Halbe Kraft voraus

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Markt - Nach einer rasanten Erholung der Märkte im Nachgang der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 geht nun wieder das Gespenst der Rezession um – eine Entwicklung, die sich auch auf die Staplerbranche auswirkt. Denn schon jetzt trübt sich die Stimmung auch bei Kunden der Flurförderzeughersteller ein. Das Wachstum schwächt sich ab. von Michael Weilacher

11. Oktober 2011

Alles hätte so schön werden können. Die Krise schien überwunden, Gabelstapler und Lagertechnikgeräte verkauften sich so gut wie im Rekordjahr 2007. Mehr noch, eine neue Bestmarke von weltweit über 960.000 verkauften Einheiten wirkte wahrscheinlich. Jetzt aber könnte es trotz des immer noch vorhandenen Auftragspolsters durchaus sein, dass nach einem fulminanten ersten Halbjahr der in 2011 noch ausstehende Geräteabsatz niedriger ausfällt als erwartet. Talfahrten an den Börsen, verunsicherte Finanzmärkte und ein wankender Euro verheißen nichts Gutes.

Im Gegenteil: Schon sprechen seriöse Wirtschaftswissenschaftler davon, dass das Wachstum gegen Ende des Jahres zum Erliegen komme. Entsprechend vorsichtig verhalten sich die Verantwortlichen der Top 3 im Staplerbau bei der Einschätzung der nächsten Wochen und Monate. Matthias Fischer, Deutschland-Chef von Branchen-Primus Toyota Material Handling, sieht die Sache nüchtern: »Der Blick auf die internationalen Börsen zeigt, wie nervös die Märkte sind. Welche Auswirkungen diese Nervosität auf die Realwirtschaft hat, also auch auf unsere Branche, kann niemand wirklich sagen. Sicher ist allerdings, dass die Märkte generell volatiler geworden sind und nicht mehr so stabil über einen längeren Zeitraum hinweg.«

Fischers Kollege Theodor Maurer, Chef von Linde Material Handling, zusammen mit den anderen Marken des Kion-Konzerns (Still, OM, Baoli, Voltas) die weltweite Nummer zwei im Staplerbusiness, schätzt die Lage ähnlich ein: »In Zeiten, in denen Unruhe in den Märkten herrscht, eine verlässliche Prognose abzugeben, ist kaum möglich. Sicher ist aber, dass viel davon abhängt, wie stark das Wachstum in den aufstrebenden Märkten ausfällt, wie sich Staaten mit besonders hohen Schulden entwickeln, welchen Weg der Euro nimmt und wie die Konjunktur in den USA vorankommt.

Ungewisse Aussichten

Auch Dr. Helmut Limberg, Vertriebsvorstand des Hamburger Staplerherstellers Jungheinrich, Nummer drei im weltweiten Geschäft mit Gabelstaplern und Lagerhausgeräten, sieht für die letzten Monate von 2011 noch etliche Unbekannte: »Mit Blick auf das restliche Geschäftsjahr haben wir einen Unsicherheitsfaktor, den wir nur schwer quantifizieren können. Dafür ist die Verunsicherung an den Finanzmärkten einfach zu groß und die Wechselwirkung auf die Realwirtschaft zu ungewiss.«

Auch wenn sich Genaues selbst über die absehbare Zukunft nicht sagen lässt: Der Wettstreit der Unternehmen um einen möglichst hohen Anteil am Markt für Flurförderzeuge hält unvermindert an. Jungheinrich etwa ist dabei, seine Position im Segment der klassischen Wandlergeräte zu stärken. So sagte Vorstandschef Hans-Georg Frey in seiner Rede zur Jungheinrich-Hauptversammlung vom Juni dieses Jahres, im Markt für verbrennungsmotorische Geräte, mit einem Anteil von 46 Prozent am Staplerweltmarkt die stärkste Sparte, sei das Unternehmen noch nicht ausreichend vertreten.

»Mit unseren Hydrostaten«, so der Jungheinrich-Chef, »haben wir in diesem Segment starke Produkte in Position gebracht. Sie eröffnen uns Chancen für einen gezielten Ausbau dieses Geschäfts. Akzente werden wir aber auch bei der Entwicklung der neuen Generation unserer wandlergetriebenen Stapler setzen.« Es bleibt also spannend. Nicht nur bei Jungheinrich, sondern auch bei seinen Wettbewerbern. Linde Material Handling etwa hat soeben mit der Baureihe E20 - E50 eine mit vielen technischen Neuerungen versehene, hochperformante Serie von Elektrostaplern an den Start gebracht – mit durchschlagendem Erfolg.

Der Auftragseingang, so Linde-Chef Theodor Maurer, sei »fulminant«. Derweil freut man sich beim Hersteller Toyota über den Anklang, den seine neuen Lagerhausgeräte finden. Mit dem Know-how von BT hat Toyota hier jahrzehntelange Erfahrung und gebündelte Kompetenz im Haus. Deutschland-Chef Matthias Fischer: »Mit der BT-Linie haben wir extrem leistungsstarke und zuverlässige Maschinen am Start. Produkte, die unseren Kunden helfen, die Effizienz ihrer logistischen Prozesse deutlich zu steigern und so Kosten zu senken.«

Anhaltender Wettbewerb

So viel ist sicher: Auch wenn am Konjunkturhorizont erneut dunkle Wolken aufziehen, arbeiten die Großen im Stapler-Business doch daran, ihre Produktangebote zu vervollständigen. Wer zu wenige Verbrenner im Portfolio hat, erweitert sein Diesel- beziehungsweise Gasgeräteprogramm. Braucht ein Hersteller mehr elektrisch angetriebene Flurförderzeuge, ergänzt er sein Portfolio in diesem Segment. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf die Stamm-Märkte, sondern auch und nicht zuletzt auf die Wachstumsregionen. Kein großer Staplerbauer, der sein Engagement in Asien, Osteuropa und Südamerika nicht weiter verstärken würde.

Jungheinrich etwa ist dabei, seine Kapazitäten in Asien, speziell in China, deutlich zu erhöhen. Das gilt für die Produktion - der asiatische Markt wird vom Reich der Mitte aus mit regionalspezifischen Produkten versorgt - genauso wie für Marketing und Vertrieb. Die Verkaufsorganisation von Jungheinrich in China wird spürbar verstärkt. Aus gutem Grund. Konzernchef Hans-Georg Frey: »Nachdem Asien 2009 stückzahlbezogen mit einem Anteil von 37 Prozent mit Europa gleichgezogen hatte, überholte es bereits 2010 mit einem Anteil von 40 Prozent. Hierbei entfielen allein 25 Prozent auf China. Deshalb ist es für Jungheinrich so wichtig, in diesem Land und in der Region Asien überhaupt verstärkt zu investieren und unsere Präsenz in diesem Wachstumsmarkt zügig auszubauen.«

Bedeutung erkannt

Hans-Georg Freys Kollege Theodor Maurer von Linde Material Handling freut sich über die Tatsache, dass sein Haus die Bedeutung des chinesischen respektive asiatischen Marktes schon vor vielen Jahren erkannt hat: »In China sind wir mit eigenem Werk und eigener Vertriebsorganisation schon lange größter internationaler Anbieter. In anderen Wachstumsregionen bauen wir die Linde-Präsenz weiter aus.«

Mit »anderen Regionen« meint Maurer unter anderem Russland - hier hat Linde gerade das Geschäft des Händlers Liftec übernommen - und Brasilien. Wie Jungheinrich und Toyota reagiert auch Linde auf das Wachstum in Lateinamerika. In São Paulo baut die Linde-Konzernmutter Kion gerade ein Werk, das mit Blick auf die Anforderungen in der Region auf Gabelstapler mit Verbrennungsmotor ausgerichtet ist.

Gut aufgestellt

Matthias Fischer von Toyota Material Handling Deutschland sieht sein Unternehmen international gut positioniert: »Teil unserer Stärke ist, dass wir in allen Weltmärkten gut aufgestellt sind. Das spiegelt sich auch in unserer jeweiligen Marktposition wider.« Die Staplerbauer von Toyota verkaufen, wie gesagt, weltweit gesehen die meisten Flurförderzeuge und haben den höchsten Umsatz aller Hersteller.

Sorgen bereitet Deutschland-Chef Fischer daher nicht die Position seines Hauses im internationalen Wettbewerb, sondern vielmehr ein weit verbreitetes Finanzgebaren:

»Es kann nicht sein, dass wir zulasten der nächsten Generationen leben und immer neue Schulden auftürmen. Schließlich verhält es sich mit einer funktionierenden Volkswirtschaft ähnlich wie mit einem erfolgreichen Unternehmen: Neben innovativen Produkten, gut ausgebildeten Mitarbeitern, einer hohen Produktivität und nachhaltigen Nutzung der Ressourcen ist eine stabile Finanzierung extrem wichtig. Nur dann steht unterm Strich anstelle einer kurzfristigen Gewinnmaximierung dauerhafter Erfolg.« Wäre hilfreich, wenn möglichst viele Schuldenmacher diese Botschaft berücksichtigen würden. Vielleicht folgt dann künftig auf eine gerade überwundene Krise nicht gleich wieder die nächste.

Erschienen in Ausgabe: 05/2011