22. JULI 2018

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SSI Schäfer im Interview: „KI und Logistik 4.0“


Wie wird das Thema Künstliche Intelligenz (KI) die Unternehmenswelt verändern? Diese und weitere Fragen beantwortet Markus Klug, Team Leader Data Science & Simulation bei SSI Schäfer.

Warum werden in naher Zukunft Unternehmen an Künstlicher Intelligenz (KI) nicht mehr vorbeikommen?
Unternehmen sammeln schon seit geraumer Zeit eine Vielzahl an Daten. Teilweise sind sie sogar durch immer schärfere Anforderungen von Nachvollziehbarkeit in der Produktion (z. B. Autobranche, siehe Rückrufaktionen) dazu gezwungen. Diesem zunehmenden Aufwand sollte neben der Erfüllung gesetzlicher Vorgaben aber auch ein Nutzen für das Unternehmen gegenüberstehen. Klassische – und mit dem Thema Data Science wieder in den Fokus gerückte – statistische Analysen sind der erste Schritt, um entsprechendes Wissen über die eigenen Prozesse und Abläufe – leider muss man manchmal sagen – »erneut wieder« aufzubauen. Diese hypothesenbasierenden Analysen sind aber auch mit einer ursächlichen Fragestellung verbunden, welche infolge nicht zuletzt eine Voreingenommenheit der Analysten nach sich zieht. Ganz anders bei einem Computer, dieser kennt aufgrund seines Regelwerks diese Voreingenommenheit nicht. Seine Schaltkreise errechnen zeitig am Morgen sowie auch spät am Abend die gleichen Ergebnisse. Jedoch reagieren diese Systeme nicht ausreichend auf Veränderungen im Umfeld.

Aber das Thema KI ist nicht neu. Warum ploppt es jetzt wieder auf?
Das Thema ist aus den klassischen Anwendungen im Bereich der Sprach-, Bild- und Mustererkennung herausgewachsen und hat neue Potenziale erschlossen. Diese Anwendungen gibt es schon lange. Jedoch haben ihnen einige Möglichkeiten gefehlt. Während bei einer klassischen Zeichenerkennung jedes einzelne Bild separat bearbeitet wird, fehlte der Reihenfolgenbezug zu einem Wort. Da später einzelne Zeichen zu Wörtern zusammengesetzt wurden, fehlte noch der semantische Zusammen­hang einer Erfassung des Satzes. Echtzeitanwendungen waren aufgrund der fehlenden Rechenkapazitäten noch nicht im notwendigen Ausmaß möglich. Das Lernen war vor der Jahrhundertwende in neun von zehn Fällen überwacht, sprich, man hatte einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Input und Output vorliegen, auf das ein neuronales Netz trainiert wurde. Die Fortschritte von Forschung und Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten erlauben uns mit den heute verfügbaren Tools, Anwendungen auf dieser Technologiebasis zu erstellen.

Wo möchte SSI in naher Zukunft schon KI einsetzen und warum?
Überall dort, wo wir über die klassischen Programme hinausgehend ein Mehr an Flexibilität oder Systemresilienz erzielen können. Roboter werden hinsichtlich ihrer Steuerung schon eingelernt, daher ist es nur logisch, diesen Ansatz, der flexiblen und adaptiven Steuerung auf die höheren Ebenen eines Lagers hin zum adaptiven Lagersystem weiterzudenken. Dabei konzentrieren wir uns momentan auf jene Bereiche, in denen wir am schnellsten Ergebnisse erhalten und auch das Risiko von Fehlschlägen einer KI – siehe beispielsweise die jüngeren Berichte aus der Medizintechnik – gleichzeitig kontrollierbar bleibt. Da aber auch die Entwicklungsarbe-Systeme durch ein automatisiertes projektspezifisches Einlernen profitieren kann, ist der Anwendungsbereich sehr groß.

Welche Art von Technik soll da substituiert werden?
Es sind die klassischen, einschränkenden und damit je nach Anwendungsfall, nicht mehr zeitgemäßen Regelwerke. Wobei ich nicht gerne von Substitution sprechen möchte, sondern eher von sinnvollem Ergänzen. Solange ich etwas rechnen kann, werde ich es nicht aufwendig simulieren. Wenn bestehende Methoden sich als weiterhin zielführend erweisen, werden sie weiterhin angewendet. Sobald jedoch aufgrund der Volatilität der heutigen Lagersysteme, ihrer Größe, ihrer Mehrfachzwecke und/oder ihrer heterogenen Infrastruktur die Möglichkeiten der klassischen Informatik ausgereizt sind, haben wir eben diese Möglichkeiten der Dynamisierung.

Was sind letztendlich die Vorteile für Ihre Kunden?
Das System lernt mit dem Business unserer Kunden permanent mit. Ein hocheffizienter Lagerbereich wird sinnvoll für die aktuell benötigten Produkte verwendet und das System lagert automatisiert jene Artikel rechtzeitig aus, die sonst nur Platz verbrauchen würden. Und dieser gesamte Prozess geschieht, ohne dass erst eine Auswertung aus dem ERP-System über die Veränderung des Bedarfsverhaltens manuell abgefragt werden muss. Gewinnbringende Kurzfristaufträge, mit Prioritätszuschlag können effizienter erledigt werden, weil Puffer oder Zwischenlagerkapazitäten nicht vollgestellt sind. Alleine das Auflösen derartiger immer wieder im Lager auftretenden Blockaden bietet enormes Potenzial. Dies steigert langfristig die Wirtschaftlichkeit unserer Kunden.

Gibt es Ideen, KIs aus den Consumerbereich, wie etwa Alexa und Co. in den B2B-Bereich zu übertragen?
Die Technik bleibt uns natürlich nicht verborgen, aber alles muss nicht verraten werden. Es sind Beispiele vorhanden, in welchen Anwendungen aus dem Consumer-Bereich in der Vergangenheit wieder in den Business-Bereich zurück diffundieren etwa für Trainingszwecke mit Virtual sowie Augmented Reality.

Wie wird ein B2B-System in zehn Jahren aussehen?
Wird es wirklich nur ein B2B-System geben, oder wird es ein Netz an B2B-Systemen geben, welche orchestriert zusammenarbeiten? Ich gehe grundsätzlich von Letzterem aus. Die Verteilung der Intelligenz wird fortschreiten. So wie es heute schon erste Smartphones mit KI-Chips gibt, erwarte ich mir in der Zukunft die lokale Intelligenz, welche wir bei uns tragen mit einer zentralen Intelligenz ein­hergehend, verknüpft einen kooperativen Mehrwert schaffend. Für mich momentan am spannendsten ist die Entwicklung der Quantencomputer. Ein IT-System zu haben, welches das Paradigma der Touring Maschine durchbricht, und gleichzeitig alle Möglichkeiten zur Lösung einer Problemstellung bereitstellt und errechnet, diese Entwicklung eröffnet ungeahntes Potenzial.
 
Das Interview „Im Kern der Logistik“ stammt aus der Sonderpublikation „Digitale Transformation: So geht Logistik von Morgen“ von logistik journal in Kooperation mit SSI Schäfer. Die Beilage ist in „lj4“ erschienen. Ein PDF der Sonderpublikation können Sie hier herunterladen!

Datum:
20.06.2018
Unternehmen:
Bilder:
© SSI Schäfer

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