»Die Verbindung von Hand und Hirn«

Logistikstadt Dortmund - Michael ten Hompel, Leiter des Fraunhofer- Instituts für Materialfluss und Logistik und Inhaber des Lehrstuhls für Förder- und Lagerwesen an der Uni Dortmund, über seine Stadt.

16. Mai 2006

Logistik Journal: Herr Professor ten Hompel, ein bedeutendes Wirtschaftsblatt feierte die Logistik jüngst als Deutschlands heimliche Paradedisziplin. In diesem Zusammenhang hieß es auch, Dortmund sei für die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Art Kompetenzzentrum. Welche besonderen Merkmale sind gemeint?

Prof. Dr. Michael ten Hompel: Zum einen liegt Dortmund im logistischen Zentrum des neuen Europa. Hierdurch finden sich zahlreiche Distributionszentren und Logistikdienstleister im Kammerbezirk Dortmund. Zum anderen ist Dortmund traditionell und unbestritten die Hochburg der technischen Logistik in Deutschland. Hierzu zählt neben dem Maschinenbau vermehrt die Informationslogistik. Wenn Sie von Kompetenz sprechen, denke ich natürlich zuerst an die Universität mit dem einzigen Diplom-Logistik-Studiengang Deutschlands, dem größten Informatikfachbereich, den beiden Fraunhofer-Instituten und der außergewöhnlich guten Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Eine weitere Kompetenz, die sich manchmal erst auf den zweiten Blick zeigt, ist die anpackende und kooperative Art der Dortmunder. Hierdurch entsteht ein sehr erfolgreiches Arbeitsklima, in dem wir allein mit unserem Institut jedes Jahr über 500 Logistikprojekte bearbeiten. Und man geht auch gern mal der Tradition nach, ein leckeres Pilsken nach der Arbeit zu trinken − auch ein nicht zu unterschätzender, positiver Standortfaktor.

LJ: Dortmund wird inzwischen in eine Reihe gestellt mit Logistikmetropolen wie Hamburg, Frankfurt, München und Berlin. Wo sehen Sie Vorteile für Ihre Stadt, und wo noch Handlungsbedarf?

MtH: Unser Vorteil ist die Lage und die Verbindung von Hand und Hirn. Wir haben in der Verbindung von Logistik und IT-Firmen eine einmalige Infrastruktur für logistische Dienstleistung. Der Handlungsbedarf liegt einzig darin, dies weiter bekannt zu machen. Die meisten Menschen sind immer noch überrascht, dass Dortmund hinter Frankfurt und vor Stuttgart die sechstgrößte Stadt Deutschlands ist und die verfügbaren Logistikkapazitäten in jeder Hinsicht eine Region wie zum Beispiel Berlin-Brandenburg um ein Mehrfaches übersteigen.

LJ: Das von Ihnen geleitete Institut für Materialfluss und Logistik wurde 1981 als Fraunhofer-Institut für Transporttechnik und Warendistribution gegründet und gilt seither als wichtiger Teil des Wissenschaftsstandortes Deutschland. Was waren die wichtigsten Meilensteine in der 25-jährigen Geschichte des Instituts?

MtH: 1981, als unser Institut von Professor Reinhardt Jünemann gegründet wurde, war eine Zeit des Umbruchs. In diesem Jahr kam der erste PC auf den Markt, und ein gewisser B. Gates brachte sein erstes Betriebssystem heraus. Zu dieser Zeit waren beide Männer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die pragmatische Art des Logistikmanagers Jünemann führte Wissenschaft und Wirtschaft schnell unter der neuen Dachmarke Logistik zusammen. Im Grunde wurde der Begriff der industriellen Logistik hier geboren, wofür Professor Jünemann vor einigen Jahren auch den Landespreis NRW erhielt.

Es folgten viele technische Entwicklungen im Bereich Materialfluss und Logistik. Die ersten Packroboter wurden zum Beispiel Anfang der Achtziger hier entwickelt, immer noch eine Domäne des Institutes. Oder nehmen Sie das Prozessketten-Instrumentarium, das Professor Axel Kuhn in den letzten 15 Jahren entwickelt hat. Es ließen sich viele Dinge anführen, und die Zeiten sind eigentlich nicht ruhiger geworden. Zur Jahrtausendwende, als Uwe Clausen von Amazon zu uns kam und die ersten E-Logistics- und Last-Mile-Applikationen entstanden, war es eigentlich genauso spannend wie heute - in einer Zeit, in der wir auf Basis der RFID-Technologie das Internet der Dinge maßgeblich in Dortmund entwickeln.

Neue Langfristigkeit

Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist vielleicht am ehesten die Langfristigkeit unserer Arbeit. Waren in den Gründerjahren schnelle Lösungen gefragt, so beschäftigen wir uns heute zunehmend in längerfristigen Projekten mit grundlegenden Fragestellungen. Sie sprachen in diesem Zusammenhang auch die veränderte Sicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft an. Wir arbeiten an unserem Institut sehr intensiv am Aufbau der Wissenschaft der Logistik. Sei es mit dem Wissenschaftssymposium der BVL Ende Mai, mit neuen Sonderforschungs- und Transferbereichen oder mit dem ersten wissenschaftlichen E-Journal für technische Logistik (www.logistics-journal.com; Anmerkung der Redaktion).

LJ: Dortmund wird vielfach als Hochburg der Logistiksoftware bezeichnet. Und Sie sagen, dass schätzungsweise 50 Prozent der weltweit genutzten Warehouse Management Systeme aus Deutschland und nicht wenige davon aus Dortmund kommen. Welche Saat ist hier aufgegangen?

MtH: Dortmund ist ein hervorragender Katalysator, der drei Dinge anzieht und zusammenbringt: Menschen, die etwas bewegen wollen und den Mut dazu besitzen; eine Unterstützung durch Wirtschaftsförderung, Technologiezentrum und IHK, wie Sie sie nirgendwo anders finden; und eine Region, die beschlossen hat, sich auf Platz 1 der Liga zu vorzuarbeiten − und uns nach oben zu arbeiten, davon verstehen wir etwas im Ruhrgebiet.

LJ: Zahlreiche Pilotprojekte wie der Tower 24, myWMS sowie RFID-Anwendungen bei Rhenus und DHL sind hier - unter anderem mit Unterstützung des Instituts für Materialfluss und Logistik und der Universität Dortmund − auf den Weg gebracht worden. Für Aufsehen sorgte auch die im April 2005 gestartete openID-center-Initiative. Können Sie, ein Jahr nach Beginn dieses Projekts, eine erste Bilanz ziehen?

MtH: Ich schätze, dass es in Deutschland zurzeit etwa 50 ernst zu nehmende RFID-Projekte gibt, etwa ein Drittel davon läuft mit uns zusammen. Wir konnten die Fraunhofer-Gesellschaft davon überzeugen, das Thema »Internet der Dinge« als eines ihrer Topthemen zu benennen. Wenn Sie heute ins Internet gehen und geben »RFID« ein, finden Sie mehr Hinweise auf Fraunhofer als auf jede andere Forschungsgesellschaft - inklusive M.I.T.

Auch die anderen Initiativen wie das Dortmunder LogIDLab des Fachbereiches Logistik, das frisch gegründete RFID Support Center oder das Informationsforum RFID, bei dem wir intensiv mitarbeiten, haben zum Gesamterfolg beigetragen. Wenn ich dies so aufzähle − und ich könnte noch einiges mehr nennen − kann ich kaum glauben, dass es das openID-center erst seit einem Jahr gibt.

LJ: Heute beschäftigen sich in erster Linie Großunternehmen mit dem Thema RFID. Das openID-center soll aber auch der Information kleiner und mittlerer Unternehmen dienen, die in Sachen RFID noch unsicher sind. Wie hoch liegt die Hemmschwelle dieser Unternehmen? Und was können Sie ihnen raten?

Es geht um die Prozesse

MtH: RFID an sich bringt keinen Nutzen. Es sind die Prozesse, die sich mit dieser Technologie neu gestalten lassen, die den Mehrwert bringen. Und hier tun sich die Kleinen häufig leichter als die Großen. Große Firmen müssen viel stärker über internationale Standardisierung nachdenken und benötigen bei der Umstellung ihrer Softwaresysteme viele Monate, während zum Beispiel ein kleiner Produzent eine RFID-basierte Chargenverfolgung innerhalb von Tagen und für ein paar tausend Euro einführen kann.

LJ: Das Internet der Dinge wird die Welt bewegen. Seine Wiege steht in Dortmund. Planen Sie bereits den nächsten Coup?

MtH: Aber klar! Schauen Sie einfach mal am ersten Tag des Wissenschaftssymposiums bei eBay vorbei. Wenn alles gut geht, können Sie am 30. Mai unsere neueste Entwicklung mit Arvato Systems für einen Euro ersteigern.

Erschienen in Ausgabe: Transportlogistik/2006