Hochregallager versenkt!

Neues Logistikzentrum: SyKo für Sika

Mitten in einem Landschaftsschutzgebiet am Rande der schweizerischen Gemeinde Birr entsteht seit Dezember 2002 ein neues Logistikzentrum. Bauherr und späterer Betreiber ist die weltweit im Bereich Bauchemikalien und Industrie-Werkstoffe operierende Sika AG. In die Diskussion kam der Neubau, als offensichtlich würde, daß die bisher dezentral organisierte Versandlogistik mittelfristig der wachsenden Aufgabenstellung nicht mehr genügen würde. Das neue Zentrum besteht aus einem Hochregallager und einem Betriebsgebäude. Den Auftrag zum Bau der Regallanlage erhielt ein Stuttgarter Hochregalspezialist.

25. September 2003

Als eine „gelungene Symbiose zwischen Funktionalität und äußerem Erscheinungsbild“ bezeichnet Eugen Hanhart das Ergebnis seiner Arbeit. Der erfahrene Logistiker und Geschäftsführer des gleichnamigen Planungsunternehmens zeigt auf eine Computergrafik. In der Tat vermittelt bereits das Abbild der Anlage den Eindruck, daß das Gebäude mit seinem begrünten Dach und seiner angepaßten Farbgebung auch optisch nicht allzu unangenehm in seiner natürlichen Umgebung auffallen wird. Und was die Funktionalität angeht, weiß Hanhart, worauf es ankommt. Hoch sind die Ziele seines Auftraggebers, der ihn mit seinem Unternehmen, der Hanhart Logistik AG im schweizerischen Birmensdorf, als Generalplaner verpflichtet hat.

Kapazitäten erweitert

Die stetig wachsende Sika AG will mit dem neuen Zentrallager in Birr die längerfristige Optimierung ihrer logistischen Infrastruktur sicherstellen. Dabei sollen nicht zuletzt Produktions- und Versandprozesse zusammengeführt werden, die bisher dezentral an unterschiedlichen Standorten angesiedelt sind. Schon jetzt reichen die Kapazitäten kaum noch aus, das tägliche Arbeitsaufkommen zu bewältigen. In weltweit mehr als 70 Länder werden die Sika-Produkte exportiert, in knapp 60 Ländern verfügt der Konzern über eigene Tochterfirmen. Nur ein Drittel der ausgelieferten Ware verbleibt in der Schweiz.

Ökologisch korrekt

Doch nicht nur die hohen logistischen Erwartungen stehen hinter der Erstellung des Konzepts. Da der Baugrund in einem Landschaftsschutzgebiet liegt, müssen strenge Behördenauflagen eingehalten werden. So darf die Außenhöhe des aus zwei Abschnitten bestehenden Gebäudekomplexes ein bestimmtes Maß nicht überschreiten. Die Lösung: das Fundament des Hochregallagers besteht aus einer Betonwanne, die sieben Meter tief ins Erdreich reicht. Speziell abgedichtete Böden und Wände in den Gefahrenbereichen sowie Wasserabläufe mit diversen Sperrvorrichtungen sorgen dafür, daß im Unglücksfall die Umwelt nicht belastet wird.

Hohen Anforderungen sieht sich auch die Bauleitung gegenüber. Insbesondere der enge Zeitplan des Sika-Projekts von nur wenig mehr als einem Jahr Bauzeit erlaubt keinerlei Fehler. Minutiös muß Bauleiter Ewald Bolli von der Bauengineering AG, Zürich, beispielsweise den Einsatz seiner speziell ausgebildeten Montagetrupps mit dem Eintreffen der Betonaußenwände aus Finnland koordinieren und die zeitgleiche Verfügbarkeit von Mensch und Material sicherstellen. Doch offensichtlich wissen alle am Projekt Beteiligten, worauf es ankommt: „Trotz des außerordentlich harten Winters konnte der Zeitplan der Außenarbeiten dank unserer hochmotivierten Leute bisher exakt eingehalten werden“, verteilt Bolli ein Pauschallob an seine Mitarbeiter. Der geplanten offiziellen Inbetriebnahme der Sika-Logistikdrehscheibe im Januar 2004 dürfte also nichts im Wege stehen.

Chemie-Konfektionierung

Der Rohbau ist inzwischen weitestgehend fertiggestellt. An der Gebäude-Front reihen sich insgesamt zwölf Tore für den LKW-Umschlag aneinander. Drei Tore führen in den künftigen Wareneingang, durch die restlichen werden im kommenden Jahr die versandfertigen Güter ihren Destinationen zugeführt. Da etwa zehn Prozent der Ware das Lager per Bahn verlassen soll, erhält das Logistikzentrum einen eigenen Gleisanschluß. Für Luftfracht und Exporte nach Übersee steht ein weiterer Verpackungsbereich zur Verfügung.

Im ersten Obergeschoß des Gebäudes wird die sogenannte „Konfektionierung“ eingerichtet. Bauchemische Materialien und Farben werden hier gemischt und für den Versand fertig gemacht. Im hinteren Bereich des Gebäudes befinden sich die Büroräume. Im Übergang zwischen Lager- und Verwaltungsbereich wird eine eine Cafeteria eingerichtet, im oberen Geschoß Küche, Kantine, Freiterrasse und weitere Freizeiteinrichtungen. Die Infrastruktur des Logistikzentrums ist für rund 80 Mitarbeiter ausgelegt.

Hochregal-Profile

Augenfälligster und wohl auch kniffligster Teil der gesamten Anlage ist das vollautomatisierte Hochregal. Automatisierte Hochregalanlagen lassen in ihrer Konstruktion nur äußerst enge Toleranzbereiche der Profile in Fertigung und Verarbeitung zu. Ungenauigkeiten oder zu hohe Materialtoleranzen würden unweigerlich zu Störungen im Betrieb der Regalbediengeräte führen, ganz zu schweigen von der statischen Stabilität. Die Einhaltung dieser engen Toleranzen wird derzeit am zuverlässigsten durch die Verwendung von kaltgewalzten Profilen erreicht. Daher werden natürlich auch bei Sika in Birr speziell auf den gegebenen Bedarfsfall hin gewalzte und verarbeitete Kaltprofile verbaut.

Die 550 Tonnen vollverzinkten Stahls des HRL ruhen in Ankerkästen, welche in die Bodenplatte der Betonwanne eingebunden wurden. Mit speziellen, von der Kocher Regalbau entwickelten Nivellierverankerungen, lassen sich eventuelle Ungenauigkeiten der Bodenplatte ausgleichen. Die Regalfußplatten wurden auf exakt ausnivellierten Stellschrauben aufgesetzt und nach dem Setzen über Kontermuttern festgezogen. Der entstandene Raum zwischen Fußplatte und Bodenplatte wurde mit einem nicht schwindenden Mörtel - notabene von der Sika - untergossen.

Der Regalaufbau besteht aus Seitenteilen, deren äußere Stützen gleichzeitig die Unterkonstruktion für die Fassade bilden. Das Stahlgerüst mit einer Länge von 89,6 Metern und einer Breite von 23,1 Metern ist in vier Einfach- und drei Doppelregale unterteilt. Insgesamt bietet die Konstruktion Platz für 13.200 Paletten. Die 14 übereinander liegenden Fächer türmen sich auf eine Gesamthöhe von 26,7 Metern.

Ex-geschützt und sicher

Eine Besonderheit im Im Sika-HRL stellt der gesonderter Gefahrgutbereich dar. Eine ex-geschützte Gasse mit spezieller Belüftung wird durch eine Brandschutzwand vom Hauptregal getrennt. Die aus Stahlblechpaneelen mit innen liegender Mineralwolle gefertigte Trennwand ist horizontal am Regalgerüst auf Wandriegeln montiert. Sollbruchstellen an den Befestigungspunkten sorgen dafür, daß im Brandfall das Hauptregal nicht durch die Hitze in Mitleidenschaft gezogen wird. Auch an die Sicherheit der Mitarbeiter ist gedacht worden. Zwanzig Meter Absperrgitter sorgen dafür, daß während des Lagerbetriebs niemand in den Bereich der Regalbediengeräte gerät, die Ende August 2003 mit einem Autokran durch das Oberlicht in das Gebäude eingebracht werden.

Insgesamt fünf vollautomatische Regalbediengeräte des Typs Stöcklin RBG 1 werden ab November 2003 zwei Ebenen zum Ein- und Auslagern von Paletten bedienen, davon ist ein RBG für den Einsatz im Ex-Bereich ausgelegt. Die RBG müssen jeweils Traglasten bis zu 1.300 Kilogramm durch die Gassen bewegen, rund 89 Meter in horizontaler und kapp 27 Meter in vertikaler Fahrtrichtung. Dabei erreichen die Geräte Geschwindigkeiten von 3,15 Metern pro Sekunde in flacher Fahrt. Zusammen mit der Hubgeschwindigkeit von 0,63 Metern in der Sekunde bewältigen die fünf RBG Umschlagleistungen von je 56 Einzelspielen oder je 34 Doppelspielen pro Stunde.

Regalspezialist

Mit dem Bau des Hochregals wurde die Kocher Regalbau GmbH, Stuttgart, beauftragt, deren Gründer und Namensgeber Alfred Kocher insbesondere in der Regalbauweise mit Kaltprofilen Pionierarbeit geleistet hat. Für Eugen Hanhart hat ein erfahrenes Unternehmen den Zuschlag für die Errichtung des HRL erhalten: „Viele Gründe sprachen für Kocher. Entscheidend war nicht nur die gute Qualität der Regale, sondern auch die hohe Wahrscheinlichkeit, daß wegen unseres engen Terminplans die Lieferfristen eingehalten werden. Aus früherer Zusammenarbeit weiß ich, daß wir uns auf die Stuttgarter verlassen können. Ja, und nicht zuletzt stimmt halt auch das Preis-/Leistungsverhältnis.“

Erschienen in Ausgabe: 08/2003