Ein Gespenst geht um

Editorial

»Die FAZ am Sonntag fordert bürgerliche Kontrollen, die der Fuckyou-Politik der Finanzwelt etwas entgegensetzen − und hat Recht.«

11. Oktober 2011

Gleich zu Beginn ein kluger Satz: »Gefühlte Unsicherheiten sind geeignet, faktische Volatilität zu erzeugen.« Das sagt Professor Raimund Klinkner, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik, kurz BVL genannt. Er sagt es im Kommentar zum Logistikindikator für das dritte Quartal 2011. Der Logistikindikator wird vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel für die BVL berechnet und gibt Auskunft über die konjunkturelle Befindlichkeit der Logistikbranche. Für das dritte Quartal des laufenden Jahres kommen die Kieler Wirtschaftsforscher zu diesem Ergebnis: Die Hochkonjunktur dauert an, aber die Erwartungen trüben sich spürbar ein. Was das mit dem klugen Satz von Professor Klinkner zu tun hat? Eine ganze Menge.

Die tatsächliche Situation der deutschen Logistiker ist besser als die gefühlte. Der Auftragseingang ist nach wie vor hoch, wenn auch nicht mehr ganz so hoch wie in den Boom-Monaten der konjunkturellen Entwicklung nach der Krise. Dennoch trübt die Stimmung sich ein. Der Grund ist klar. Griechenland und andere Pleiteländer, das in seiner Bonität herabgestufte Italien, der wankende Euro und die Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgen flächendeckend für Verunsicherung. Viele Unternehmen agieren wieder vorsichtiger, Investitionen nehmen ab, die Wachstumsraten gehen zurück. Schon macht das böse Wort Rezession die Runde. Ein Gespenst geht um schon wieder. Positives Denken allein hilft da wenig. Eher schon ist beherztes, vor allem aber kluges Eingreifen der Politik erforderlich. Nur sie kann dafür sorgen, dass die Märkte neues Vertrauen fassen. Und zwar idealerweise so, dass sich dabei nicht noch mehr Schulden auftürmen. Geschieht dies doch, sind Rating-Agenturen nur die Überbringer der schlechten Botschaft. Sie dafür abzustrafen bedeutet, die Falschen an den Pranger zu stellen.

Schuld an der Schuldenmisere sind nicht die Analysten der Agenturen, sondern skrupellose Finanzjongleure, willige Kreditnehmer und willfährige, auf ihre Wiederwahl bedachte Volksvertreter wer dem Wahlvolk die erwarteten Wohltaten verweigert, wird schnell mal in die Wüste geschickt. Dort aber gehören vor allem jene hin, die mit ihrem kriminellen Gebahren die Wirtschaft ein ums andere Mal an den Rand des Abgrunds bringen. Um den hemmungslosen Zockern das Handwerk legen zu können, braucht man geeignete Instrumente. Oder wie es die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« formuliert: »Wir brauchen bürgerliche Kontrollen, die der Fuck-you-Politik der Finanzwelt etwas entgegensetzen.«

Michael Weilacher

Erschienen in Ausgabe: 05/2011