»Gar nicht oder zögerlich zu modernisieren, ist bald keine Option mehr«

Interview Jens Strüwing ist Executive Vice President und Head of Products & Technology bei Interroll. Mit »logistik journal« hat das Mitglied der Konzernleitung über die wichtigsten Markttrends sowie die Expansionspläne seines Unternehmens gesprochen. Interview: Tobias Rauser

21. November 2019
»Gar nicht oder zögerlich zu modernisieren, ist bald keine Option mehr«
(© Interroll)

Herr Strüwing, Sie werden ein neues Werk in Süddeutschland errichten. Warum?

Interroll stellt damit die Weichen für ein weiter wachsendes Geschäft im Bereich Conveyors und Sorters. Mit dem neuen Standort verdoppeln wir die Produktionskapazitäten in Europa in diesem Bereich. Außerdem nehmen wir eine Zellteilung vor, denn in Sinsheim gab es aufgrund fehlender Erweiterungsflächen keine weiteren Wachstumsmöglichkeiten: Während Mosbach das künftige Kompetenzzentrum für Förderer werden wird, kann sich Sinsheim ab 2021 voll und ganz auf Sorter fokussieren. Für diesen Schritt investieren wir rund 40 Millionen Euro. Mit weiteren innovativen Produkten und Lösungen im Bereich Conveyors und Sorters dürfen unsere Kunden bereits im ersten Quartal 2020 rechnen. So sorgen wir im Markt für einen positiven Ausblick und erwarten eine hohe Nachfragesteigerung.

Hat die Neuordnung Konsequenzen für andere Standorte?

Ja, natürlich. Den heutigen Standort Kronau werden wir in den neuen Standort Mosbach integrieren. Unseren Mitarbeitern, die heute in Kronau tätig sind, bieten wir an, ab 2021 an den neuen Standort in Mosbach zu wechseln und dort die Wachstumsstory von Interroll fortzuschreiben. Aus dem Werk Sinsheim werden ebenfalls Mitarbeiter in einer hohen zweistelligen Zahl künftig von Mosbach aus für innovative Förderlösungen sorgen. In Summe rechnen wir bei dieser Zellteilung der Standorte mit einem Stellenaufbau – da kommt uns übrigens die Nähe zur Fachhochschule Mosbach gerade recht. Für unsere Stammmannschaft, aber auch für neue junge Talente tun sich hier also tolle Karrierechancen auf.

»Die knappe Zeit des Kunden ist unser bester Geschäftstreiber.«

— Jens Strüwing, Interroll

Im ersten Halbjahr 2019 ist es ja sehr gut für Interroll gelaufen – mit einem Wachstum von über acht Prozent. Wie lief denn das zweite Halbjahr?

Wir wachsen weiter. Unsere modulare Fördererplattform MCP ist bereits sehr gut im Markt etabliert. Dieses Erfolgsmodell – modular, flexibel und Plug-and-Play – haben wir 2019 erfolgreich auf die neue Modular Pallet Conveyor Platform (MPP) übertragen. Ab Ende November bringen wir nun auch ein Regalbediengerät und einen Querverteilwagen für das MPP-System auf den Markt, um in Kombination mit unseren Fließlagerlösungen eine durchgängige Lösung für unsere Kunden beim Palettenhandling und bei der Lagerung anbieten zu können. Unsere Innovationspipeline bleibt also gut gefüllt. Ich bin also optimistisch, was unsere weiteren Wachstumschancen angeht.

Womit rechnen Sie 2020?

Mit einem äußerst spannenden Jahr voller Innovation und Wachstumsperspektiven für Interroll. Wir haben in 2019 unser Innovation Project & Development Center neu ausgerichtet und personell verstärkt und sehen sehr positive Effekte in unserer Entwicklungsarbeit. Durch unser Industriemanagement verstehen wir die Prozesse beim Endkunden – vor allem auch seine operativen Schmerzen – nochmals ein gutes Stück besser. Wir fragen uns wirklich ständig, wie wir Planungs- und Installationszeiten unserer Kunden verkürzen, Stillstände verhindern und die Arbeitssicherheit verbessern können – wie wir unseren Kunden wertvolle Zeit ersparen können, damit sie sich noch mehr auf die Wertschöpfung konzentrieren können. All das beschleunigt die Entwicklung unserer Lösungen, die dann auch für unsere Fokusindustrien gut passen. Das Jahr 2020 wird dies nochmals deutlich unterstreichen. So viel kann ich bereits verraten: Mit Kunden in der Produktionslogistik werden wir in einem viel intensiveren Austausch stehen. Ich sehe aber auch Konsolidierungstendenzen im Markt für Material Handling, vor allem bei Systemintegratoren. Wer sich der smarten Fördertechnik heute verschließt, sich seiner Kernkompetenzen nicht bewusst ist oder zu lange zögert, wird es künftig schwer haben.

Sie haben auf der Logimat 2019 eine neue Antriebslösung vorgestellt: die »DC Platform«. Welche Probleme Ihrer Kunden wollen Sie mit diesem Produkt lösen?

Die DC Platform bietet ein erweitertes Angebot an aufeinander abgestimmten Produkten für den Materialfluss – über die angetriebenen »RollerDrive«, die wir nun auch als 48- Volt-Variante anbieten, bis hin zu Steuerungen und Netzteilen. So kann der Anwender seine Anlage noch besser auf seine individuellen Anforderungen abstimmen und auch einfacher bedienen. Das gilt für Standardanwendungen genauso wie für Industrie-4.0-Anwendungen. Zudem kann der Anwender zwischen den drei Leistungsstufen 20, 35 und 50 Watt wählen.

»Automatisierung wird sich künftig schneller amortisieren als heute.«

— Jens Strüwing, Interroll

Was bringt es, Fördersysteme auch in 48-V-Technik auszulegen?

Mit der 48-V-Technologie kann das Fördersystem mit leistungsfähigeren Einzelkomponenten ausgelegt werden, da die Leistungsverluste deutlich geringer sind, und gleichzeitig kann der Aufwand für Verkabelung und Stromversorgung deutlich reduziert werden. Ich glaube fest daran, dass wir hier einen neuen Industriestandard vor uns haben.

Ein Thema bei der »DC Platform« ist auch die Digitalisierung. Wie digital sind Ihre Kunden überhaupt schon unterwegs?

Ich sehe Kunden mit sehr heterogenen Anwendungsprofilen. Auch hier gibt es First Mover und Fast Follower, die das Potenzial der Innovationen sofort ausnutzen wollen, und Marktbeobachter, die etwas länger zuwarten. Immer häufiger sehen wir aber Aufgaben, bei denen die Digitalisierung der DC-Plattform eine entscheidende Rolle spielt, dann nämlich, wenn die genaue Positionierung der Fördergüter eine entscheidende Rolle spielt – zum Beispiel bei der Aufnahme von Fördergütern durch Robotergreifer. Dennoch stellen wir als Investitionsgüterhersteller fest, dass auch künftige Nutzungsoptionen ein wichtiges Kriterium bei der Anschaffung sein können – so ist die Möglichkeit eines späteren Retrofit ein wichtiges Kriterium für die Zukunftsfähigkeit einer Lösung.

Brauchen wirklich alle Kunden hochkomplexe und vernetzte Produkte und Dienstleistungen?

Nein. Genau deshalb sind uns die Modularität, Skalierbarkeit und Flexibilität in unserer Technologieplattform so wichtig. Damit Kunden und Anwender von auf sie zugeschnittenen Lösungen profitieren. Und damit sie bei Bedarf ein Upgrade oder Retrofit möglichst einfach vornehmen können.

Sehen wir hier eine Spaltung des Marktes?

Insgesamt steigt der Anteil an Automatisierung. Fakt ist: Automatisierung, richtig gemacht, wird sich künftig noch schneller amortisieren als heute. Gar nicht oder zögerlich zu modernisieren, wird bald keine Option mehr im Wettbewerb sein.

Was bedeutet das für Interroll?

Spannende Aufgaben für unsere Teams. Einen weiter wachsenden Markt und neue, sehr vielversprechende Szenarien für die Anwendung unserer Lösungen. Wir verstehen uns als Enabler in einer Branche, die aus sehr vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht. Darunter natürlich auch viele sogenannte Hidden Champions. Wir vernetzen diese Kunden miteinander, führen Kompetenzen und Know-how zusammen und bieten ihnen Plattformlösungen, die weltweit den höchsten Qualitätsstandards gerecht werden.

Ein weiteres Thema, auf das Sie setzen, ist Modularität. Warum?

Systemintegratoren und Anwender sparen Zeit bei der Installation und gewinnen so einen Mehrwert. Als Anbieter einer einzigartigen Technologieplattform können wir einen sehr hohen Anteil an Materialflussprozessen aus einer Hand, mit abgestimmten Schnittstellen versorgen. Die Modular Pallet Conveyor Platform MPP ist ein gutes Beispiel. Hier haben wir Palettenförderung über ein Regalbediengerät und einen Querverteilwagen mit unserem Fließlager verknüpft und bieten so die Schlüsselprodukte für einen noch durchgängigeren Materialfluss als bisher. Wie bei Lego passt alles wunderbar zusammen, absolut kompatibel und mit offenen Schnittstellen.

Wie läuft es am Markt für MPP?

Ich bin sehr zufrieden. Wir sehen ein starkes Interesse unserer Kunden an dieser Lösung, hatten einen sehr guten Vermarktungsstart und richten uns für weiteres Wachstum ein.

Was sind für Sie die Treiber Ihres Geschäftes?

Ich sage immer: Die knappe Zeit des Kunden ist unser bester Geschäftstreiber, und zwar weil wir sie ihm sparen. Unsere Kunden müssen stetig steigende Anforderungen bei Qualität, Geschwindigkeit und Einfachheit der Anwendungen erfüllen. Wir helfen Integratoren und Anwendern, dies zu bewältigen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 5 bis 49

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