19. SEPTEMBER 2018

zurück

kommentieren drucken  

Lieferketten-Risikomanagement:
„Der Faktor Mensch wird häufig
vernachlässigt“


Exklusives Interview: Über die überraschend hohe Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen für die Sicherheit der Lieferkette hat „logistik journal“ mit Christian Durach von der ESCP Europe Berlin gesprochen.

In Zeiten des globalen Handels nimmt die Komplexität der Logistikketten stetig zu – und immer mehr Prozesse werden automatisiert. Wo wichtig ist dabei der Mensch? Eine aktuelle Studie unter Leitung von Christian Durach vom Lehrstuhl für Supply Chain und Operations Management (ESCP Europe Berlin) hat untersucht, welche Bedeutung zwischenmenschliche Beziehungen für das Lieferketten-Risikomanagement haben. Dazu hat Durach 220 Einkäufer von produzierenden Betrieben aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. „logistik journal“-Chefredakteur Tobias Rauser hat mit Christian Durach über die Ergebnisse seiner Studie gesprochen.

Herr Durach, wie wichtig sind zwischenmenschliche Beziehungen für die Lieferkette?
Christian Durach: Nicht nur in der öffentlichen Diskussion, sondern auch in der Logistikforschung wird aus unserer Sicht der Faktor Mensch in globalen Unternehmensnetzwerken allzu häufig vernachlässigt. Unternehmen werden oft als simple „Black Boxes“ mit Input- und Output-Faktoren betrachtet. Produkte und Dienstleistungen werden eingekauft, transformiert und dem Kunden rechtzeitig, kostengünstig und in der entsprechenden Qualität zur Verfügung gestellt. Aber auch in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung sind es immer noch Menschen, die Unternehmen führen und betreiben.

Wann ist das besonders relevant?
Gerade in Stresssituationen sind menschliche Verhaltensweisen in der Regel maßgebend für das Handeln von Unternehmen. Dies ist auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Unternehmen ein interessanter und relevanter Ansatzpunkt für die Forschung. In unserer Studie zur Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen im Risikomanagement von Lieferketten konnten wir zeigen, dass persönliche Beziehungen ein wichtiger Faktor in der erfolgreichen Abwicklung von Prozessen sind. Das Zusammenwirken von Einkäufern und Verkäufern zweier Unternehmen bestimmt letztlich, wie effektiv Unterbrechungsrisiken gemeistert werden können.

Haben Sie diese Ergebnisse so erwartet?
Unsere Hypothesen basieren auf Theorieansätzen der Verhaltenswissenschaften. Wir hatten die Ergebnisse zwar erwartet, waren dann aber doch erstaunt, wie stark zwischenmenschliche Beziehungen den Erfolg von Lieferkettenprozessen in Stresssituationen tatsächlich beeinflussen.

Ist also ein qualifizierter Mitarbeiter wichtiger als gutes Material?
Die Frage sollte wohl eher lauten: „Ist ein qualifizierter Mitarbeiter wichtiger als ein guter Computer?“. Seit nunmehr fast 100 Jahren sprechen wir davon, dass Maschinen die Menschen an ihren Arbeitsplätzen ersetzen werden und doch ist unsere Wirtschaft auch heute noch auf qualifizierte Mitarbeiter angewiesen. Auch wenn wir keine Vergleichsstudie durchgeführt haben, so können wir doch Aussagen darüber treffen, dass der Mensch auch in Zeiten der Automatisierung immer noch ein wichtiger Faktor für den Unternehmenserfolg darstellt. Maßnahmen wie Training, Weiterbildungen aber auch soziale Events gemeinsam mit dem Personal des Lieferanten führen zu einer Entwicklung von zwischenmenschlichen Fähigkeiten, die für Unternehmen essentiell sind.

Ist die Automatisierung eine Gefahr für die Lieferkette, weil es da weniger „menschelt“?
Ich sehe die Automatisierung weiterhin als Chance für die Lieferkette, bin aber gleichzeitig der Meinung, dass der Mensch dabei nicht vergessen werden darf. Gerade in Ausnahmesituationen, zum Beispiel unerwarteten Lieferunterbrechungen, können diese weichen Faktoren eine Schlüsselrolle einnehmen. Manchmal hilft ein Telefonat mit einer vertrauten Kollegin oder einem Kollegen mehr als ein ausgefeilter Algorithmus.

Gibt es bei Ihren Ergebnissen Unterschiede bei den Größen der Unternehmen?
Es zeigt sich, dass gerade bei kleinen Unternehmen auf persönliche Beziehungen basierende Lieferantenverhältnisse eine zentrale Rolle spielen. Der Einfluss von guten zwischenmenschlichen Beziehungen in der Lieferkette auf den erfolgreichen Umgang mit Risiken ist hier besonders groß.

Welche Konsequenzen sollten Ihre Ergebnisse im Unternehmensalltag haben?
Das Kernergebnis und die Implikation sind leicht zusammengefasst: Der Mensch darf im modernen Unternehmensalltag nicht vergessen werden. Die Automatisierung stellt einen zentralen Erfolgsfaktor der nahen Zukunft dar, aber ist im Bereich der interorganisationalen Prozesse nicht das alleinige Erfolgsmodell.

Wie ist Ihre Erfahrung: Leben deutsche Führungskräfte die Ergebnisse Ihrer Studie in der Realität?
Das Verantwortungsbewusstsein der Führungskräfte spielt meines Erachtens hier eine zentrale Rolle. Sie stehen teilweise unter großem medialen und organisationalen Druck, ihre Geschäftsprozesse mehr und mehr zu digitalisieren. Damit das Unternehmen erfolgreich ist und bleibt, sind nicht nur digitale Tools und Strategien notwendig. Alle notwendigen Ressourcen müssen richtig eingesetzt und verantwortungsvoll mit ihnen umgegangen werden – das bezieht sich auch auf die Mitarbeitenden. Die Mehrzahl der Führungskräfte hat das meines Erachtens verstanden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Datum:
03.09.2018
Unternehmen:
Bilder:
© ESCP Europe Berlin

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere News in unserem Newsarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!



Aktuelle Ausgaben