Konjunktur

Die erschöpfte Globalisierung

Wie entwickelt sich die Konjunktur in Deutschland? Bringt der Protektionismus ein Ende der Globalisierung? Michael Hüther, Ökonom und Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, sagt im »logistik journal«-Interview, warum er eine Erschöpfung der Globalisierung konstatiert und was er von der deutschen Politik erwartet. Interview: Tobias Rauser

07. November 2018
© IW Köln
(© IW Köln)

Herr Hüther, wie entwickelt sich die Konjunktur in Deutschland 2019?

Um diese Frage zu beantworten, sollte man zuerst den Blick zurück richten. Wir schauen auf eine Phase von sieben Jahren, in denen sich Deutschland in der Produktion und bei der Beschäftigung wie am Lineal entwickelt hat.

Das ist außerordentlich ungewöhnlich. Diese Entwicklung ist vor allen Dingen angebotsseitig, also durch die Produktionsstruktur und ihre Wettbewerbsfähigkeit getragen. Die schwankende Weltnachfrage hatte da bisher gar nicht so viel Einfluss. Der Blick nach vorne ist jetzt von der Frage bestimmt, ob diese Entwicklung weitergeht.

Irgendwann ist jeder Aufschwung zu Ende.

Es sieht zurzeit so aus, dass dem ganzen Prozess erkennbar die Luft ausgeht. Wir sehen das in den Produktionszahlen, den Auftragseingangszahlen und insgesamt auch in den Handelszahlen. Der Anti-Freihandel, der Protektionismus und die Handelskonflikte führen in der deutschen Wirtschaft, die in einem hohen Maße auf den Weltmärkten unterwegs ist, zu Schleifspuren. Das geht nicht an uns vorbei. Deswegen verlieren wir an Dynamik. Wichtig ist: Es geht nicht um eine Rezession, aber die Luft ist raus. Statt gut zwei Prozent Wachstum in den vergangenen Jahren und 1,8 in 2018, erwarten wir für das nächste Jahr nur 1,4 Prozent. 

Kann man schon auf 2020 blicken?

Ein Prozess wie in Deutschland in den vergangenen Jahren generiert natürlich eine eigene Stabilität. Wenn man über die Angebotsseite Besonderheiten herausbildet, die Erfolge begründen, dann ist das nicht von heute auf morgen verschwunden. Dennoch ist so eine Verlangsamung nicht nur vorübergehend, denn wir sehen ja auch, dass binnenwirtschaftlich der Impuls und die Orientierung fehlen. Die Wirtschaftspolitik glaubt, dass sie allein von den Erträgen der wirtschaftlichen Tätigkeit leben kann, ohne selbst Vorsorge treiben zu müssen. Das erscheint mir leichtsinnig und der hauptsächliche binnenwirtschaftliche Risikofaktor zu sein.

Ist in Ihre Prognose die Angst vor Handelskriegen schon eingepreist?

Es ist nicht nur Angst. Wenn Sie sich die Exportzahlen anschauen, auch in den USA, sehen wir deutliche Einflüsse der Trumpschen Zollpolitik. Zudem bleibt Deutschland nicht außen vor bei den Konflikten zwischen USA und China. Die Unternehmen sind weltwirtschaftlich über Produktionsketten vernetzt, die Zulieferbeziehungen machen diese Netze aus. Wir sind nicht automatisch der lachende Dritte, wenn sich USA und China prügeln. 

Endet mit zunehmendem Protektionismus und Nationalismus die Globalisierung?

Das ist sehr krass formuliert. Ich würde es so sagen: Es ist nicht das Ende, aber es ist doch eine deutliche Erschöpfung der Globalisierung. Das sehen wir ganz konkret an realwirtschaftlichen Indikatoren – wie beispielsweise an der sich nicht mehr vertiefenden Arbeitsteilung. Die Globalisierung dümpelt auf hohem Niveau dahin. Wir stellen auch fest, dass wir eine Kapitalallokation in der nördlichen Hemisphäre haben. Das heißt, es gibt Regionen, die gar nicht beteiligt sind: Afrika, hier vor allem die Subsahara.

Ändert sich denn auch die Einstellung zur Globalisierung?

Ja. Wir bemerken an vielen Stellen eine Abwendung von der Globalisierung, weil diese natürlich auch Zumutungen bedeutet. Die Menschen nehmen wahr, dass immer mehr externe, in der Ferne begründete Einflüsse ihr Leben bestimmen, die sie selbst nicht mehr durchschauen. Das simple Versprechen »Globalisierung ist gut« vermittelt sich nicht jedem gleichermaßen. Es gibt immer Globalisierungsverlierer. Insofern erleben wir etwa seit fünf Jahren eine Gemengelage, in der Globalisierung nach Jahrzehnten sehr dynamischer Entwicklung in eine Erschöpfungsphase eingetreten ist.

Woher kommt die Skepsis in europäischen Volkswirtschaften, die an sich ja Globalisierungsgewinner sind? 

Für Freihandelsökonomen wie mich ist völlig klar, dass offene Grenzen sinnvoll sind. Dass sie Arbeitsteilung ermöglichen, dass sie Gewinne für die Beteiligten aus Spezialisierung erwirtschaften. Die Frage der Verteilung der Gewinne ist dann der nächste Schritt. Man muss von normalen Bürgern nicht erwarten, dass sie diese ökonomische Einschätzung aus sich heraus entwickeln.

Aber jeder sollte realisieren, dass es heute ein Wohlstandsniveau gibt, das deutlich höher ist als vor dem Beginn der Globalisierung. Dass wir aus der Krise heraus robust und schnell herausgekommen sind. Wir haben den Höchststand der Erwerbstätigkeit in der vereinigten Bundesrepublik Deutschland, die geringste Arbeitslosigkeit und beste Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren.

Zur Person

Michael Hüther (geboren 1962 in Düsseldorf) ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der Ökonom war vor seiner Tätigkeit im IW Chefvolkswirt der DekaBank und ist Honorarprofessor an der EBS Business School. In diesem Jahr erschien sein Buch »Die erschöpfte Globalisierung – zwischen transatlantischer Orientierung und chinesischem Weg«.

Trotzdem sind viele Bürger skeptisch. 

Das liegt am Unterschied zwischen Mikro- und Makroblick. Einem selbst geht es so gut wie nie, dennoch hat der Bürger große Sorgen wegen Globalisierung, Digitalisierung und Migration. Diese sind Themen der Fernbeeinflussung, die man persönlich schlecht einschätzen kann. Bei vielen dieser Dinge hat auch die Politik Antworten nicht geliefert. Wir haben eine Politik, die kommunikationsschwach ist. 

Sind denn Autarkie oder Regionalisierung wirklich so dramatisch? Russland geht einen nationalen Weg, auch in den USA sehen wir ja einen ersten Schub durch die Abschottung.

Es gibt wirtschaftshistorisch keinen Beleg dafür, dass Autarkie sinnvoll ist. Sie endet immer in ganz anderen Konflikten und führt zu Beschränkungen und Freiheitseinschränkungen. Das ist eindeutig. 

Was ist der Weg aus der Erschöpfung?

Der Westen muss klar machen, wofür er eigentlich steht. Die Menschen werden nicht akzeptieren, wenn man sagt: »Globalisierung ist nur ein ökonomischer Vorgang.« Sie erleben es anders, denn Globalisierung ist ein normativer, ein wertebasierter Vorgang. Das setzt voraus, dass wir uns erst mal unserer Werte im transatlantischen Westen klar werden und diese auch entsprechend adressieren.

Das hat Konsequenzen für den Handel, aber auch für Investitionsstandorte. Das Zweite ist: Wir müssen von China ein Mindestmaß an gemeinsamen Werten einfordern, damit wir mit gleichen Spielregeln spielen. Drittens müssen wir überlegen, wie wir Afrika eine Entwicklungsperspektive bieten, die in der Region selbst verankert ist. 

Blicken wir noch mal auf Deutschland. Hier herrscht viel Unruhe in der Politik. Würden Neuwahlen das Wachstum dämpfen?

Nein. Wichtig ist immer die Frage: Gibt es nachhaltige Verunsicherungen? Politische Börsen haben in der Regel kurze Beine. Das Land wird ja jetzt nicht umgestürzt, wenn es eine neue Regierung gibt. Im Übrigen glaube ich nicht daran, dass wir so schnell Neuwahlen bekommen werden. Mich ärgert aus diesem Grund umso mehr, dass die Regierung nicht handelt. Wir brauchen weniger Verteilungs- und mehr Wachstumspolitik. 

Eine neue Agenda?

Ja, in dem Sinne, dass wir die Themen Bildung, Digitalisierung und Infrastruktur wirklich gemeinsam denken und daraus eine Perspektive entwickeln. Zurzeit werden alle möglichen Verantwortlichkeiten immer neu definiert, aber richtig in Gang kommt nichts.

Deutschland steht dennoch gut da. Oder profitieren wir ausschließlich von der Schwäche der anderen?

Wir haben Strukturvorteile, ganz klar. Die sind aber nicht auf ewig gegeben, sondern da muss man auch dranbleiben. Schauen Sie sich Großbritannien an, wie man sich als ehemals starke Industrienation vor allem durch nur schwer lösbare Sozialkonflikte selbst in den Siebziger- und Achtzigerjahren nach unten gebracht hat. Dazu der einseitige Sprung in die Finanzwirtschaft durch Thatcher und die dadurch entstandenen Abhängigkeiten.

Das sollte Deutschland unbedingt vermeiden. Es geht nicht um Strukturkonservierung, aber man sollte Unternehmen in ihren Bedingungen handeln lassen. Dann werden sie investieren und neue Arbeitsplätze schaffen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2018