Chinesischer Markt

»Es gibt massive Spannungen«

Welche Probleme haben deutsche Unternehmen in China? Ist das System stabil? Der ehemalige SPD-Minister und -Parteichef Rudolf Scharping berät Unternehmen aus Deutschland beim Eintritt in den chinesischen Markt. Im Interview bezieht der China-Experte Stellung zu den Ängsten vor Technologie-Diebstahl, zur Vertragstreue und zu den Plänen zur Wiederbelebung der Seidenstraße.

13. Februar 2019
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(© Tobias Rauser)

Herr Scharping, wie kommen Sie als Minister a.D. und ehemaliger Ministerpräsident und SPD-Vorsitzender zum Thema China?

Das geht zurück in die frühen 1980er-Jahre und hatte natürlich mit Politik zu tun: mit der beginnenden Öffnung und Reform in China und den daraus entstehenden Beziehungen zwischen den chinesischen Kommunisten und der deutschen Sozialdemokratie. Da war ich von Anfang an involviert. Nach der Gründung meines Unternehmens 2003 habe ich mich bald auf China konzentriert. Stand heute bin ich etwa zehnmal im Jahr dort.

Was fasziniert Sie an China?

Es ist die alte und vielfältige Kultur – verbunden mit enormer wirtschaftlicher Dynamik. Das alles trotz eines politischen Systems, das ja nicht unseres ist. China ist ein Land großer Widersprüchlichkeit, getragen von ?einer Jahrtausende Jahre alten Kultur. Und nicht zuletzt mit ?einem Elan, den ich mir hier und da auch in Deutschland und in Europa wünschen würde.

Dieser Elan führt zu explodierenden Wachstumsraten im Land, auch im Bereich der Intralogistik. Wie beurteilen Sie das Wachstum?

Trotz mancher Herausforderungen und Risiken halte ich den chinesischen Markt für ziemlich stabil. Auch mittelfristig. Natürlich gibt es eine große Unbekannte: Wie entwickeln sich der Protektionismus und der Handelskrieg? Das führt durchaus zu einer Verlangsamung von wirtschaftlichem Wachstum; hoffentlich wird es nichts Schlimmeres.

»Chinesen sagen eher: Der Vertrag beschreibt das Verständnis der Vertragspartner zum Zeitpunkt der Unterschrift.«

— Rudolf Scharping, RSBK

Weil das Wachstum des Landes vor allem auf Export fußt?

Das ist ja uns in Deutschland nicht fremd. Der Unterschied ist, dass Deutschland ungefähr 60 Prozent des Exports in einen Binnenmarkt – den europäischen nämlich – leistet. Insofern ist das Wort »Export« da durchaus fragwürdig. Während auf der anderen Seite China den größten Teil seiner Produkte in weit entfernte Länder exportiert. Das ist das globale Bild. Wichtig scheint mir, dass chinesische Unternehmen im Bereich der Logistik großes Interesse an der Zusammenarbeit mit deutschen Firmen haben. Das ist einmal dem Bedürfnis nach Technologie und bestimmten Komponenten geschuldet – zum Beispiel Hochpräzisionskomponenten. Ich merke in meinen Gesprächen, dass im chinesischen Markt ein wachsendes Bedürfnis nach integrierten Lösungen entsteht.

Durch steigende Arbeitskosten sollte es vor allem in der Intralogistik immer interessanter werden, auf maschinelle Unterstützung und Technik zu setzen.

So ist es. Die Arbeitskosten steigen, das ist insbesondere in den wirtschaftlichen Zentren längs der Küste der Fall.

Die Zahlen sind ja immer mit einem Fragezeichen versehen. Halten Sie die Konjunkturdaten aus China für valide?

Man muss sich ja nicht nur auf Statistiken aus China verlassen. Nehmen Sie etwa die Zahlen der Weltbank, des IWF oder von internationalen Verbänden. Hier bekommen Sie ein ziemlich differenziertes und auch zutreffendes Bild. Die Zeiten des zweistelligen Wachstums über mehrere Jahre hinweg sind in China wohl vorbei. Das ist auch ausdrücklich politisch gewollt, um nachhaltiges Wachstum zu erreichen und das Wachstumsmodell von Geschwindigkeit und Menge zu mehr Nachhaltigkeit und Qualität umzustellen.

Führt das Wachstum zu höherem Wohlstand im Land?

Das ist eine der faszinierenden Seiten der chinesischen Entwicklung, insbesondere in den letzten 30 Jahren: In China sind über 900 Millionen Menschen aus der Armut herausgeholt worden. Und Armut hieß hier Hunger. In China ist eine Mittelschicht von etwa 400 Millionen Menschen entstanden – mit Kaufkraft und einem Kaufverhalten, das unserem sehr ähnlich ist.

Dennoch gibt es immer wieder Spannungen.

Sie haben recht, ihre Formulierung ist aber noch zu dezent. Es gibt massive Spannungen zwischen den unterentwickelten westlichen Regionen und den östlichen Küstenregionen. Das ist der regionale Aspekt, eine Arm-Reich-Spannung, die sich auch in dem Phänomen der Wanderarbeiter ausdrückt. Und es gibt die Spannung zwischen sehr reichen und noch immer sehr armen Menschen; und dann zwischen Wachstumsbedürfnissen und einer zum Teil extrem stark belasteten Umwelt. Das sind Themen, die – entgegen so mancher Meinung im Westen – in den sozialen Medien und auch in den klassischen Medien mit großer Offenheit und zum Teil auch Streitlust besprochen werden.

Gefährdet das die Stabilität des politischen Systems?

Nein, das sehe ich nicht. Eine nüchterne Betrachtung signalisiert, dass das politische System relativ stabil ist. Dennoch weiß man in China sehr genau, dass bei der Frage der Rechtsstaatlichkeit, bei der Frage der Geltung von Verträgen oder dem Schutz des geistigen Eigentums noch erheblicher Entwicklungsbedarf besteht.

Zur Person

Rudolf Scharping ist Gründer und CEO von RSBK (Rudolf Scharping Strategie Beratung Kommunikation). Das Beratungsunternehmen konzentriert sich seit 2003 auf die strategische Beratung im öffentlichen Bereich und die Entwicklung und Umsetzung von Strategien zur Geschäftsentwicklung mit Schwerpunkt China. RSBK hat zur Zeit 18 Mitarbeiter in China und Deutschland und hat Standorte in Frankfurt am Main sowie in Peking. Der Politikwissenschaftler und ehemalige Spitzenpolitiker der SPD wurde 1947 in Niederelbert (Westerwald) geboren. Er war unter anderem Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (1991 bis 1994), Vorsitzender der SPD (1993 bis 1995) und Bundesverteidigungsminister (1998 bis 2002).

Viele deutsche Unternehmen wollen in China Geschäfte machen. Herrscht für europäische Firmen Rechtssicherheit im Land?

Es ist besser als vor Jahren, aber noch nicht gut. Unternehmen sollten in der Lage sein, die Business-Kulturen, das unterschiedliche Verständnis von Verträgen und die herausragende Bedeutung von persönlichen und vertrauensvollen Beziehungen einzuschätzen und auch einzusetzen.

Sind das nur kulturelle Fragen – oder auch grundsätzliche Fragen des Systems?

Beides. Wenn es um Landnutzungsrechte, wenn es um Kalkulierbarkeit von öffentlichen Preisen geht, dann gibt es in China einen relativ zuverlässigen Rahmen. Man muss allerdings hinzufügen, dass Änderungen dann auch wesentlich schneller, gravierender und manchmal sogar mit sehr negativen wirtschaftlichen Folgen eintreten können. Da muss man dann gute Partner zur Seite haben, um das verhandeln zu können.

Oft hört man aus dem Markt, dass Verträge nur als Richtlinie gesehen werden. Sie werden später nachverhandelt und verändert. Stimmt das?

Mit einer gewissen Allgemeinheit gesagt, gilt für westliche Partner: »Für uns ist der Vertrag die Grundlage und die Roadmap der Zusammenarbeit auf Jahre hinaus«. Chinesen sagen eher: »Der Vertrag beschreibt das Verständnis der Vertragspartner zum Zeitpunkt der Unterschrift.« Das kann sich aber ändern. Für deutsche Unternehmen ist es klug, sich darauf einzurichten.

Wenn ein deutscher Mittelständler nach China gehen will: Findet er dort gute Fachkräfte und qualifizierte Manager?

Sie finden gute Manager und Fachkräfte – oder entwickeln diese. Sie sind klug beraten, sich der Loyalität ihrer Mitarbeiter zu vergewissern. Personalentwicklungs- und Personalbindungsprogramme sind unbedingt notwendig, da die Loyalität zum Unternehmen deutlich geringer ausgeprägt ist, als wir das in unseren Breitengeraden kennen.

Was sind klassische Fehler, die Unternehmen machen, die nach China gehen?

Diese sogenannten klassischen Fehler gibt es eigentlich nicht mehr. Schon heute sind rund 8.000 deutsche Unternehmen in China tätig; da ist ein hohes Maß an Kenntnis, Information und Unterstützung da. Dennoch sind natürlich die Details spannend: Mit wem habe ich es wirklich zu tun? Welche Informationen habe ich über ein Unternehmen durch die öffentlichen Register? Zwar gibt es da offizielle Quellen, aber es macht sehr viel Sinn, hinter diesen Quellen weiterzusuchen und Hintergründe auszuleuchten. Genaue Marktkenntnis, genaue Partnerkenntnis, genaue Kenntnis der sozialen und politischen Umstände in einer Stadt oder Provinz – das ist sehr geboten.

Eine große Angst deutscher Unternehmen betrifft das Thema Eigentum. Wie schätzen Sie die Problematik Technologiediebstahl ein?

Das ist unverändert wichtig und wird es auch bleiben, solange es Industrialisierung und unterschiedliche Entwicklungsstände gibt.

Könnten sich die Rollen zwischen Europa und China irgendwann umdrehen?

Das glaube ich nicht. Wenn man sich den jüngsten weltwirtschaftlichen Überblick des World Economic Forums anschaut, dann ist Deutschland ein sehr innovatives Land. Das ist den Deutschen selbst oft gar nicht bewusst. Hierzulande hapert es nicht an der Innovationskraft im Allgemeinen, sondern eher an der Fähigkeit, aus Innovationen wirtschaftlichen Erfolg zu machen.

Sie beraten auch chinesische Unternehmen, die in Deutschland oder in Europa aktiv werden wollen. Wie stark ist das Interesse am deutschen Markt?

Außerordentlich stark. Ich habe hier einige Projekte begleitet. Es ist sehr spannend zu beobachten, was passiert, wenn ein Manager aus China auf die deutsche Realität trifft. Ein Beispiel: die Rolle der Arbeitnehmerschaft und ihrer Organisationen, der Betriebsräte, der Gewerkschaften. Das gilt natürlich auch für andere, etwa die Amerikaner. Was ich sagen will: Es ist für mich immer eine hoch spannende Aufgabe, unterschiedliche Businesskulturen zu beobachten und daran mitzuwirken, dass belastbare Brücken zwischen diesen gebaut werden.

Ein Thema, mit dem Sie sich als China-Experte regelmäßig befassen, ist die neue Seidenstraße. Welche Bedeutung hat diese Handelsroute?

Im chinesischen Verständnis existieren die Seidenstraßen zu Land, zu Wasser und in der Luft, demnächst wohl auch digital. Man muss berücksichtigen, dass der größte Teil des Warenaustausches zwischen China und Europa auf dem Seeweg stattfindet. Bisher etwa ist die Kapazität des Landweges nicht hoch, aber sie wird sich zunehmend verbessern. Übrigens: alles für Deutschland nicht wirklich neu, wenn Sie einmal an die Hanse denken.

»Ein Güterzug kommt auf eine Stundengeschwindigkeit von elf Kilometern. Das ist lächerlich.«

— Rudolf Scharping, RSBK

Auf der Schiene gibt es ja schon einige Verkehre.

Ja, das ist so. Und die Hausaufgaben fangen da in Europa selbst an. Wenn Sie einen durchschnittlichen Güterzug betrachten, der mehrere europäische Länder durchquert und Güter transportiert, dann kommt dieser auf eine durchschnittliche Stundengeschwindigkeit von elf Kilometern. Das ist lächerlich. Da ist der Lkw sehr viel schneller, aber auch nicht schnell genug. Wir müssen deutlich mehr tun für die Leistungsfähigkeit unserer Infrastruktur.

Es mehren sich die Stimmen, die die chinesische Seidenstraßen-Initiative kritisch betrachten.

Die chinesische Regierung wird nicht Milliarden in Europa, im euro-asiatischen Raum oder in Afrika aus reiner Charity investieren. Natürlich stecken da Interessen dahinter. Das ist auch normal. Die Frage ergibt sich eher, wenn wir in den Spiegel schauen: Wie organisieren wir unsere Interessen und bringen sie zur Geltung?

Interview: Tobias Rauser

Erschienen in Ausgabe: 01/2019