Halbierte Kosten

Markt

Wandel in der Logistik - Welche Auswirkungen haben autonomes Fahren und Digitalisierung auf die Logistik? Die »Truck Study 2018« von PwC verspricht hohe Effizienzsteigerungen und sinkende Kosten.

07. November 2018
© Fotolia/Michael Otto
(Bild: Fotolia/Michael Otto)

Sagenhafte 47 Prozent. Um diese Zahl könnten die Logistikkosten für standardisierte Transporte bis 2030 durch Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen und Fahrzeugen sinken. Das ist das Ergebnis der »Truck Study 2018«, die die Beratung »Strategy&« von PwC veröffentlicht hat. Der größte Batzen der Ersparnisse geht auf das Konto sinkender Personalkosten, prognostiziert PwC: rund 80 Prozent. Dazu kommen Effizienzvorteile durch autonom fahrende Lkw: Ruhepausen und Leerlaufzeiten fallen weg.

Trucks werden billiger

Auch die veränderten Fahrzeuge selber könnten im Jahr 2030 die Logistikkosten senken. Ohne Fahrer braucht es keine Kabine. Dem entgegen stehen zwar höhere Technologiekosten etwa durch den Einsatz von bildverarbeitender Software – im Schnitt jedoch werden Lkw im Jahr 2030 laut PwC rund sieben Prozent weniger kosten. Ob die Fahrzeuge auch künftig von den klassischen Herstellern gebaut werden, ist offen. Zu Beginn wird dies auf jeden Fall noch so sein.

»Es ist aber auch denkbar, dass durch die Einführung elektrischer Plattformen neue Marktteilnehmer entstehen werden, da hier die Eingangshürden, wie etwa Investitionen in Forschung und Entwicklung oder das Servicenetzwerk deutlich reduziert sind«, sagt Gerhard Nowak, Partner bei Strategy& Deutschland, im Gespräch mit »logistik journal«.

Neue Prozesse an der Rampe

Eine durchgängig digitalisierte Lieferkette könnte laut Studie Verwaltungsaufwand sparen, zeitintensive Inventuren, die Fehlerquote und die Versicherungskosten senken. In Summe sind hier im Vergleich zu heutigen Lieferketten bis 2030 Einsparungen von bis zu 41 Prozent möglich. In der Organisation einzelner Logistik-Hubs können die Kosten sogar um 60 Prozent gesenkt werden: »Vollautomatisiertes Docking, Entladen, Einlagern und Beladen von autonomen Fahrzeugen durch Roboter, sowie assistiertes Kommissionieren, gestalten die Prozesse effizienter«, sagen die Autoren der Studie.

Zwischen Hubs wird der Einsatz autonomer Fahrzeuge durch Platooning zu geringerem Spritverbrauch führen, und die Fernwartung bei technischen Problemen zusammen mit leicht gesenkten Truck-Preisen Einsparungen von 46 Prozent bis 2030 erreichen. Bei Last-Mile-Auslieferungen reduzieren datenbasierte Bedarfsanalysen, automatisierte Lieferungen zum Beispiel durch Drohnen, und ein sinkender Verwaltungsaufwand die Kosten um 51 Prozent. 

»Noch nicht beherrschbar«

»Die Logistikbranche steht vor einem massiven technologischen Wandel, der altbekannte Geschäftsmodelle und traditionelle Rollen von Spediteuren, Lkw-Unternehmern oder Fernfahrern verändert«, sagt Nowak. Aber auch im Jahr 2030 werden noch keine autonomen Trucks die Innenstädte befahren, macht der Experte klar: »Autonome Lkw kommen im Wesentlichen bei Standardtransporten zum Einsatz, die heute von der klassischen Sattelzugmaschine mit Auflieger übernommen werden. Eine autonome Einfahrt in Ballungszentren werden wir aber auch im Jahr 2030 noch nicht erleben. Das wird technisch trotz weiter entwickelter Sensoren noch nicht beherrschbar sein.«

Interview - "Digitales Ökosystem in der Logistik"

Herr Nowak, Ihre Studie prognostiziert eine »Verschmelzung von Intralogistik, Produktion und Transportlogistik«. Wie soll da die Schnittstelle aussehen?

Die Digitalisierung ersetzt nach und nach starre Systeme und Prozesse entlang der Logistikkette. Im Sinne von Industrie 4.0 mit der Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette entwickelt sich auch in der Logistik ein digitales Ökosystem. Es entstehen übergeordnete Plattformen in Form einer End-to-End-Supply-Chain-Lösung, in die verschiedene Systeme der Partner entlang der Lieferkette integriert sind. Somit sind Koordination und Austausch über eine Plattform oder ein Ökosystem möglich. 

Dafür müssten alle Akteure ja stärker zusammenarbeiten. Ist das überhaupt realistisch?

Das sehen wir bereits in anderen Bereichen wie der Automobilbranche, wo die Bedeutung des eigentlichen Produktes schwindet. Zukünftig wird hier Mobilität als Dienstleistung eine Rolle spielen, was zu einem Anstieg von Kooperationen zwischen OEMs, Flottenbetreibern, Autovermietungen, Kartendiensten und anderen Start-ups geführt hat.

Auch in der Logistik findet ein Wandel statt und das kompetitive Marktumfeld erfordert eine höhere Vernetzung – und somit auch eine engere Zusammenarbeit. Es werden dynamische Logistiknetzwerke aufgebaut, die flexibel auf neue Situationen wie eine höhere oder niedrigere Nachfrage reagieren können. Wir erwarten, dass etablierte Internetfirmen oder -versandhändler die Vorreiterrolle übernehmen und eine integrative Funktion einnehmen. Dies führt dazu, dass auch andere Marktteilnehmer sich entsprechend positionieren. 

Wer ist in Zukunft für die Transportlogistik zuständig: Spediteure oder Softwareunternehmen? 

Die Transportlogistik liegt zukünftig bei den Anbietern der End-to-End-Supply-Chain-Solutions-Plattformen. Sowohl Spediteure als auch Softwareunternehmen, die logistische Services wie Frachtraum-Matching anbieten, können den Betrieb dieser Plattform übernehmen. Es wird auch auf die Größe dieser Plattformen und somit möglichst wettbewerbsfähige Preise ankommen. Wahrscheinlich gibt es am Anfang mehrere Lösungen und eine Konsolidierung auf wenige große Plattformen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2018