»Digital ist gefährlich«

Materialfluss-Kongress In München diskutierten Logistiker über die einschneidenden Herausforderungen der Digitalisierung. Eine Lösung: Partnerschaften. Das gilt beim Thema Innovation – aber auch im Umgang zwischen Auftraggebern und Kunden.

27. Mai 2019
»Digital ist gefährlich«
Zur Eröffnung diskutierten Christoph Beumer, Frederik Brantner und Marco Gebhardt mit Christian Jacobi über »Neue Wege in der Intralogistik«. (© TUM VDI WF)

Ein »Weiter so« reicht heutzutage in der Intralogistik nicht mehr. Auf diese Formel lassen sich viele der Debatten bringen, die auf dem Deutschen Materialfluss-Kongress in München geführt wurden. Auf der Veranstaltung des VDI an der TU München diskutierten die Teilnehmer zwei Tage lang über neue Ideen und den Wandel der Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung.

Hersteller und Kunden: die Grenzen verwischen

»Die Logistik, vor allem die Intralogistik, ist der Pilot neuer Technologien«, sagte Professor Johannes Fottner vom Lehrstuhl für Fördertechnik, Materialfluss und Logistik an der TU München. Für ihn steht fest: »Die Grenzen zwischen den klassischen Herstellern von Materialflusssystemen und ihren Kunden verschwimmen.« Das hat drastische Folgen für den Prozess der Innovation und die Wettbewerbsfähigkeit für Unternehmen der Branche. Christian Jacobi, Geschäftsführer von Agiplan, brachte es auf den Punkt: »Innovation im stillen Kämmerlein wird zum Auslaufmodell mit der Konsequenz, dass es Einzelkämpfer auf dem Markt schwer haben werden.« Auch Unternehmen, die schon jahrzehntelang am Markt sind, müssen Partnerschaften mit Start-ups eingehen. Das hat Vorteile für beide Seiten: Die Start-ups werden mit Geld und Anforderungen aus der Praxis versorgt, die »klassischen« Unternehmen brechen alte Hierarchien auf und schaffen es, schneller, schlanker und agiler auf disruptive Technologien zu reagieren.

»Innovation im stillen Kämmerlein wird zum Auslaufmodell.«

— Christian Jacobi, Agiplan

Ein Unternehmen, das sich schon ausführlich damit auseinandergesetzt hat, ist Beumer. »Früher haben die Großen die Kleinen gefressen, heute fressen die Schnellen die Langsamen«, sagte Christoph Beumer, Geschäftsführer des Mittelständlers. Das Beckumer Familienunternehmen hat neue, unabhängige Einheiten geschaffen, die einerseits die Produkte des Unternehmens mithilfe neuer Technologien verbessern und andererseits den Fokus auf disruptive Geschäftsmodelle legen sollen.

Intralogistiker brauchen neue Kompetenzen

»Es gibt keinen Blueprint für digitale Transformation«, sagte Beumer. Doch es gibt keine Alternative: »Digital ist gefährlich, analog ist tödlich.« Den Weg der Digitalisierung ist auch Gebhardt Fördertechnik aus Sinsheim gegangen. Geschäftsführer Marco Gebhardt berichtete in München von seinen Erfahrungen. Eine der wichtigsten Fragen in diesem Prozess: Wie baut ein Maschinenbauer Kompetenzen auf, die für die Digitalisierung gefragt sind? Das ist vor allem wichtig, weil Unternehmen in Zukunft das ganze Paket anbieten müssen, damit sie nicht zum Zulieferer degradiert werden. »Die Intralogistik ist besonders von der Digitalisierung betroffen, kann aber als Ganzes auch überproportional davon profitieren«, ist sich Firmenchef Gebhardt sicher.

In einem Punkt waren sich alle einig: Es ist nicht damit getan, wenn sich klassische Unternehmen mit Start-ups zusammentun.

»Wir brauchen vor allem ein partnerschaftliches Miteinander zwischen Auftraggebern und ihren Kunden«, appellierte Christoph Beumer auf dem Kongress. Der Wunsch nach neusten und innovativen Technologien passe nicht zur Null-Fehler-Toleranz mancher Kunden.

Digitalisierung gelingt nur in Partnerschaft

Nur durch kooperative, auf Vertrauen basierende Zusammenarbeit kann das Potenzial der Digitalisierung und neuer Technologien gehoben werden. Wichtig ist dabei der Veränderungswille auf beiden Seiten. »Unternehmen müssen bereit sein, sich neu aufzustellen«, fasste Agiplan-Chef Christian Jacobi zusammen. »Weiter so« reicht nicht.

Erschienen in Ausgabe: 03/2019