Zukunft der Logistik

»Echte KI hat ganz andere Möglichkeiten«

Wenn es um innovative Konzepte in der Logistik geht, fällt zwangsläufig ein Name: Professor Michael ten Hompel. Im »lj«-Interview sagt der geschäftsführende Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik, wie die Revolution durch künstliche Intelligenz (KI) ablaufen könnte und warum wir einen Wertekodex für Maschinen brauchen. Interview: Tobias Rauser

04. September 2018
© Fraunhofer IML/Sebastian Beierle
(© Fraunhofer IML/Sebastian Beierle)

Professor ten Hompel, wie sieht für Sie das Flurförderzeug der Zukunft aus?

Sehr viel smarter. Die Entwicklung der entsprechenden Sensorik, die Rechnertechnik und die fallenden Preise machen vieles möglich.

Das vollständig autonome Fahrzeug ist ja schon jetzt Realität in der Intralogistik. Gleichzeitig ist die Automatisierung ein Trend: Die Fahrzeuge werden immer autonomer und auch in der Interaktion mit dem Menschen immer selbstständiger. Es wird in der Zukunft völlig normal sein, mit einem Stapler zu reden. Wobei ich das Reden nicht unbedingt wörtlich meine, sondern als Synonym für Kommunikation sehe: Gestensteuerung, Gesichtserkennung, Szenarienerkennung.

Ist dann noch jemand da, mit dem der Stapler kommuniziert? Anders gefragt: Ist Automatisierung eine Gefahr für die Arbeitsplätze?

Es wird ganz sicher einen Umbruch geben. Einfache Arbeitsplätze werden automatisiert. Da wo es sinnvoll möglich ist, passiert das umgehend, sobald die Technik vorhanden ist. Ich bin aber der Meinung, dass es so wie in den drei industriellen Revolutionen zuvor ist: Am Ende des Tages sprechen wir über mehr Arbeitsplätze, die aber komplett anders aussehen werden.

Automatisierung läuft bisher wie folgt ab: Jeder Hersteller entwickelt seine eigene Lösung. Was passiert in gemischten Fuhrparks, verstehen sich die Fahrzeuge noch untereinander?

Das ist eine sehr gute Frage. Sie wird in Zukunft immer wichtiger. Schon heute kommen große Unternehmen zu uns und sagen: »Wir brauchen einen Standard.« Diese noch zu entwickelnden Normen werden offen sein. Noch können es sich die Hersteller leisten, eigene und geschlossene Firmenstandards zu implementieren. Doch der Trend geht klar in Richtung offener Standards.

Wer steuert denn in zehn Jahren das Warehouse: Mensch oder Maschine?

In fünf Jahren noch der Mensch. In zehn Jahren die Maschine.

Verstehen sich Mensch und Maschine eigentlich?

Das ist der Knackpunkt. Wir werden wichtige Fragen in diesem Zusammenhang beantworten müssen. Etwa: Wie teilen sich Menschen und Maschinen zukünftig Verantwortung? So verstehe ich auch Ihre Frage.

Was ist Ihre Antwort?

Eins muss ich vorweg sagen: Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Phase gehabt, in der ich so viel Neues lernen konnte. Besonders die hier diskutierten Fragestellungen sind spannend und wirklich fächerübergreifend.

Da sprechen wir Logistiker mit Soziologen, mit Philosophen und anderen Fachrichtungen. Der Wandel ist so grundlegend, dass alle gefragt sind. Aber manchmal sind die Antworten auch, um auf ihre Mensch-Maschine-Schnittstelle-Frage zurückzukommen, ganz einfach. Nehmen Sie unser interaktives fahrerloses Transportfahrzeug Emili. Ein Gesicht auf dem Display des Fahrzeugs und auf einmal läuft die Kommunikation intuitiv ab.

Gibt es Möglichkeiten der Kommunikation und Verzahnung von Mensch und Computer, die wir uns heute noch nicht vorstellen können?

Es ist ja an und für sich eine ganz verrückte Tatsache: Die Kommunikationsbandbreite des Menschen ist sehr gering. Nehmen Sie unser Gespräch: Jemand, der schnell auf der Maschine ist, kann das manuell mitschreiben. Und trotzdem tauschen wir komplexe Informationen aus.

In Zukunft reden wir über andere Formen der Sprachanalyse oder Dinge wie Armbänder, die eine relativ einfache Möglichkeit bieten, Gesten zu erkennen. Und Maschinen könnten mit Kamerasystemen ausgestattet sein, die sie erkennen lassen: Hat der Mensch überhaupt verstanden, was ich ihm gerade sagen wollte?

Was bedeutet denn aus Ihrer Sicht »Künstliche Intelligenz«? Dass die Maschine oder der Computer ein Bewusstsein hat?

Ich glaube, die Frage nach dem Bewusstsein führt in die falsche Richtung. Denn für mich bedeutet künstliche Intelligenz nicht die Nachahmung menschlichen Verhaltens. Echte künstliche Intelligenz hat ganz andere Möglichkeiten zu kommunizieren und sich zu entwickeln als der Mensch. 

Aber auch eine Maschine muss ja eine Wertebasis für ihre Entscheidungen besitzen. 

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Der Computer sollte Verantwortung übernehmen und teilen können. Dazu müssen wir die Frage beantworten: Wie sehen die Normen aus, nach denen solche Verantwortung dann in Zukunft geteilt wird? Ein Beispiel: Ein Roboter arbeitet mit Menschen zusammen und der Roboter erkennt, dass der Mensch faul ist.

Nach welchen Normen wird denn jetzt entschieden, den Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass er schneller arbeiten sollte? Oder der Roboter erkennt, dass sich der Mensch falsch bewegt und er sich über die Jahre verletzen wird. Was tun? Das Spannende daran: Die Antworten auf diese Fragen werden in den unterschiedlichen Kulturkreisen – etwa in Deutschland oder China – gänzlich anders beantwortet.

Zur Person

Michael ten Hompel (geboren am 19. November 1958 in Bergisch Gladbach) ist Professor am Lehrstuhl für Förder- und Lagerwesen an der Technischen Universität Dortmund, geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) und Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST. Er ist seit 2012 Mitglied der Logistik Hall of Fame.

Ten Hompel ist ein Wissenschaftler mit Praxisbezug und war viele Jahre als Unternehmer tätig. Er ist in zahlreichen Gremien engagiert, etwa in der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Technische Logistik, in der Bundesvereinigung Logistik oder dem EffizienzCluster LogistikRuhr. Der Rheinländer prägt seit vielen Jahren die Debatte in der Logistikwelt. Sein Antrieb: »Der Wunsch und Wille, etwas nachhaltig zu gestalten.«

Ist »maschinelle Verantwortung« auch ein Thema für Sie und Ihre Forschung?

Dieser Begriff ist hier an diesem Tisch gemeinsam mit anderen Akteuren entstanden. »Maschinelle Verantwortung« ist ja eigentlich ein Widerspruch: Eine Maschine kann keine Verantwortung übernehmen.

Wer soll am Ende diesen Widerspruch auflösen?

Darauf kann ich Ihnen aktuell keine Antwort geben, die Antwort ist offen. Gleichwohl fangen wir an, diese Systeme zu programmieren. 

Aber Sie haben doch sicher als Mensch eine Idee, wie Sie die Wertebasis von Maschinen definieren würden?

Ja, ich habe eine Vorstellung davon. Sie ist vom christlich-sozialen Umfeld stark geprägt, aus dem ich persönlich komme. Dort finden wir nicht selten Antworten auf sehr grundlegende Fragen. 

Es müsste also einen Kodex geben, der alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen miteinbezieht. Der dann je nach Region unterschiedlich ausfällt. 

Ja, ich glaube, es muss offene Systeme geben. Wir müssen diese Diskussion wirklich offen führen, anders kann das nicht funktionieren. Die Systeme werden sich am Ende definitiv für die unterschiedlichen Kulturkreise unterscheiden oder gar völlig anders aussehen. Das finde ich auch völlig in Ordnung, denn nichts anderes schlägt sich ja in jedem Produkt nieder. Ein chinesisches Produkt ist einfach anders gestaltet. Und das zieht sich bis in diesen normativen Kreis. Ein großes Thema für die Politik.

Widmen wir uns einem anderen spannenden Thema: Big Data. Sie selbst schreiben in einer Pressemitteilung des »EPAL Enterprise Lab«: »Fraunhofer und EPAL heben das Datengold der Logistik.« Gibt es da viel zu schürfen?

Es braucht ja immer einen lockeren Spruch zur Bewerbung eines Projektes. Aber im Kern stimmt er: Die Daten, die in der Logistik erhoben werden, sind mit den weltweiten Warenströmen verbunden. Es gibt darin zahlreiche Informationen, die für viele interessant sind.

Wie sieht der Ladungsträger der Zukunft aus?

Er ist intelligent.

Was heißt das konkret?

Wir haben inzwischen mehr Technologien verfügbar als wir sinnvoll nutzen können. Das ist nach meinem Empfinden zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte so. Dazu zählt zuvorderst die Rechnertechnik. Wir können eben heute für wenige Euro Intelligenz in Ladungsträger bringen. Die Palette ist zwar da vielleicht nicht unbedingt das erste Beispiel, weil es einer der preiswertesten Ladungsträger ist.

Aber selbst für eine Palette fangen wir an, neue Dienstleistungen und das Heben des Datengoldes über Tracker zu ermöglichen. Diese Tracker geben uns grobe Positionsinformationen, sie merken, ob die Palette bewegt wird und messen die Temperatur. Dem Preisverfall auf der einen Seite stehen absehbar weltweit verfügbare Ultra-Low-Power-Netzwerke zur Verfügung. Die Palette der Zukunft muss merken, ob sie bewegt wird. Sie sollte wissen, was auf ihr steht und sich melden, wenn irgendetwas nicht stimmt.

Und was kostet eine solche Palette dann in der Praxis?

Der kleinere Tracker mit einem Lithium-Ionen-Akku, der ein Jahr hält, kostet etwa zehn Euro. Wenn wir über diese Daten reden, dann sind das ja Themen, die zum Teil neu sind für Akteure in der Intralogistik. Sind alle Beteiligten darauf vorbereitet?

Ich glaube, alle haben verstanden, um was es geht. Es gibt sehr intensive Diskussionen zu diesem Thema. Wie sehen neue Geschäftsmodelle aus? Und was kann man alles damit machen?

Wenn wir über Digitalisierung, KI und Big Data reden, sprechen wir über die sogenannte vierte industrielle Revolution. Wo stehen wir in dieser Revolution, die ja eigentlich ein Prozess ist.

Ich habe immer gesagt: Dieser Prozess dauert zehn Jahre. 2011 ist die vierte industrielle Revolution ausgerufen worden, dementsprechend sind wir jetzt im siebten Jahr in der Phase der Umsetzung. Die besprochenen Tracker sind dafür ein typisches Beispiel, sie sind nichts anderes als ein cyber-physisches System.

Wir sind also kurz vor der Realisierung im Massenmarkt. 

Genau. Das hat halt einige Jahre gedauert. Das ist auch nicht überraschend, wenngleich ich immer wieder sagen muss: Mir geht es viel zu langsam. Weil eben die Möglichkeiten schon länger da sind. Aber das braucht einfach Zeit und muss durch Standardisierungsprozesse begleitet werden.

Professor ten Hompel, jetzt haben wir viel über Logistik gesprochen. Für was können Sie sich abseits der Logistikwelt begeistern?

Da bin ich sofort beim Segeln. Leider habe ich gerade mein eigenes Segelboot verkauft, weil ich das einfach zu wenig nutze. Aber die Begeisterung ist nach wie vor da. Und was ich auch wirklich gerne mache, ist Hörbücher hören. Häufig schon auf dem Weg zur Arbeit in meinem Auto, da ich Autofahren im Stadtverkehr extrem langweilig finde.

Sie machen das, was Sie tun, ja schon seit vielen Jahren. Was motiviert Sie eigentlich nach diesen Erfolgen und Erfahrungen jeden Tag auf das Neue für Ihre Arbeit?

Es ist wirklich jeden Tag etwas Neues, das hier auf mich zukommt. Für mich ist Fraunhofer der genialste Arbeitsplatz der Welt. In Verbindung mit der Universität ist das eine tolle Kombination, um wirklich etwas gestalten zu können. Mein Motto lautet: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.« Die Zeiten sind genau richtig dafür:

Wir halten mehr technische Möglichkeiten in den Händen, als wir aktuell sinnvoll nutzen können. Es ist einfach eine unglaublich spannende Zeit für Menschen wie mich. Nehmen Sie alleine die Themen, über die wir beide hier heute gesprochen haben. Vor zehn Jahren hätten wir uns über Stahl und Eisen unterhalten. Das machen wir natürlich auch heute, aber was ist alles dazugekommen? Diese neue Welt mitgestalten zu dürfen, ist wunderbar.

Erschienen in Ausgabe: 04/2018