Effiziente Lagerlogistik ist heute weit mehr als das reine Stapeln von Waren; es ist ein dynamischer Prozess, bei dem Zeit und Platz bares Geld kosten. Wenn Sie mit verderblichen Produkten, Chargenpflichten oder hohem Warenumschlag arbeiten, stoßen statische Regalsysteme schnell an ihre Grenzen. Durchlaufregale nutzen physikalische Gesetzmäßigkeiten, um Waren automatisch und ohne zusätzlichen Energieaufwand an den richtigen Ort zu befördern, und garantieren dabei die strikte Einhaltung der Lagerfolge.
Das Wichtigste in Kürze
- Durchlaufregale arbeiten mit Schwerkraft auf geneigten Rollenbahnen und transportieren Waren selbstständig von der Einlager- zur Entnahmeseite.
- Das System erzwingt physisch das FIFO-Prinzip (First In, First Out), was es ideal für Lebensmittel, Pharmazie und chargengeführte Artikel macht.
- Durch den Wegfall von Zwischengängen sparen Unternehmen bis zu 60 Prozent Lagerfläche und trennen Staplerverkehr strikt von der Kommissionierung.
Wie die Schwerkraft den Warentransport automatisiert
Ein Durchlaufregal ist im Grunde ein geneigter Kanal, der mit Rollenleisten oder Röllchenbahnen ausgestattet ist. Die Ware – sei es eine schwere Europalette oder ein leichter Karton – wird auf der höheren Seite (Beschickungsseite) in den Kanal gesetzt und gleitet durch das Eigengewicht kontrolliert zur niedrigeren Seite (Entnahmeseite). Dieses Gefälle beträgt in der Regel zwischen drei und vier Prozent, was ausreicht, um die Haftreibung zu überwinden, ohne dass das Ladegut eine gefährliche Geschwindigkeit erreicht.
Sobald die erste Einheit an der Entnahmeseite entnommen wird, rollen die nachfolgenden Einheiten automatisch nach und füllen die Lücke sofort auf (Nachrück-Funktion). Dieser Mechanismus macht interne Umlagerungen durch Personal oder Flurförderzeuge überflüssig und sorgt dafür, dass die Ware immer griffbereit an der Regalfront steht. Da keine Energiequellen wie Strom oder Druckluft benötigt werden, gilt das System als besonders wartungsarm und robust gegenüber technischen Ausfällen.
Warum das FIFO-Prinzip hier zwingend funktioniert
In herkömmlichen Palettenregalen besteht oft die Gefahr, dass neu gelieferte Ware einfach vor die alte gestellt wird, was zum sogenannten LIFO-Effekt (Last In, First Out) führt und Bestände veraltern lässt. Durchlaufregale eliminieren dieses Risiko baulich, da Einlagerung und Entnahme räumlich getrennt an gegenüberliegenden Seiten stattfinden. Es ist physisch unmöglich, eine Palette von der Entnahmeseite aus einzuschieben oder eine neue Palette vor eine alte zu platzieren.
Dieses erzwungene First-In-First-Out-Prinzip (FIFO) ist der entscheidende Wirtschaftsfaktor für Branchen mit Mindesthaltbarkeitsdaten oder strengen Chargenverfolgungen. In der Lebensmittelindustrie oder im Pharmahandel verhindert das System aktiv, dass Produkte „überlagern“ und vernichtet werden müssen. Auch in der Automobilindustrie oder Montageversorgung stellt es sicher, dass Bauteile in der korrekten Produktionsreihenfolge verbaut werden, was Qualitätsmängel durch veraltete Versionen ausschließt.
Welche Bauformen für Paletten und Kleinteile existieren
Nicht jedes Durchlaufregal ist gleich konstruiert; die Technik muss exakt auf das Ladegut abgestimmt sein, um Stauungen oder Beschädigungen zu verhindern. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Hauptkategorien, die je nach Lagergut und Prozessanforderung ausgewählt werden müssen. Diese Unterscheidung ist wichtig, da die physikalischen Kräfte bei einer Tonne Gewicht völlig andere Sicherheitsvorkehrungen erfordern als bei einem Zwei-Kilo-Karton.
- Palettendurchlaufregale (PDS): Schwerlastsysteme mit durchgehenden Tragrollen über die gesamte Kanalbreite, ausgelegt für Europaletten oder Industriepaletten.
- Stückgutdurchlaufregale (SDS): Leichtere Systeme mit Röllchenleisten für Kartons, Kisten (KLT) oder Behälter, oft direkt in die Kommissionierzone oder Montagearbeitsplätze integriert.
- Kommissioniertunnel: Eine Kombination, bei der Paletten in oberen Ebenen als Puffer lagern und unten Stückgutbahnen für die manuelle Entnahme bereitstehen.
Sicherheitstechnik: Bremsrollen und Nachlaufsperren
Bei Palettenregalen, in denen Massen von bis zu 1.000 Kilogramm bewegt werden, ist die Kontrolle der kinetischen Energie überlebenswichtig. Ohne technische Regulierung würde eine Palette auf der geneigten Bahn so stark beschleunigen, dass sie am Ende des Kanals mit enormer Wucht aufprallt, was das Regal beschädigen oder Mitarbeiter gefährden könnte. Deshalb sind in regelmäßigen Abständen mechanische Bremstragrollen verbaut, die fliehkraftgesteuert arbeiten und die Geschwindigkeit der Palette konstant auf einem sicheren Schritttempo halten.
Ein weiteres kritisches Bauteil ist die Trennvorrichtung oder Nachlaufsperre am Entnahmeplatz. Sie sorgt dafür, dass die erste Palette vom Druck der nachdrückenden Paletten befreit wird, damit der Staplerfahrer sie ohne Reibungswiderstand entnehmen kann. Erst wenn die erste Palette sicher aus dem Kanal gehoben wurde, gibt die Sperre den Weg für die nächste Palette frei, die dann sanft in die Entnahmeposition rollt.
Raumnutzung und Trennung der Arbeitswege
Ein oft unterschätzter Vorteil von Durchlaufregalen ist die extreme Flächenverdichtung, da im Gegensatz zu Einfahrregalen oder Standardregalen keine Bediengänge zwischen den einzelnen Kanälen notwendig sind. Sie benötigen lediglich einen Gang für die Beschickung und einen für die Entnahme; der gesamte Block dazwischen ist reines Lagervolumen. Dies führt zu einer Flächenersparnis von bis zu 60 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Lagerarten, was besonders in teuren Kühlhallen oder bei begrenzten Grundstücksflächen den Investitionsaufwand rechtfertigt.
Neben dem Platzgewinn optimiert das System die Sicherheit im Lagerverkehr drastisch, indem es Staplerverkehr und Kommissionierer voneinander trennt. Während auf der einen Seite Hubwagen und Gabelstapler die Nachschubversorgung sicherstellen, können auf der anderen Seite Mitarbeiter ungestört Ware entnehmen oder kommissionieren. Diese Entflechtung reduziert das Unfallrisiko erheblich und ermöglicht gleichzeitig eine höhere Taktung in beiden Prozessen, da sich die Fahrzeuge nicht gegenseitig blockieren.
Planungsparameter: Was vor der Anschaffung zu klären ist
Die Installation eines Durchlaufregals ist eine langfristige Entscheidung, da das System weniger flexibel auf Änderungen reagiert als ein einfaches Fachbodenregal. Die Dimensionierung der Kanäle (Höhe, Breite und Tiefe) legt Sie auf Jahre fest, weshalb eine genaue Analyse der Gebindegrößen und des zukünftigen Sortiments unumgänglich ist. Zudem müssen die Bodeneigenschaften der Halle geprüft werden, da durch die hohe Lagerdichte enorme Punktlasten auf den Hallenboden wirken, die spezielle Fundamente erfordern können.
Checkliste für die technische Auslegung
- Ladungsträgerqualität: Sind Ihre Paletten unbeschädigt? Defekte Kufen blockieren die Rollenbahnen.
- Umgebungstemperatur: Im Tiefkühllager (bis -30°C) werden spezielle Lagerfette und Kälte-resistente Stahlteile benötigt.
- Gefälle: Muss exakt justiert werden (meist 3-5%); zu steil erhöht die Unfallgefahr, zu flach führt zu Stauungen.
- Ladungsgewicht: Die Bremsrollen müssen auf das Mindest- und Höchstgewicht der Paletten abgestimmt sein.
Typische Fehler und Probleme im Betriebsalltag
Trotz der robusten Technik ist das Durchlaufregal anfällig für Störungen, wenn die Qualität der Ladungsträger vernachlässigt wird. Ein häufiges Problem sind Holzsplitter, abstehende Nägel oder durchgebogene Palettenböden, die sich in den Rollen verhaken und den Warenfluss stoppen. Ein Stau mitten im Kanal ist schwer zu beheben, da Mitarbeiter den Kanal aus Sicherheitsgründen nicht betreten dürfen und die Beseitigung oft Spezialwerkzeug oder riskante Manöver erfordert.
Ein weiterer Fehler ist die falsche Beladung mit Folienüberständen oder „Bäuchen“ an den Palettenseiten. Wenn die Ware seitlich über die Palette hinausragt, schleift sie an den Kanalwänden oder der Nachbarpalette, was wie eine Bremse wirkt und den Nachlauf verhindert. Disziplin bei der Wicklung der Paletten und regelmäßige Kontrollen der Rollenbahnen auf Verschmutzung sind daher Pflichtaufgaben für einen störungsfreien Betrieb.
Fazit: Investition in Prozesssicherheit und Tempo
Durchlaufregale sind keine Universallösung für jedes Lager, sondern Spezialisten für schnelldrehende Artikel und strikte FIFO-Anforderungen. Die höheren Anschaffungskosten im Vergleich zu statischen Regalen amortisieren sich meist schnell durch die gewonnene Lagerfläche, die Reduzierung von Fahrzeiten und die Vermeidung von Warenverlusten durch Überlagerung. Wer große Mengen gleichartiger Artikel effizient puffern und schnell umschlagen muss, findet hier die leistungsfähigste Lösung.
Zukünftig wird die Kombination aus manuellen Durchlaufregalen und automatisierten Regalbediengeräten (RBG) weiter zunehmen. Während die Schwerkraft den horizontalen Transport im Kanal übernimmt, sorgen vollautomatische Systeme für die Beschickung und Entnahme. Für Unternehmen bedeutet dies den nächsten Schritt: Maximale Lagerdichte bei minimalem Personaleinsatz und höchster Prozesssicherheit.
