Feines Verfahren

Potentiale - Warenströme zwischen Lieferanten, Zentrallagern und Verkaufsstellen beinhalten zahlreiche Einzelprozesse. Crossdocking ändert ihre Bedeutung und verspricht zudem effizientere Abläufe.

10. Mai 2005

Als Belieferungssystem zwischen Lieferanten von Waren und den Empfängern hat Crossdocking in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Dabei spielt keine Rolle, ob die belieferten Warenempfänger Filialen eines Handelsunternehmens oder private Einzelhändler sind. Das Prinzip ist das gleiche: Der Lieferant erhält eine Mitteilung, welche Artikel in welcher Ausprägung (Stückzahl, Größe, Form, Farbe etc.) von welcher Filiale angefordert werden. Er stellt die Artikel als Sendung zusammen und adressiert diese bis zur empfangenden Filiale. Zusammen mit Aufträgen anderer Filialen werden die Sendungen an ein Distributionszentrum geschickt und dort auf die Touren zu den Filialen verteilt. Die Prozesse der Bearbeitung, Einlagerung und Kommissionierung von Waren entfallen. Crossdocking umfaßt komplette Prozeßketten, etwa von der Bedarfsmeldung einer Filiale an die Lieferanten über die Kommissioniertätigkeit, die Avisierung der Ware im Zentrallager und den Umschlag bis hin zur Warenannahme in den Filialen. Bei der Einführung von Crossdocking muß der Handel allerdings deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Er hat den Lieferanten schnellstmöglich mit detaillierten und aktuellen Abverkaufszahlen zu versorgen; nur so kann dieser schnell auf veränderte Situationen reagieren. Fehlende Informationen bei den Lieferanten führen entweder zu unerwünschten Lagerbeständen oder mangelnder Lieferfähigkeit.

Nachlieferungen im direkteren Verhältnis zu den Abverkäufen

Beim Crossdocking stehen Nachlieferungen in einem direkteren Verhältnis zu den Abverkäufen. Der Lieferant muß seine Kapazität hochflexibel an die variierenden Anforderungen anpassen können. Bei korrekter Planung und Durchführung (einschließlich zeitgemäßem Informationsaustausch) hat Crossdocking jedoch für alle Beteiligten Vorteile: Im Verkauf befinden die nachgefragten Artikel; Warentouren mit falschen Artikeln reduzieren sich; in der Prozeßkette befinden sich bei höherem Liefergrad weniger Lagerbestände; Transportbündelungen reduzieren die Zahl der Lkw-Fahrten; die Wareneingangskontrolle im Distributionszentrum entlastet den Filialeingang.

Crossdocking entfaltet seine positiven Auswirkungen allerdings nur dann, wenn die Zulaufstrecken vom Lieferanten zum Distributionszentrum nicht zu lang sind. Importware, etwa aus Fernost, eignet sich in der Regel weniger, um die Waren als direkten Nachschub in die Filialen zu bringen. Zwar sind Container relativ zeitgenau steuerbar, was große Handelsketten in die Lage versetzt, für ihre Zwecke Container gleichen Inhalts aufzubauen. Für die Bezieher kleinerer Mengen ist dies jedoch keine Lösung.

Handelskonzerne in Deutschland erwarten, daß das Crossdocking-Verfahren künftig bei bis zu 40 Prozent der Artikel Anwendung findet. Trifft diese Prognose zu, wird sich die Landschaft der klassischen Handelslager nachhaltig ändern. Dann reduziert sich die Lagerhaltung zugunsten des schnellen Umschlags. Das erfordert erhebliche Veränderungen in den Immobilien und bei der dort eingesetzten Technik. Ein Grund dafür liegt in der Annahme, daß Lager für viele Artikel bald nur noch eine Art Durchlaufstation darstellen werden.

Der Lkw als rollendes Lager

Das Prozedere sieht dann so aus: Die Ware wird angeliefert, von Staplern übernommen, auf bereitstehende Lkw geladen und ohne weitere Kontrollen an die bestellenden Filialen weitertransportiert. Es kommt quasi nur zu einem Lkw-Wechsel, da die Bestellungen der Filialen direkt an den Lieferanten gingen und dort bereits filialgenau und bedarfsgerecht kommissioniert wurden. Bedeutsam ist auch die Zusammenfassung großer Warenmengen zu ganzen Ladeeinheiten.

Die Lieferanten bringt die Ladeeinheiten zu festen Terminen zum Zentrallager. Dort erfolgt die Kommissionierung nach einem Filialverteilerschlüssel. Am Ende wird die Ware komplett zur Auslieferung gebracht, so daß keine Bestände im Lager verbleiben. Andere Artikel werden einmal wöchentlich als feste Charge angeliefert und über Tage hinweg gleichmäßig ausgeliefert. Folge: optimale Belieferung, hohe Flexibilität und geringe Kosten, da regelmäßige Transporte besser ausgelastet und weniger Lagerflächen belegt werden.

Um Be- und Entladevorgänge zügig abwickeln zu können, setzt Crossdocking am Zentrallager allerdings eine möglichst hohe Zahl von Be- und Entladerampen sowie große Umschlagflächen voraus.

Es ist zu erwarten, daß sich Warenströme auf weniger Distributionszentren konzentrieren, da es zu einem Anstieg beim Durchsatz je Umschlagszentrum kommt. In einem deutschen Distributionszentrum kam es nach Einführung eines 40prozentigen Crossdocking-Anteils zu einer drastischen Reduzierung des Flächenbedarfs.

Crossdocking verspricht also neue Potentiale. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Ansatz, der komplette Prozeßketten umfaßt. Auch unter diesem Aspekt sind vor dem Einsatz von Crossdocking verschiedenen Fragen zu beantworten. Zum Beispiel diese: Welches Artikelspektrum eignet sich für das Verfahren? Wie reagiert der Handel? Welche IT-Landschaft ist für die starke Zunahme an direkten Informa-tionstransfers erforderlich? Und welche Verwendungszwecke gibt es für überzählige Logistikimmobilien?

Erschienen in Ausgabe: 02/2005