Hoch oben unterwegs

Spieker´s Corner

»Wenn es heute etwas ruhiger ist um unsere Erde herum, sind nicht alle so traurig wie die Forscher von der NASA.«

26. August 2011

Ein Haustier mutiert zum Monster, der Kleinwagen zum Luxusschlitten, eine Zimmerpflanze zum Märchenwald – Kinderfantasie hat Alltägliches schon oft verändert. Ein langweiliges Kinderzimmer wird auf diese Weise spannend. Dann etwa, wenn es zum verwunschenen Planeten wird. So geschehen in einem Neubaugebiet in den Siebzigern. Jedes Kind hatte seine Planeten. Die hatten so schöne Namen wie UKW oder Eichhörnchen. Und obwohl sich das Leben im Kinder-Weltall ständig veränderte, blieb eines immer gleich: Raumschiffe musste es geben. Wie sonst hätte man seine Freunde besuchen können. Auch in den Kinderzimmern von heute gibt’s noch Raumschiffe. Zumindest im Computerspiel. Im wahren Leben dagegen gibt es sie nicht mehr. Mit dem Ende des amerikanischen Spaceshuttle-Programms endete mehr als nur eine Epoche der bemannten Raumfahrt – eigentlich existiert kaum noch etwas, das die Bezeichnung »Raumfahrt« überhaupt verdient.

Drei Jahrzehnte, von 1981 bis 2011, waren die Shuttles das Rückgrat der Weltraumlogistik. Spacelab oder ISS wären ohne sie nicht möglich gewesen. Sieht man von einigen Pro-blemen, besonders aber von den beiden Katastrophen ab, haben über 130 Missionen bewiesen, dass auch Engagement außerhalb der Erdatmosphäre zur Routine werden kann.

Wie die Mondlandungen der Sechziger und Siebziger war auch das Shuttle-Projekt ein Ergebnis des Ost-West-Konflikts. Weltraumpräsenz und -prestige hatten immer auch große nationale wie sicherheitspolitische Bedeutung. Der schnöde Mammon spielte da oft keine Rolle. Heute dagegen ist kaum vermittelbar, wieso eine knappe Milliarde Dollar für einen Start ins All gut angelegt sein soll.

US-Präsidenten träumen nicht mehr von der Weltraumeroberung, sondern von der Verringerung der Staatsschulden. Und nüchtern betrachtet hat die Menschheit auch schon größere Schritte getan als den auf den Mond. Wenn es um die Erde herum jetzt stiller wird, dürften also nicht alle so traurig sein wie die NASA.

Na ja, diejenigen vielleicht, die schon als Kind davon träumten, dereinst ins All zu fliegen. Wer aber schon im Kinderzimmer lieber auf dem Boden blieb, kann gelassen bleiben. Wie etwa der Jungreporter von der Planeten-Zeitung aus dem Neubaugebiet. Während das Spaceshuttle am Boden bleibt, ist er heute ganz oben unterwegs als Fachjournalist im Hochregallager.

Erschienen in Ausgabe: 04/2011