»In Europa fehlt nicht viel zur Nummer 1«

Toyota Material Handling Europe - Seit vielen Jahren ist Matthias Fischer Europa-Chef von Toyota Material Handling. Wie er die Marktlage einschätzt, was die wichtigsten Herausforderungen der nächsten Jahre sind und was er von der Hannover Messe hält, sagt er im Gespräch mit »logistik journal«.

18. Oktober 2019
»In Europa fehlt nicht viel zur  Nummer 1«
(© TMHE/Scheffler)

Interview: Tobias Rauser

Herr Fischer, erleben wir zurzeit eine Rezession im Markt?

Was ist es dann, was wir gerade sehen?

Eine Marktberuhigung. Der Markt bewegt sich zwar im Moment leicht rückwärts. Aber nach einer so langen Wachstumsphase sollte man nicht gleich nervös werden, wenn der Markt mal drei oder vier Prozent zurückgeht. Es kann schließlich nicht so weitergehen wie in den letzten acht Jahren.

Man kann durchatmen und die Prozesse glattziehen.

Das ist mal ganz gesund. Es gibt viele Mitarbeiter im Unternehmen, die noch nie eine Rezession erlebt haben. Nicht mal eine Marktberuhigung. Die kennen nur eine Richtung. Da ist es vielleicht ganz gesund, wenn man mal so einen leichten Knick mitbekommt.

Welche Ziele haben Sie für das Jahr 2019/2020 vorgegeben?

Wir wollen weiter wachsen. Wir wollen weiter vorankommen im Markt. Wir wollen erfolgreich sein. Dabei bleiben wir auf dem Weg, den wir in den vergangenen Jahren eingeschlagen haben, es wird also keine großen Veränderungen geben. Ein Schwerpunkt wird sicherlich im Bereich Automatisierungstechnik liegen. Und im Bereich Connectivity. Wir gehen unseren Weg weiter, ganz beständig und behutsam, Stück für Stück. So, dass wir immer näher in Richtung Position 1 in Europa kommen.

Können Sie das Ziel konkretisieren?

Wir haben vor, rund sieben Prozent im Umsatz zu wachsen. Im Ergebnis ein bisschen stärker.

»Auch als Unternehmer muss es möglich sein, zu sagen, was man denkt.«

— Matthias Fischer, Toyota Material Handling Europe

Sie sind ja einer der Unternehmenslenker der Branche, die schon sehr lange dabei sind. Sind die Zeiten besonders unsicher? Oder war das eigentlich schon immer so?

Das ist eine gute Frage. Manche Dinge wiederholen sich. Aber es gibt auch neue Dinge. Vor allem, wenn ich mir die Industrie oder das Umfeld anschaue: Wir erleben zurzeit einen industriellen Wandel, den wir zuvor nicht erlebt haben. Sie haben recht, ich bin jetzt weit über 30 Jahre in der Branche verankert. Was wir im Moment an Veränderung sehen, vollzieht sich schneller als in der Vergangenheit. Und dieser Wandel hat gerade erst begonnen.

Gilt das auch für das politische Umfeld?

Krisen hatten wir schon immer. Dennoch beobachte ich die divergierenden Tendenzen in Europa sehr aufmerksam. Ist das nur eine kleine Wellenbewegung und es geht danach wieder in die Richtung eines Zusammenhaltes in Europa? Dieser Zusammenhalt ist eine wesentliche Säule.

Setzt sich Deutschland zu wenig für eine europäische Integration ein?

Wir haben schon immer Kanzlerinnen oder Kanzler gehabt, die sich für Europa stark gemacht und für Europa eingesetzt haben. Es war und ist offensichtlich schwer, Europa weiter voranzutreiben. Bedingt dadurch, dass wir die Zustimmung jedes einzelnen Mitgliedsstaates brauchen. So entsteht Stillstand, den wir jetzt über viele Jahre erlebt haben.

Aber dann bräuchten wir ein Europa der zwei Geschwindigkeiten.

Wir bräuchten ein Europa, in dem man sich mal darüber Gedanken macht, ob man vielleicht auch manche Dinge mit einer Zweidrittel-Mehrheit durchsetzen kann. In dem gilt: Wenn eine Mehrheit da ist, dann gehen alle den Schritt mit.

Wenn Sie in die deutsche Politik schauen: Was sind die Themen, die Sie umtreiben?

In Deutschland sehe ich die Automobilbranche im Fokus. Das ist ein ganz, ganz starker Industriezweig, der sich in einem dramatischen Umbruch befindet. Und mit ihr die ganze Zuliefererbranche. Da würde ich mir von der Politik mehr Sicherheit und Führung wünschen, was die zukünftige Ausrichtung angeht.

Wäre Politik auch etwas für Sie gewesen, wenn Sie es nicht in die Wirtschaft verschlagen hätte?

(lacht) Nein, ich würde mich mit der Politik schwertun. Ich hätte sicherlich Schwierigkeiten mit den vielen Kompromissen in allen Bereichen. Aber vor allem hätte ich Schwierigkeiten damit, dass jede Sekunde meines Lebens irgendwo in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

Können Sie sich als Firmenchef politisch äußern? Oder sollten Unternehmenslenker eher schweigen – aus Rücksicht auf die unterschiedlichen Positionen ihrer Mitarbeiter?

Ich finde, dass man seine Meinung immer kundtun sollte – egal in welcher Position. Davon lebt Demokratie. Es geht darum, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Und auch als Unternehmer muss es möglich sein, zu sagen, was man denkt. Zum Glück gibt es gerade in Deutschland sehr viele Mittelständler, die politisch engagiert sind. Ich halte das für ausgesprochen gut.

Wie ist denn eigentlich Ihr Geschäftsjahr 2018/2019 gelaufen?

2018 lief für jeden in der Branche gut, so auch für uns. Wir haben viele Rekorde erzielt. Erstaunlich und extrem gut lief der Bereich Kundendienst bei uns. Natürlich ist der Preisdruck nach wie vor immens. Wir haben einen harten Wettbewerb, auch wenn es nur eine Handvoll Wettbewerber gibt. Aus diesem Grund sind wir mit der Entwicklung der Marge nicht zufrieden.

»Beim Thema Automobil wünsche ich mir von der Politik mehr Sicherheit und Führung, was die Ausrichtung angeht.«

— Matthias Fischer, Toyota Material Handling Europe

Was bedeutet für Sie das Wort Weltmarktführer?

Das ist eine sehr spannende Frage. Erstmal heißt das natürlich, dass man Nummer 1 in der Welt ist. Wir liegen vorn, wenn wir uns die Umsatzstatistiken und die Fahrzeugstückzahlen anschauen. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir auch von der Kultur im Unternehmen die Nummer 1 sind – aber das ist natürlich Interpretationssache. Dieser Punkt ist mir aber wichtig, das finde ich fast bedeutender als den monetären Erfolg, den wir haben. Was mich nach wie vor so fasziniert an Toyota, ist der familiäre Charakter, trotz der Größe des Unternehmens. Hier würde ich sehr gerne auch in Zukunft die Nummer 1 bleiben.

Wenn Sie auf den Umsatz schauen, wäre die Pole Position in Europa doch auch erstrebenswert.

So ist es. Wir sind Weltmarktführer, nicht Europamarktführer.

Wo stehen Sie in Europa und in Deutschland?

In Europa sind wir Nummer 2, wenn man Kion nicht als Verbund sieht, sondern die einzelnen Marken. In Deutschland sind wir bei den Marken auf Platz 3 oder 4, das schwankt immer etwas. Aber das ist doch auch ganz schön: Wenn man Nummer 1 ist, hat man schließlich kaum noch Ziele.

Wann und wie wollen Sie denn Ihre Marktanteile steigern?

In Europa fehlt uns nicht viel zur Nummer 1. Das ist unser Ziel. Und wir werden dies langfristig auch erreichen, da bin ich sicher. Wodurch? Kunden, die sich für uns entschieden haben, sind extrem zufrieden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das weiter rumspricht. Dann werden wir viele neue Kunden dazugewinnen.

Wollen Sie dieses Ziel nicht mit einer Jahreszahl versehen?

(lacht) Nein, auch wenn Sie das sicher brennend interessiert.

Intern gibt es aber schon eine konkrete Vorgabe, oder?

Ja. Wir sollten uns nicht allzu viel Zeit geben, um in Europa Nummer 1 zu werden. Die größte Hürde auf diesem Weg ist der deutsche Markt mit seinen starken lokalen Playern. Wenn ich jedes Land in Europa gleich gewichten würde, wären wir längst an der Spitze. Aber durch den starken Anteil des deutschen Marktes am Gesamtmarkt fehlt noch etwas, wenn auch nicht viel. Wir arbeiten dran.

Ist es vermessen, auch für Deutschland das Ziel »Nummer 1« auszuloten?

Das wäre in der Tat vermessen. Da müsste entweder eine lange Zeit vergehen oder unsere Wettbewerber müssten schwere Fehler machen.

Sind Sie als Europachef eigentlich mit der Entwicklung Deutschlands zufrieden?

Ein Europachef ist nie zufrieden, egal wie gut die Entwicklung ist. Ich bin mit Deutschland nicht unzufrieden und mit den anderen Ländern auch nicht. Aber niemand kann sich zurücklehnen. Die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren in Deutschland gemacht haben, ist gut. Wir sind im Markt gut vorangekommen. Und ich denke, dass wir die Richtung weitergehen werden.

Wenn Sie den Blick weiter nach vorne richten, vielleicht drei bis fünf Jahre: Was ist Ihre größte Baustelle?

Wir müssen den Know-how-Transfer hinbekommen. Wenn ich mir das traditionelle Staplergeschäft anschaue, die Lagertechnik, dann befinden wir uns in einem verstärkten Umbruch. Wir müssen dazu kommen, dass unsere gesamte Vertriebsmannschaft in der Lage ist, komplette logistische Systeme anzubieten und zu verkaufen. Und das wird ein bisschen dauern. Das ist in den nächsten drei Jahren die größte Herausforderung, die wir meistern müssen. Wir müssen einfach im Projektgeschäft deutlich stärker vorankommen und Mitarbeiter haben, die das auch verstehen und die Projekte managen können. Es genügt heute nicht mehr, dass ich im Staplergeschäft drei Geräte verkaufen und entsprechend beraten kann. Ich muss in ganz anderen Dimensionen denken können.

»Wir müssen dazu kommen, dass unsere gesamte Vertriebsmann- schaft in der Lage ist, komplette logistische Systeme zu verkaufen.«

— Matthias Fischer, Toyota Material Handling Europe

Ein Thema kommt jedes Jahr auf die Agenda, so auch hier: Die Frage nach der Antriebstechnologie. Hier wird im Markt vor allem die Brennstoffzelle heiß diskutiert – und die Chefs der großen Hersteller positionieren sich doch recht verschieden.

Wo stehen Sie in dieser Diskussion im Jahr 2019, welche Zukunft hat die Brennstoffzelle?

Es ist kein Wunder, dass Sie in Ihren Interviews auf diese Frage immer unterschiedliche Antworten bekommen. Denn niemand kann die Frage wirklich beantworten. Keiner weiß genau, wo die Reise hingeht.

Wollen Sie dennoch ein bisschen spekulieren?

Die Brennstoffzelle ist eine ausgesprochen gute Energiequelle mit vielen, vielen Vorteilen. Sie ist extrem sauber. Sie ist schnell wieder aufladbar, ich bekomme das Ding innerhalb von ein paar Sekunden wieder voll. Wenn ich mir den Erfolg der Brennstoffzelle in der Praxis anschaue, ist dieser jedoch im Moment sehr bescheiden. Vor allem aufgrund des Preises.

Ohne den Staat läuft nichts bei dieser Technologie?

Ja, hier stellt sich die Frage: Was ist die politische Richtung, was gibt die Politik vor? Wenn die Infrastruktur nicht da ist, ist es schwierig. Unsere Klientel kauft ein Fahrzeug nicht nur aufgrund des Umweltbewusstseins, sondern es muss sich auch rechnen.

Brennstoffzellen-Stapler also nur für das Eco-Label?

Ja, das ist allerdings etwas überspitzt. Auch wenn es sich nicht rechnet, wird es immer ein paar Kunden geben, die in ihren Geschäftsbericht schreiben wollen, wie viel sie für die Umwelt machen. Das können sich millionenschwere Konzerne auch leisten.

Das klingt skeptisch.

Ich sehe eine weitere Herausforderung: Die Brennstoffzelle selbst hat nach wie vor unheimlich viele Komponenten im Vergleich zur Lithium-Batterie. Und von daher sehe ich im Moment den Trend eher Richtung Lithium-Ionen-Batterien als in Richtung Brennstoffzelle. Was auf lange Sicht denkbar ist, ist eine Art Hybridantrieb aus Brennstoffzelle und Lithium-Batterie.

Herr Fischer, ich würde mit Ihnen gerne noch über die Cemat sprechen, die im kommenden Jahr komplett unter dem Label »Logistics« in die Hannover Messe integriert wird. Ist die HMI der richtige Ort für Toyota?

Erst einmal war ich mit dem Ergebnis der letzten Cemat absolut nicht zufrieden, darüber hatten wir ja schon vor einem Jahr hier an dieser Stelle gesprochen. Mit dem, was wir nun auf die Beine gestellt haben, bin ich zufrieden. Wir sind auf der Hannover Messe Industrie an der richtigen Stelle.

Ist eine HMI denn interessant, wenn nicht alle großen Hersteller dort ausstellen?

Nein. Wir müssen unsere Mitanbieter dazu bewegen, auf die HMI zu gehen. Wenn niemand da ist, wird auch kein Kunde kommen. Wenn das nur noch eine Show ist für zwei oder drei Hersteller, dann wird man sich fragen müssen: Was soll ich da? Eine Messe lebt auch von der Angebotsvielfalt und dem Wettbewerb. Wir haben hohes Interesse, dass es funktioniert und arbeiten deswegen mit. Wenn es nicht klappt, werden wir irgendwann sagen: Wir verzichten auf die Hannover Messe.

Warum machen Sie keine Hausmesse wie einer Ihrer Wettbewerber?

Eine Hausmesse ist nicht mehr als ein Kundenbindungsprogramm. Es kommen nur die, die ich ohnehin schon in meiner Datei habe. Wenn sie überhaupt kommen und der Compliance Officer das »Okay« gibt. Auf jeden Fall ersetzt eine Hausmesse keinen Auftritt auf einer Weltleitmesse wie in Hannover.

Infobox

Schnelldurchlauf

10 Fragen an Matthias Fischer

Wann haben Sie Ihr Telefon das letzte Mal ausgeschaltet?

Vor drei Wochen.

Wie viel Kaffee brauchen Sie, um den ganzen Tag hellwach zu sein?

Da brauche ich gar keinen Kaffee für. Ich trinke gerne Kaffee. Aber nicht, um wach zu sein, sondern weil er mir schmeckt.

Was ist Ihr Lieblingsdrink, wenn Sie abends an der Hotelbar sitzen, nach einem anstrengenden Businesstrip?

Ein Glas Rotwein.

Was ist der beste Ort für einen relaxten Wochenendtrip?

Der ist eigentlich überall, wo die Sonne scheint und ein schöner Golfplatz ist.

In einem Sabbatical würden Sie was machen?

Wahrscheinlich ein paar Trainerstunden nehmen und Golf spielen.

Mit welcher Person würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem Rennfahrer.

Welche Eigenschaft ist Ihnen bei Ihren engsten Mitarbeitern besonders wichtig?

Vertrauen und Respekt.

Wenn Sie einem Bewerber nur eine Frage stellen dürften, welche wäre das?

Wie würden dich deine besten Freunde beschreiben?

Mit welchen drei Attributen würden Sie gerne beschrieben werden?

Verlässlich, das ist mir wichtig. Respektvoll. Und ein guter Kumpel.

Und was machen Sie in zehn Jahren?

Da werde ich im Ruhestand sein und mein Leben genießen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 4 bis 19

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