„Ich halte einen harten Brexit für sehr wahrscheinlich“

Welche Folgen ein harter Brexit für die Logistik hat, warum es zu Unterbrechungen in den Lieferketten kommen wird und wie sich Unternehmen vorbereiten sollten, sagt Otto Jockel, Professor für Logistics & Supply Chain Management an der ISM in Köln, im Interview mit „logistik journal“-Chefredakteur Tobias Rauser.

06. März 2019
Otto Jockel, Professor für  Logistics & Supply Chain Management an der ISM in Köln, im Interview mit logistik journal. © ISM
Otto Jockel, Professor für Logistics & Supply Chain Management an der ISM in Köln, im Interview mit logistik journal. (Bild: ISM)

Herr Professor Jockel, was bedeutet ein No-Deal-Brexit für die Logistik?

Otto Jockel: Bei einem harten Brexit wird das Vereinigte Königreich für EU-Länder zu einem Drittland und die Handelsbeziehungen zwischen UK und der  EU fallen auf WTO-Status zurück.  Das bedeutet, dass  in UK für Waren aus der EU Zölle erhoben werden. Die Britische Regierung hat im September 2018 hierzu ein eigenes Zollgesetz  (Cross-border Trade  Act) verabschiedet und einen eigenen Zolltarif verabschiedet.  In den EU-Ländern werden britische Waren ebenfalls mit Zoll belegt. Damit wird der gesamte Warenverkehr  zwischen EU und UK, aber auch die Zollausfuhr  bzw. Einfuhrverfahren, den Regelungen wie mit einem Drittland unterworfen. Gleichzeitig  sind keine freien LKW-Bewegungen zwischen UK und der EU  mehr möglich.

Steht dann wirklich alles still?

Teilweise wird es zu vorübergehenden Unterbrechungen in Lieferketten kommen. Auf jeden Fall aber ist davon auszugehen, dass sich im Falle eines harten Brexits der Warenverkehr zwischen UK und EU deutlich verlangsamt. Zudem werden die Kosten für jede Warenbewegung von und nach UK steigen.

Können Sie zwei Beispiele nennen, damit man sich das besser vorstellen kann?

Die Zollämter an der Grenze wie auch im Inland sind personell überhaupt nicht darauf eingestellt,  die zusätzlichen Warenbewegungen zolltechnisch abzuwickeln. Für einen Zollabfertigungsaufwand von nur einer  Minute pro Zollpapier wurde als Folge ein Rückstau von circa 28 Kilometern berechnet.  Mit einem Wegfall des freien LKW-Verkehrs zwischen EU und UK müssen Transporteure CEMT-Genehmigungen beantragen.  Deutschen Transportunternehmen steht in 2019 ein Kontingent von aktuell 2.120 Jahresgenehmigungen und 2.400 Kurzzeitgenehmigungen für 30 Tage zur Verfügung. Selbst der Bundesverband Spedition und Logistik rechnet damit, dass die Anzahl der Deutschland zur Verfügung stehenden CEMT-Genehmigungen nicht ausreichen wird, um deutsche Unternehmen im Verkehr mit dem UK in ausreichender Zahl auszustatten.

Sind die Logistiker und Auftraggeber nicht längst darauf vorbereitet?

Logistiker und insbesondere die Spediteure  und Transporteure sind meiner Meinung nach auf einen harten Brexit vorbereitet, soweit man vorbereitet sein kann. Auch  die großen Verlader  aus Industrie und Handel werden sich aufgrund von Risikoanalysen mit den Folgen eines harten Brexits beschäftigt haben. Insbesondere Unternehmen mit Niederlassungen in UK erhöhen, wie andere britische Unternehmen auch, zurzeit dort ihre Lagerbestände.

Was müssen Industrie- und Handelsunternehmen spätestens jetzt tun?

Industrie und Handelsunternehmen, die bisher nicht  in Drittländer exportieren, sollten sich zügig als Wirtschaftsbeteiligter bei den Zollbehörden registrieren und eine sogenannte EORI-Nr. beantragen. Das geht in der Regel schnell und unbürokratisch. Herausfordernder ist da schon der Daten- und Informationsaustausch zwischen Wirtschaftsbeteiligten und Zollbehörden. Dieser  erfolgt grundsätzlich elektronisch über das  bestehende IT-Systems ATLAS,  für dessen Nutzung es unter anderem einer Anmeldung und einer zertifizierten Software bedarf. Alternativ hierzu kann man seine Zollabfertigungen auch durch einen Zollagenten abwickeln lassen.    

Zum Schluss die Masterfrage: Rechnen Sie wirklich mit einem harten Brexit oder glauben Sie an die Last-Minute-Einigung?

Das ist im Wesentlichen natürlich von der politischen Entscheidungsfindung im britischen Parlament abhängig. Die Ratifizierung des ausgehandelten Austrittsvertrags ist aufgrund der Opposition der konservativen ‚Hinterbänkler‘  nur mit den Stimmen der Labour-Abgeordneten möglich. Das scheint mir aber ebenso unmöglich, wie die ‚Bekehrung‘  der konservativen Brexit-Befürworter, denn es würde deren politischer Exodus bedeuten.  Ein zweites Referendum, wie jüngst  von Jeremy Corbyn  vorgeschlagen , sehe ich, auch bei einer Verschiebung des Austrittsdatums um zum Beispiel zwei Monate, ebenfalls kritisch. Denn erstens gibt es auch hierfür bisher noch keine Mehrheit im Parlament, und zweitens bedeutet dies noch lange nicht, dass eine Entscheidung, deren Folgen für die meisten Briten  aufgrund der ihr zugrunde liegenden Komplexitäten nicht absehbar sind, und daher niemals qua Plebiszit hätte gefällt werden dürfen, nun in einem zweiten Anlauf zu einem anderen Ergebnis führen wird. Zudem wird die Zeit hierfür auch langsam knapp. Aufgrund dieser Einschätzungen halte ich einen harten Brexit für sehr wahrscheinlich. Aber: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Vielen Dank für das Gespräch!