SSI Schäfer

»E-Commerce treibt den Markt«

Michael Mohr verantwortet bei SSI Schäfer als Executive Vice President den Bereich »Sales«. Im Gespräch mit »logistik journal« sagt der Manager, wie es aktuell am Markt aussieht, ob sich die Wünsche nach Standards und Individualisierung entgegenstehen und wie wichtig das Thema IT für sein Unternehmen ist.

13. Februar 2019
© SSI Schäfer
(© SSI Schäfer)

Herr Mohr, Sie sind bei SSI Schäfer als Executive Vice President für Sales verantwortlich. Wie laufen denn die Geschäfte?

2018 war für uns durchaus ein gutes Jahr. Und auch in diesem Jahr sehen wir ein stabiles Umfeld und keine Abkühlung.

Können Sie das Wachstum beziffern?

Wir wachsen als Unternehmen bewusst langsamer als der Markt. Dieser gibt zurzeit Wachstumsraten zwischen 10 und 15 Prozent her. Vielleicht in manchen Bereichen sogar noch höher. Da wir aber als Familienunternehmen bodenständiger unterwegs sind und ein konstantes, nachhaltiges Wachstum erzielen wollen, heißt es bei uns: kein Wachstum um jeden Preis. Wir konzentrieren uns auf qualitativ hochwertige Projekte.

Das heißt, Sie können sich aussuchen, welche Projekte Sie machen?

Aussuchen klingt übertrieben und anmaßend – so sind wir nicht. Ich würde sagen: Wir müssen uns fokussieren, weil der Markt zurzeit so groß ist.

Wo läuft es besonders gut?

Wir sehen ganz klar einen Fokus auf dem Thema E-Commerce – und hier besonders in den Bereichen Fashion, Food Retail sowie Retail & Wholesale, in denen unsere Kunden in online migrieren. In diesen Sektoren haben wir zwei Strömungen: neue Unternehmen, die gleich digital sind und bestehende Player, die ins Netz gehen. Auch wenn wir die anderen Marktsektoren nehmen, laufen diese sehr stabil: Healthcare & Cosmetics, Industry sowie Food & Beverage sind in der richtigen Spur.

»Wir wachsen als Unternehmen bewusst langsamer als der Markt.«

— Michael Mohr, SSI Schäfer

Und in den Regionen? Länder wie die Türkei haben ja schwere wirtschaftliche Probleme.

In der Tat ist uns der komplette türkische Markt weggebrochen. Das war für uns eine spannende Region, dort haben wir die letzten fünf, sechs Jahre gute Geschäfte gemacht. Das ist dann vom einen auf den anderen Tag weggefallen. Aber zum Glück ist SSI Schäfer breit aufgestellt, sodass wir das verkraften können. Und das Gleiche gilt auch für Verschiebungen innerhalb der Produktsektoren. Overall stimmt die Bilanz für SSI Schäfer am Ende wieder.

Wann hat das Wachstum denn ein Ende?

Das ist die große Frage. Es ist wirklich schwer zu prognostizieren. Wenn wir die Pläne unserer Kunde sehen, und wir reden da auch mit den ganz Großen der Branche, dann sind die Pläne für die nächsten drei bis fünf Jahre stabil. Teilweise sogar sehr ambitioniert.

Sprechen wir über Ihren Geschäftsbereich. Sie haben im letzten Jahr viele neue Produkte und Dienstleistungen im Markt platziert. Mit welchem Erfolg?

Wir haben durchweg positives Feedback erhalten. Unser Star ist eindeutig das SSI Flexi Shuttle. Hier haben wir direkt ein hohes Interesse im Markt gespürt und konnten relativ schnell drei, vier sehr große Kunden dafür gewinnen. Jetzt zur Logimat werden wir das SSI Flexi Shuttle als Freezer-Version vorstellen.

Ein wichtiges Thema für SSI ist das Thema Standards. Auf der einen Seite wollen Ihre Kunden individuelle Angebote, auf der anderen Seite kostengünstige Standards. Wie geht das zusammen?

Sie haben recht, die Themen »Individualisierung« und »Standards« sind für uns eine der wichtigsten Herausforderungen. Wie können wir unseren Kunden mehr Standardlösungen anbieten? Auch dazu werden wir auf der Logimat etwas Spannendes im Palettenbereich vorstellen. Hier beschäftigen wir uns ziemlich intensiv mit einem Konfigurator. Wir wollen mit diesem ganz kurze Lieferzeiten sowie eine schnelle Angebotserstellung bieten und natürlich dann auch einen sehr attraktiven Preis am Markt haben.

Steht der Wunsch nach Individualisierung dem entgegen?

Ich würde das mit »Nein« beantworten. Die Entwicklung, die wir haben, ist komplett diametral. Es gibt eine große Kundengruppe, die Standards haben will – und die auf ganz bestimmte Themen Wert legt: schnelle Angebotszeiten, rasche Lieferzeiten, günstiger Preis, preiswerte Servicekonzepte, technische Verfügbarkeit.

Die zweite Gruppe besteht aus großen E-Commerce-Kunden, die ihre Prozesse aus der manuellen Welt heraus definiert haben und die nicht bereit dazu sind, diese zu ändern. Auch ihnen müssen wir eine standardisierte und preisattraktive Lösung bieten. Also wir folgen mit unserem Material-Handling-System und mit unserer IT den Prozessen, die uns der Kunde vorgibt. Das sind die beiden Megatrends.

Dafür wird auch die IT immer relevanter.

Das ist so. Deswegen sehen wir als SSI Schäfer uns auch als IT-Anbieter. Das sehen Sie ja auch auf der Logimat, wo wir einen separaten IT-Stand haben.

Ist das nicht auch eine Frage der Unternehmenskultur: Bin ich Maschinenbauer oder IT-Haus?

Die Diskussion haben wir so abgefangen, indem bei uns die IT-Solutions als eigenes Unternehmen am Markt agiert und auftritt. Deshalb haben wir dieses Thema, das ohne Frage da ist, eher weniger. Dennoch: Auch der klassische Maschinenbauer oder der klassische Application-Engineer muss noch mehr in Prozessen, IT und Business Cases denken. Das ist der eigentliche Paradigmenwechsel.

»Der klassische Maschinenbauer muss noch mehr in Prozessen, IT und Business Cases denken.«

— Michael Mohr, SSI Schäfer

Wo steht SSI Schäfer denn in zehn Jahren?

Das ist die entscheidende Frage. Auch in Zukunft fokussieren wir die Standard- und die hoch automatisierte Welt. Wir nutzen vermehrt Synergien und treiben die Dezentralisierung voran. Innovationsschübe bestimmen wir intensiv mit und werden IT-lastiger. All das macht unsere Unternehmens-DNA aus und wird mit dem Launch auf der Logimat in unsere Tagline übersetzt: »Think Tomorrow«.

Da fällt dann meist das Schlagwort »Digitalisierung«.

Diese ganzen Schlagworte wie Digitalisierung und Logistik 4.0, das sind oft große Worte und Parolen. Wir sind Teil dieser sehr komplexen Entwicklungen, doch im Fokus muss der Kundennutzen stehen. Kundennutzen ist der Treiber Nummer 1 in unserem Geschäft. Integrierte Systeme, Visualisierung, Predictive Maintenance: Das sind alles Digitalisierungs- oder Logistik-4.0-Themen. Was wir als SSI Schäfer vermeiden wollen, ist es, uns jetzt an großen Digitalisierungskampagnen zu beteiligen und Schlagworte in den Raum werfen.

Ist Digitalisierung eher ein Prozess, den Sie mit Ihren Kunden gehen? Oder findet doch eine Revolution statt?

Das entscheidet sich von Kunde zu Kunde. Wenn Sie sich heute die breite Welt der Kunden angucken, dann geht es oft ums »Ganze«, also nicht um Details, sondern das komplette Warehouse und die Prozesse. Oder nehmen Sie das Engineering. Hier gibt es ein völlig neues, kooperatives Konzept, das sich »Agiles Engineering« nennt. Der Kunde gibt Ihnen dauernd neue Anforderungen, der Prozess der Lösungsfindung ist kooperativer. Das ist schon revolutionär.

Gehört zur Digitalisierung auch ein Webshop?

Immer mehr komplexe Produkte werden über das Web verkauft. Zurzeit ist das jedoch noch ein relativ kleines Pflänzchen. Ich sehe hier vor allem Potenziale bei Regalanlagen und Behältern. Aber natürlich ist es schwer vorstellbar, dass irgendwann mal zum Beispiel ein Warehouse von fünf Millionen Euro über das Web verkauft und dann mit Kreditkarte bezahlt wird. Bis dahin ist der Weg noch sehr weit (lacht).

Ähnlich wie bei dem Thema Standards sieht es ja auch bei der Automatisierung aus. Brauchen alle Kunden die High-End-Lösung?

Jeder redet von den Superlativen. Jeder redet von High End, von Logistik 4.0, von ganz großen Systemen. Aber nichtsdestotrotz ist auch das Standardgeschäft für uns ein ganz wichtiges Thema, das wir nicht vernachlässigen werden.

Zum Abschluss würde ich gerne wissen: Was ist Ihnen in der Führung Ihrer Mitarbeiter wichtig?

Mir ist eine positive Einstellung zur Arbeit, zum Tagesgeschehen wichtig. Mit Kraft, Energie, Ehrlichkeit und auch Bodenständigkeit, für die auch SSI Schäfer steht. Wir leben unsere Werte.

Herr Mohr, vielen Dank!

Interview: Tobias Rauser

Erschienen in Ausgabe: 01/2019

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