»Die Industrie ist die Basis unseres Wohlstandes«

Jungheinrich - »Wir wollen Nummer 1 in Europa sein«, sagt Klaus-Dieter Rosenbach, Vorstand für Logistiksysteme bei Jungheinrich. Ein Gespräch über die Herausforderungen des Marktes, gute Wirtschaftspolitik und das Lager der Zukunft.

18. Oktober 2019
Interview Dr. Klaus-Dieter Rosenbach, Mitglied des Vorstandes, Logistiksysteme; Interview Dr. Klaus-Dieter Rosenbach, Member of the Board of Management, Logistics Systems
(© Jungheinrich)

Interview: Tobias Rauser

Herr Rosenbach, wenn Sie hören, Jungheinrich sei ein Stapler-Hersteller, zucken Sie da zusammen?

Warum?

Weil wir eben weit mehr sind. Wir sind heute der einzige Hersteller in der Branche, der das gesamte Feld der intralogistischen Lösungen unter einer Marke und aus einer Hand anbietet. Damit meine ich auf der einen Seite alle Techniken, Technologien und Produkte. Und auf der anderen Seite das gesamte Spektrum für die Kunden, vom Erstkontakt über die Planung und Realisierung bis hin zum Betrieb und Service.

Sie verstehen sich als Komplettanbieter.

Wir sind es. Wir sind der kompletteste Anbieter der Branche.

Und was fehlt noch?

Es kommen immer wieder neue Anforderungen dazu und wir arbeiten ständig an den passenden Lösungen dafür.

Ist im Bereich Logistiksysteme eigentlich das Risiko höher, da der Verkauf komplexer ist?

Natürlich sieht das auf den ersten Blick so aus. Aber über optimales Projekt-Management, die entsprechenden Tools und die Qualifikation der Mitarbeiter halten wir diese Risiken beherrschbar. Zum anderen gilt natürlich auch: Je mehr Projekte Sie machen, desto größer ist die Grundgesamtheit und Sie können Risiken dementsprechend abfedern.

Also gibt es keine höheren Risiken?

Die Risiken sind absolut beherrschbar.

Wie hoch ist der Anteil des Systemgeschäfts Stand 2018, für den Sie ja verantwortlich sind?

Der Anteil, den wir mit Systemen machen, liegt bei rund 20 Prozent.

Was treibt diesen Markt?

Das ist vor allem der Arbeitskräftemangel. Die Logistiksysteme werden besonders in den Ländern nachgefragt, die sich stark im demografischen Wandel befinden. Daraus resultiert die Notwendigkeit, logistische Abläufe zu optimieren und sie wirtschaftlicher zu gestalten. Die Automatisierung ist hierfür ein starkes Mittel.

Arbeitskräfte brauchen auch Sie, wenn Sie die Kunden bei den komplexen Systemen beraten wollen.

In der Tat. Das ist eine ganz wesentliche Herausforderung. Dabei kommt es uns natürlich zugute, dass es weltweit den Trend zu einer besseren Ausbildung gibt, dadurch sind immer mehr gut ausgebildete junge Leute verfügbar. Und wir haben inzwischen auch einen ziemlich guten Namen, sodass es uns gelingt, die Mitarbeiter zu rekrutieren, die wir brauchen. Aber Sie haben schon Recht: Es ist schwieriger geworden als vor fünf oder zehn Jahren.

Wann wird Ihr Bereich eigentlich mehr als 50 Prozent des Jungheinrich-Geschäfts ausmachen?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das irgendwann sehen werden, ich würde mich aber nicht zur Nennung einer Jahreszahl hinreißen lassen (lacht).

Wo liegt in Zukunft denn der Fokus: In der Entwicklung von Produkten oder von Lösungen und Software?

Die Software ist das Gehirn des Lagers. Deshalb findet in diesem Bereich sehr, sehr viel Entwicklung statt. Hier steckt auch noch sehr viel Potenzial. Es ist für viele Kunden nicht mehr so relevant, dass ein Gabelstapler 1 km/h schneller fährt. Wenn Sie aber eine Lösung anbieten können, die die Leerfahrten oder Standzeiten der Stapler um fünf oder zehn Prozent reduziert, dann ist das viel interessanter. Trotzdem würde ich auch das Entwicklungspotenzial bei den Fahrzeugen nicht unterschätzen. Zum einen müssen sie natürlich optimal mit der Software vernetzt werden und zum anderen bleiben Themen wie Verbesserung der Ergonomie und Sicherheit weiterhin wichtig.

»In Europa sind wir die Nummer-2-Marke. Und wir arbeiten daran, uns dort weiterzuentwickeln.«

— Klaus-Dieter Rosenbach, Jungheinrich

Widmen wir uns den Marktanteilen in Deutschland und Europa. Wie steht Jungheinrich hier da?

Wir sind inzwischen so europabasiert, dass die nationale Perspektive zu kurz greift. In Europa sind wir die Nummer-2-Marke. Und wir arbeiten daran, uns dort weiterzuentwickeln.

Ziel ist es, auf die Poleposition zu kommen?

Ja, selbstverständlich. Wir wollen Nummer 1 in Europa sein.

Vor einigen Jahren haben Sie die Marke von vier Milliarden Umsatz angepeilt. Dort sind Sie nun fast angekommen. Ist das jetzt die richtige Größe am Markt oder fehlt noch etwas?

Das ist unsere Zielmarke für 2020 und die werden wir aller Voraussicht nach erreichen. Wir haben uns über die vergangenen Jahre mit dieser Strategie sehr gut entwickelt. Und es ist auch kein allzu großes Geheimnis, dass wir weiter wachsen wollen. Aber ich bitte um Verständnis, dass wir zum heutigen Zeitpunkt nicht schon die nächsten Ziele kommunizieren. Das werden wir zu einem geeigneten Zeitpunkt tun.

Welche Regionen weltweit sind für Jungheinrich und seine Wachstumsziele besonders relevant?

Wenn man sich den Weltmarkt anguckt, dann reden wir vor allem von Europa und Asien, dort vor allem über China. Und natürlich Nordamerika, ein sehr relevanter und entwickelter Markt. Wir haben in all diesen Regionen ganz klar noch Raum für Weiterentwicklung. Daran arbeiten wir. Und wenn Sie sich unsere Bilanzen anschauen, sehen Sie, dass der Anteil unseres Umsatzes außerhalb Europas kontinuierlich zunimmt.

»Ein Feld, auf dem wir KI noch eine längere Zeit nicht sehen werden, ist das Thema Sicherheit.«

— Klaus-Dieter Rosenbach, Jungheinrich

Wie wichtig ist der europäische Binnenmarkt für ein Unternehmen wie Jungheinrich?

Für Jungheinrich ist dieser natürlich extrem wichtig, gerade weil wir sehr stark in Europa sind. Für uns gilt: »We are free trade people.« Freier Handel, ob innerhalb Europas oder auch weltweit, bringt alle voran, generiert Wohlstand und Stabilität. Davon sind wir felsenfest überzeugt.

Sind Sie als Unternehmenslenker eigentlich mit der wirtschaftspolitischen Arbeit der Bundesregierung zufrieden?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass nicht allen politischen Akteuren in unserem Land hinreichend klar ist, dass die Industrie die Basis für unseren Wohlstand ist. Industrie ist Wertschöpfung, das wird leider viel zu oft vergessen. Wenn Deutschland seine breite industrielle Basis nicht hätte, hätten wir keine Steuereinkünfte, könnten Schulen nicht instand halten, keine Krankenhäuser bauen und könnten uns vieles an sozialer Absicherung nicht mehr leisten. Dieser Zusammenhang sollte in der Politik wieder stärker verstanden und gelebt werden. Darüber hinaus brauchen wir einen konsequenten Bürokratieabbau. Beides zusammen ist für mich eine gute Wirtschaftspolitik.

Haben Sie Sorge, dass Ihre Anforderungen in der Klimadebatte unter den Tisch fallen?

Soweit würde ich im Augenblick noch nicht gehen. Wichtig ist, dass in der Politik verstanden wird, dass es gerade in Deutschland sehr viele innovative Unternehmen gibt. Wir arbeiten ganz massiv daran, den Energieverbrauch unserer Produkte zu reduzieren, und leisten auf diese Weise einen Beitrag zur Reduzierung des Carbon Footprints.

Was würde ein Wirtschaftsminister Rosenbach als Erstes anpacken?

Erstens den Bürokratieabbau vorantreiben. Und dann würde ich ganz massiv Werbung für den Industriestandort und das Image der Industrie in Deutschland machen. In Richtung Fachkräfte-Rekrutierung, aber auch, um in der Bevölkerung klar zu machen, woher unser Wohlstand kommt.

In Ihrem Geschäftsbereich spielt die Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Ist das heute schon mehr als ein Schlagwort?

Wenn ich mir den derzeitigen Hype um die KI so anschaue, muss man ganz klar sagen, dass nicht überall, wo KI draufsteht, auch wirklich KI drin steckt. Klar ist aber auch, dass das ein riesiges Feld mit großem Entwicklungspotenzial ist. Es beginnt bei intelligenten Optimierungsstrategien. Und geht bis zu Maschinen, die in der Nachbildung neuronaler Netze vollautonom lernen, wo wir Menschen dann gar nicht mehr wissen, was diese Maschine nachher wirklich macht.

Wie wichtig ist das Thema für Jungheinrich?

Wir sehen hier gerade für die Optimierung automatischer oder halb automatischer Systeme überproportionale Wachstumspotenziale. Mit der neuen intelligenten Kommissionierung haben wir deshalb auf der Logimat 2019 ein erstes KI Framework für das Jungheinrich-WMS präsentiert.

Gibt es Grenzen der Künstlichen Intelligenz oder kann man alles denken?

Es ist sehr schwierig, mehr als fünf oder zehn Jahre vorhersagen. Dazu ist die ganze Welt zu volatil, die Innovationen viel zu dynamisch. Ich würde für unseren Sektor sagen: Ein Feld, auf dem wir KI noch eine längere Zeit nicht sehen werden, ist das Thema Sicherheit. Eine Maschine in der Intralogistik muss zu 100 Prozent sicher sein. Das kann man nicht auf Heuristiken basieren lassen. Es geht nicht um 99,9 Prozent, die Anforderung ist 100 Prozent.

Die KI würde ja erst aus Fehlern lernen. Etwas schwierig beim Thema Sicherheit.

So ist es. Das geht überhaupt nicht. Und daran wird sich in der Intralogistik nach meiner Einschätzung auf absehbare Zeit nichts ändern.

Ein großes Thema in der nahen Zukunft werden Fahrerlose Transportsysteme (FTS) sein.

FTS hatten einen Zwischen-Hype in den Achtzigerjahren und dann eine relativ lange Durststrecke. Jetzt ist in der Tat seit einigen Jahren erkennbar, dass nicht nur die Nachfrage massiv steigt, sondern sich auch die Anwendungsfelder verschieben. Die Systeme werden flexibler. Es geht weg aus einem starr automatisierten Umfeld in normale Anwendungen hinein. Hier sind wir erst am Anfang dieser Entwicklung, und der Trend wird sich eher noch verstärken.

Zu dem Thema haben Sie ja auch promoviert.

Genau, in den Achtzigerjahren. Damals sah die Welt noch etwas anders aus.

Wie sieht denn das Lager der Zukunft aus?

Ich weiß gar nicht, ob sich das Lager selbst in Zukunft überhaupt verändert. Wahrscheinlicher ist, dass wir sehr viel mehr autonome Fahrzeuge darin sehen werden und die Anforderungen an die Flexibilität an die Lager eher steigen als absinken werden.

Haben Drohnen disruptives Potenzial?

Stand 2019 sehe ich Drohnen eher als eine Nischenanwendung. Es geht um Themen wie zum Beispiel Inventur im Lager. Wenn man die Tragkraft von Drohnen heute betrachtet, gibt es einfach Grenzen der Physik. Wir reden hier schließlich über Intralogistik und nicht über leichte Pakete und die Zustellung auf eine Insel. Wenn Sie dann noch überlegen, was in einem Hochleistungslager an Mengendurchsatz herrscht, dann müssten dort sehr viele Drohnen fliegen. Ich habe gewisse Vorstellungs-Schwierigkeiten, dass man das wirtschaftlich, platzmäßig und sicher hinbekommt. Aber wir haben das Thema im Blick: Vielleicht passiert in fünf oder zehn Jahren etwas. Aber zum heutigen Stand muss ich offen sagen: Ich sehe hier keine echte Disruption.

Wollen Sie eigentlich 2020 an der Hannover Messe teilnehmen?

Nein, werden wir nicht. Es gibt verschiedene Angebote am Markt und einen Wettbewerb der Messen. Wir haben uns entschieden, dass wir den Schwerpunkt unserer Messeaktivitäten in Deutschland auf die Logimat legen.

Infobox

Schnelldurchlauf

10 Fragen an Klaus-Dieter Rosenbach

Wann haben Sie Ihr Telefon das letzte Mal ausgeschaltet?

Gestern. Das passiert häufiger.

Wie viel Kaffee brauchen Sie, um den ganzen Tag hellwach zu bleiben?

Inzwischen nur noch vier Tassen.

Was ist Ihr Lieblingsdrink an der Hotelbar abends nach dem Businesstrip?

Das gute alte Bier.

Was ist der beste Ort für einen relaxten Wochenendtrip?

Für einen Wochenendtrip ist der beste Ort Barcelona. Das Wort »relaxt« streiche ich aber aus Ihrer Formulierung.

Was würden Sie in einem Sabbatical machen?

Ich würde mit der Transsib nach Wladiwostok fahren. Von dort aus würde ich weiter nach Asien reisen, durch Länder wie Vietnam, Myanmar und Kambodscha.

Mit welcher Person würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit dem Chef vom Roten Kreuz.

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei Ihren engsten Mitarbeitern besonders wichtig?

Das Commitment für die Lösungen, die Jungheinrich als Ganzes voranbringen.

Mit welchen drei Attributen möchten Sie gerne beschrieben werden?

Genau mit diesem Commitment. Und dann Offenheit für Neues sowie Geradlinigkeit.

Wenn Sie einem Bewerber nur eine Frage stellen dürften?

Warum wollen Sie zu uns kommen?

Was machen Sie in zehn Jahren?

Im Garten in der Toskana mit Freunden bei gutem Essen sitzen. Und gute Gespräche haben.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 5 bis 27

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