18. JUNI 2018

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»Jungheinrich ist gut aufgestellt«


Meinung Jungheinrich kann stolze Ergebnisse vorweisen: mehr als zwei Milliarden Euro Jahresumsatz, Platz drei in der Weltrangliste mit den erfolgreichsten Staplerbauern. Vorstandschef Hans-Georg Frey sagt, wie’s weitergeht. Gesprächspartner: Michael Weilacher

logistik journal: Herr Frey, 2007 – das hat Ihr Haus unlängst mitgeteilt – war das beste Jahr in der Unternehmensgeschichte von Jungheinrich. Und auch 2008 läuft bisher gut. Nur, wie geht’s dann weiter?
Hans-Georg Frey: Wir freuen uns natürlich, dass der Umsatz von Jungheinrich im Geschäftsjahr 2007 um 14 Prozent gestiegen ist und der Konzern damit zum ersten Mal über der Umsatzmarke von zwei Milliarden Euro liegt. Für ein Maschinenbauunternehmen ist das eine gigantische Leistung. Im ersten Halbjahr 2008 waren wir noch mit einem Wachstum von neun Prozent unterwegs. Aber jetzt spüren wir einen klaren Abschwung im Markt. Wir rechnen damit, dass der Weltmarkt nicht – wie ursprünglich angenommen – auf eine Million Einheiten anwachsen wird, sondern dass die Zahl in diesem Jahr eher bei 980.000 Fahrzeugen liegen wird.

lj: Woran liegt’s?
HGF: Wir spüren einen deutlichen Rückgang in Westeuropa, also in unseren Stammmärkten. Das Geschäft in Osteuropa läuft nach wie vor sehr gut. Gleiches gilt für Asien, insbesondere für China. In Lateinamerika ist vor allem Brasilien ganz gut unterwegs. Im Gegensatz zu den USA. Hier ist das Geschäft auch in diesem Jahr mit etwa fünf bis sechs Prozent rückläufig. Gleichwohl denke ich, dass die Flurförderzeugbranche, was das Gesamtgeschäft betrifft, im nächsten Jahr keine wirkliche Delle zu verzeichnen haben wird, sondern eher eine Seitwärtsbewegung. Was Jungheinrich betrifft, können wir noch mit einem leichten Wachstum beim Umsatz rechnen. Unser Unternehmen ist gut aufgestellt. Blicken Sie beispielsweise einmal in den Verbrenner- Bereich. Hier ist Jungheinrich heute viel stärker unterwegs. Und auch bei den Systemgeräten verzeichnen wir nach wie vor ein weit überdurchschnittliches Wachstum. Deshalb sind wir für das nächste Jahr verhalten optimistisch.

lj: Sie erwähnten Ihr erweitertes Angebot an verbrennungsmotorischen Geräten. Könnte Jungheinrich in Territorien wie Osteuropa noch besser dastehen, wenn das Unternehmen die dortige Nachfrage nach geeigneten Diesel- oder Gasstaplern in stärkerem Maße befriedigen könnte? In bestimmten Ländern bzw. Territorien muss es ja nicht unbedingt der absolut neueste Hightech- Hydrostat sein.
HGF: Sicher. Unter anderem aus diesem Grund bietet Jungheinrich bei den Verbrennern auch Wandler-Fahrzeuge an. Das sind im Übrigen sehr gute Stapler, die allerdings über eine andere Antriebstechnologie verfügen als die hydrostatischen Modelle. Sie werden hydrodynamisch angetrieben und spielen ihre Stärke insbesondere dann aus, wenn es gilt, Transportaufgaben über mittlere und lange Wegstrecken effizient zu lösen. Diese Wandler verkaufen wir in Osteuropa, zum Beispiel in Polen, sehr gut. Darüber hinaus werden wir für einzelne Regionen unsere Fahrzeuge spezifisch anpassen bzw. entwickeln.

lj: ... was bei der Entwicklung der Märkte ja auch nötig ist.
HGF: Wie gerade gesagt, unterschiedliche Märkte haben unterschiedliche Ansprüche an die Produkte. Daran müssen wir uns als Hersteller natürlich orientieren. Das eine oder andere Produkt kann aber durchaus mit etwas abgeschwächter Technik, also leicht abgespeckt, in einen bestimmten Markt gegeben werden. Was allerdings nicht davon ablenken darf, dass wir immer und überall erstklassige Produkte anbieten müssen, dass wir Premium-Fahrzeuge herstellen wollen und müssen. Jungheinrich ist und bleibt ein Premium-Anbieter; man kann nicht zwei unterschiedliche Kulturen im gleichen Unternehmen pflegen.

lj: Wenn Sie sagen, dass die Produkte den speziellen Bedürfnissen der Märkte angepasst sein müssen, meinen Sie dann auch die USA?
HGF: Ja, auch für Amerika haben wir bereits vor Jahren Fahrzeuge entwickelt, die gezielt den Anforderungen des dortigen Marktes entsprechen. Das sind aber keine Lowtech- Fahrzeuge. Der Markt hat einfach andere Anforderungen an die Stapler. Wenn man da mitspielen will, muss man die passenden Geräte in der Produktpalette haben. Und Jungheinrich hat diese Fahrzeuge. Allerdings sind wir wegen des schwachen Dollars und des stark rückläufigen Marktes in den USA derzeit sehr verhalten unterwegs.

lj: Egal, welche Region man betrachtet – vor dem Hintergrund rapide steigender Energiekosten wird künftig speziell derjenige Staplerbauer gute Karten haben, der besonders wirtschaftliche Geräte mit niedrigen Energiekosten im Angebot hat. Wie begegnet das Haus Jungheinrich dieser Herausforderung?
HGF: Mit dieser Frage sprechen Sie das maßgebliche Thema dieser Tage an. Der Schwerpunkt unserer Forschungs- und Entwicklungsarbeit liegt eindeutig auf der Energieeffizienz unserer Fahrzeuge – ein Thema übrigens, das uns auch in der Vergangenheit schon immer umgetrieben hat. So arbeiten wir beispielsweise mit eigenen Steuerungen. Mit diesen Steuerungen bekommen wir Systemoptimierungen hin, die wiederum verbrauchsarme Fahrzeuge ermöglichen. Wirklich zukunftsweisend aber sind Entwicklungen wie unsere Konzeptstudie Concept ’08 mit Lithium-Ionen-Batterie. Diese Batterie hat eine längere Lebensdauer und kann schneller geladen werden – Eigenschaften, die in Verbindung mit dem Direktantrieb von Jungheinrich den Energieverbrauch deutlich nach unten fahren. Aber auch bei der Entwicklung anderer Antriebssysteme sind wir am Ball. Was wirklich kommen wird, wissen wir noch nicht, da gibt es noch kein klares Marktsignal. Durchsetzen wird sich am Ende aber dasjenige System, das auch in der Breite wirtschaftlich einsetzbar ist.

lj: Haben Sie dabei auch die sogenannten Emerging Markets und deren eher reduzierte Bedürfnisse im Blick? Denn klar ist doch, dass technologische High-End-Produkte, wie sie Jungheinrich anbietet, nicht nur besonders anspruchsvoll sind, sondern zunächst auch besonders teuer.
HGF: Hersteller wie wir oder einige unserer Wettbewerber, die sich in einem Hochlohnland oder in einer Hochlohnregion bewegen, müssen sich zwangsläufig auf intensive Forschung und Entwicklung stützen. Das heißt, entsprechend interessante Produkte zu entwickeln und herzustellen, weil man sonst nicht wettbewerbsfähig wäre. Wir können nicht so billig produzieren wie ein chinesischer Hersteller, also müssen wir immer neue Entwicklungen bieten können, die unserem Kunden einen Vorteil bringen. Nur wenn unser Kunde bereit ist, für diesen Vorteil auch zu bezahlen, weil dieser ihn unter dem Strich wirtschaftlicher arbeiten lässt, war die Entwicklung richtig. Mit mehr als 40 Millionen Euro im Jahr geben wir für den Bereich Forschung und Entwicklung, in dem 350 Mitarbeiter beschäftigt sind, viel Geld aus. Der Vorsprung zeigt sich beispielsweise bei der Energieeffizienz eines Fahrzeugs und natürlich auch bei der Zuverlässigkeit. Als Hersteller müssen Sie darüber hinaus auch sicherstellen, dass Sie einen hervorragenden Service und eine perfekte Ersatzteillogistik bieten können. Und da liegt Jungheinrich ganz vorn.

lj: Und was ist mit dem Nutzer des Fahrzeugs?
HGF: Der ist ganz wichtig, keine Frage. Weil der Fahrer bei der Kaufentscheidung zunehmend ein Mitspracherecht hat, wird auch die ergonomische Gestaltung des Gabelstaplers immer bedeutender. Und das ist gut so, denn wenn das Fahrzeug technisch noch so gut ist.

lj: Apropos gut, Herr Frey – in der Standortdebatte bekennt Jungheinrich sich klar zum Hochlohnland Deutschland, zu einem aus Ihrer Sicht guten Standort also. Andere sehen Deutschland als zentralen Produktionsstandort kritischer und sagen, dass man bestimmte Märkte nur aus ihrem Inneren heraus sinnvoll bedienen kann. Wird sich mitteloder langfristig an der Standort- Strategie von Jungheinrich etwas ändern?
HGF: Wir haben unsere Produktionsstandorte überwiegend hier in Deutschland, weil wir Vor- und Nachteile natürlich ganz genau untersucht haben. Fest steht: Sie brauchen eine bestimmte Zahl von Fahrzeugen, die Sie in einem Werk produzieren. Eine Kostenreduktion lässt sich nicht erreichen, wenn die Stückzahl zu klein ist. Wenn wir Stückzahlen, die wir heute in unseren hiesigen Werken produzieren, auf Werke in den USA oder irgendwo in Russland verteilen würden, dann würden die relativen Kosten pro Fahrzeug nach oben gehen. Also ist es wichtig, dass man in wenigen Werken viel produziert …

lj: … was, so nehmen wir jedenfalls an, auch für das im Baubefindliche Werk in Landsberg bei Halle gilt.
HGF: Ein gutes Stichwort. Im Falle von Landsberg haben wir genau überlegt, ob es Sinn machen würde, etwa nach Tschechien, nach Rumänien oder nach Bulgarien zu gehen. Die Löhne sind dort natürlich niedriger, die Koordinationskosten dafür aber höher. Sie bewegen sich in einer anderen Sprache; Sie bewegen sich in einer Infrastruktur, die noch nicht so weit entwickelt ist wie anderswo; Sie haben höhere Logistikkosten. Nach Landsberg dagegen fahren wir von Hamburg aus in drei Stunden. Falls erforderlich, können wir sofort Unterstützung geben. Wenn Sie aber irgendwo in Rumänien sitzen, brauchen Sie bis zu anderthalb Tage für die Anreise. Zudem müsste das Werk mit all unseren Vertriebsgesellschaften kommunizieren können. Deutsch und Englisch wären also unabdingbar – hier bei uns ist das kein Problem.

lj: Und was, wenn es gilt, China optimal zu bedienen?
HGF: Das ist etwas anderes. China ist weit weg, und die Anforderungen des Marktes sind anders als in Europa – viel niedriger eben. Die Fahrzeuge müssen einfacher und billiger sein. Die dazugehörigen Produkte können wir in Deutschland so nicht produzieren. Also müssen wir in den Märkten selbst agieren, was wir auch in China bereits seit Jahren machen – im Rahmen eines Joint Ventures etwa und mit einer kleinen aber eigenen Montage, die wir Schritt für Schritt weiter ausbauen werden. Ziel ist stets, auch auf diesem heiß umkämpften Markt wettbewerbsfähig zu sein.

lj: Geraten Sie da nicht in Konflikt mit dem Anspruch, Premium- Anbieter zu sein? Oder anders gefragt: Sind Sie dann nicht Hightech-Spitzenanbieter auf der einen und billiger Jakob auf der anderen Seite?
HGF: Nein, da sehe ich kein Problem. Auch in China treten wir als Premium-Anbieter auf. Allerdings: Premium in China ist weniger als Premium in Europa. Das liegt an den Anforderungen des Marktes und an der Wettbewerbssituation. Aber wir werden auch in China einer der Top-Anbieter sein. Das setzt natürlich eine entsprechende Produktqualität voraus. Und hierbei gibt es genügend Merkmale, mit denen wir uns von den Wettbewerbern mit einfachen Geräten abheben können.

lj: Merkmale, die – wir sprechen ja über China – leicht kopiert werden können.
HGF: Ja, dieses Problem haben wir. Allerdings gehört schon etwas dazu, zum Beispiel komplexe Geräte mit entsprechenden Steuerungen, die wir im eigenen Hause entwickeln und fertigen, zu kopieren. Und die Steuerung ist ganz zentral dafür verantwortlich, wie energieeffizient ein Fahrzeug ist.

lj: Stichwort Effizienz – die Leistungsdichte im Bereich der Premium-Anbieter ist hoch. Welche Vorteile sehen Sie, die nur Ihr Haus dem Kunden bieten kann?
HGF: Es wäre wohl etwas vermessen zu sagen, nur Jungheinrich baue gute Fahrzeuge. Aber in Sachen Funktionalität, Zuverlässigkeit und Energieeffizienz sind wir wirklich ganz vorn dabei. Hinzu kommt unser bekannt guter Service, sowohl was den Monteur als auch was die Ersatzteillogistik angeht. Da ist Jungheinrich absolut führend. Und einen so umfassenden Ansatz für logistische Gesamtlösungen wie Jungheinrich bietet – von Lippenbekenntnissen abgesehen – meines Wissens kein anderer Wettbewerber.

lj: Die drei Spitzenreiter in der Weltrangliste der Flurförderzeughersteller – Toyota Material Handling, die Kion Group mit den Marken Linde, Still und OM sowie das Haus Jungheinrich – haben unterschiedliche Unternehmensstrukturen. Beim direkten Vergleich: Wo liegen die Vorteile Ihres Hauses?
HGF: Ganz wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang, dass Jungheinrich seinen Umsatz von über zwei Milliarden Euro mit einer einzigen Marke macht. Alle unsere Wettbewerber betreiben eine Mehr- Marken-Politik. Das zweite ist, dass wir einen Direktvertrieb haben. Damit sind wir direkt am Kunden, also nicht mittelbar über Händler. Drittens: Da sich alle Stammaktien in Familienhand befinden, sind wir in gewisser Weise ein Familienunternehmen. Damit haben wir auch die Vorteile eines Familienunternehmens – Vorteile, die uns eine solide, langfristige und stabile Planung erlauben. Dabei ist außerordentlich wichtig, dass wir profitabel sind, denn wenn man profitabel ist, ist und bleibt man auch unabhängig.

lj: Viele halten den Gabelstapler für ein eher nüchternes Arbeitsgerät, andere für ein hoch emotionales Produkt. Was ist der Gabelstapler für Sie?
HGF: Ich denke, dass beide Aspekte eine Rolle spielen. Auf der einen Seite ist der Stapler natürlich Mittel zum Zweck, ein Arbeitsgerät eben. Auf der anderen Seite muss man, wenn man auf so einem Gebiet arbeitet, Herzblut entwickeln. Und zwar Herzblut für das Produkt an sich. Das gilt für jeden im Unternehmen, vom Verkäufer bis zum Chef. Alle müssen begeistert sein von ihrem Produkt. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung für geschäftlichen Erfolg, denn die Begeisterung wird vom Kunden wahrgenommen. Er spürt, dass ihm von diesem Unternehmen Spitzenprodukte mit einer erstklassigen Beratung und einem umfassenden Service angeboten werden.
www.jungheinrich.de

Ausgabe:
lj 05/2008
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