelnen Module haben durch Skaleneffekte eine hohe Wiederverwendbarkeit, womit sich auch die Bedarfe in der Fertigung besser steuern lassen. Geht ein Auftrag ein, verbucht Beumer einen hohen Zeitgewinn und ist flexibel in der Lieferung.

Erfolgsfaktoren zu Wettbewerbsvorteilen auszubauen ist das Ziel, das jedes Unternehmen mit Supply Chain Management verfolgt. Doch die Betriebe unterscheiden sich. Die einen stellen nur Produkte her, andere komplette Systeme. Die einen fertigen weltweit, andere setzen fast ausschließlich auf Zulieferer. Durch diese unterschiedlichen Rahmenbedingungen ergeben sich unterschiedliche SCM-Strategien und SCM-Betrachtungsbereiche. Letztere beziehen sich auf einzelne Unternehmensbereiche, auf das Gesamtunternehmen, auf den Kooperationsverbund mit den beteiligten Partnern oder auf die Zusammenarbeit mit dem Kunden. Es gibt damit nicht die »eine« erstrebenswerte Lösung für die Gestaltung der Supply Chain. Mit steigender Stufe – vom funktions- bis zum kundenbasierten Ansatz – wachsen auch die Anforderungen an das Managementsystem.

Firmen, die ihr SCM funktionsorientiert ausrichten, fertigen überwiegend Produkte, seltener komplette Systeme. Meist produzieren sie selbst, haben einen hohen Wertschöpfungsanteil und ihre Zulieferer sind oft nur wenige Kilometer vom eigenen Standort entfernt. Der Angebotsprozess im Unternehmen beruht oft auf Erfahrung. Im Produktgeschäft wird vorrangig standardisiert. Dadurch lassen sich die Leistungsparameter und Kundenwünsche weitgehend vorkonfigurieren. Der kundenspezifische Anteil der Produkte ist eher gering. SCM auf Stufe eins hat meist einen untergeordneten Stellenwert, weil die Firmen für Nischenmärkte produzieren und hier weniger Wettbewerb herrscht. Mit SCM wollen sie Erfolgsfaktoren wie Termintreue, Preis oder Qualität verbessern.

Erweiterter Blick über die Firma hinaus

Einen Schritt weiter gehen Unternehmen mit einem auf dem Verbundziel basierten SCM. Sie erweitern damit ihren Blick über die eigene Firma hinaus bis zu ihren Lieferanten. Um diese in die eigene Unternehmensstruktur einzubinden, sind synchron angelegte Prozesse und Systeme erforderlich. Dazu verständigen sich beide Seiten auf gemeinsame Netzwerkziele im Verbund, die den Unternehmens- und Bereichszielen übergeordnet sind. Damit ergeben sich auch Anforderungen an Kooperation und Transparenz der beteiligten Akteure. Das betrifft zum Beispiel die Informationsbereitstellung, die Ressourcenverwendung oder gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Anders als bei Beumer verfügen Unternehmen, die auf diese Strategie setzen, meist über eine kleine oder keine eigene Fertigung. Der Zukaufanteil und die eigene Engineering-Leistung sind hoch. Das SCM im Lieferantennetzwerk soll die Profitabilität der Supply Chain im Verbund verbessern, die Kooperation mit Lieferanten stärken und das Innovationspotenzial der Lieferkette besser nutzen.

»Unsere Kunden trugen verstärkt den Wunsch an uns heran, ›alles aus einer Hand‹ beziehen zu wollen«, sagt Beumer-Corporate-Strategy-Experte Johannes Stemmer. »Deshalb haben wir uns in den vergangenen Jahren vom Produkthersteller zum Systemlieferanten entwickelt.« Damit hat die Beumer Group auch ihr SCM auf die Kundenanforderungen ausgerichtet. Diese Strategie beschreibt die flexible Ausrichtung der Lieferkette auf die individuellen Bedürfnisse der Anwender im Angebotsprozess und gilt als Kernkompetenz für Systemintegratoren. Denn die Komplexität im Angebotsprozess hängt vor allem von der Komplexität der zu liefernden Anlage ab. Um die Komplexität weiter zu verringern und auf individuelle Anforderungen eingehen zu können, hat Beumer in den verschiedenen Geschäftsfeldern das jeweilige Know-how und die Kompetenzen aller Niederlassungen gebündelt und entsprechende Center of Competence gegründet.

Durchgängige Kommunikation

Die weltweit zuständigen Kompetenzzentren kümmern sich um Forschung & Entwicklung, den Vertrieb, das Projektmanagement, den Einkauf und vor allem um die Betreuung der einzelnen Gruppen innerhalb der Gesellschaft. »Damit stellen wir eine durchgängige Kommunikation aller beteiligten Akteure unternehmensweit bereits in der Angebotsphase sicher«, beschreibt Stemmer die Situation.

Um die entstehenden Kosten in einem Projekt transparenter darzustellen, setzt der Systemintegrator auf Kostenanalysen einzelner Baugruppen oder Produkte. Die Transparenz des Angebots steigert Beumer durch detaillierte Kapazitäts- und Ressourcenplanungen und die Betrachtung der Gesamtbeschaffungskosten (Total Landed Costs) aus Kundensicht. »Wir erkennen Einsparungspotenziale leichter und können sie aktiv erschließen«, freut sich Johannes Stemmer. Diese Potenziale können sich beispielsweise durch Präferenzabkommen verschiedener Länder, Local-Content-Anforderungen oder Bewertungen verschiedener Produktions-szenarien zeigen. Sie haben einen erheblichen Einfluss auf den Angebotspreis.

»Mit dem kundenbasierten Supply Chain Management haben wir unseren Weg gefunden«, ist Johannes Stemmer überzeugt. Besonders ernst nimmt Beumer bei der projektspezifischen Supply-Chain-Konfiguration die maximale Transparenz im Vorgehen der beteiligten Akteure. Die Zusammenarbeit mit den Kunden basiert für den Systemlieferanten auf gegenseitigem Vertrauen. »Der Kunde muss uns als vertrauensvollen Sparringspartner begreifen, der ihm durch exzellente Lösungskompetenz in seinem Projekt zum Erfolg verhilft«, betont Beumer-Experte Johannes Stemmer abschließend.

Daten & Fakten

• Die Beumer Group mit Stammsitz im westfälischen Beckum ist ein international führender Hersteller von Intralogistiksystemen in den Bereichen »Fördern & Verladen«, »Palettieren & Verpacken«, »Sortieren & Verteilen«.

• Mit 4.000 Beschäftigten erwirtschaftet die Unternehmensgruppe einen Jahresumsatz von 800 Millionen Euro.

• Zusammen mit seinen Tochtergesellschaf-ten und Vertretungen bietet Beumer weltweit hochwertige Systemlösungen und anerkannt zuverlässigen Customer Support an in Branchen wie Schütt- & Stückgut, Food/Nonfood, Versand, Post, Bauwesen und Fluggepäck.

Erschienen in Ausgabe: 03/2017

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