20. JULI 2018

zurück

kommentieren drucken  

»Wir sind auf einem guten Weg«


Technik

Konzepte - Dr. Helmut Limberg, Vertriebsvorstand von Jungheinrich, sieht die Wirtschaft wieder wachsen. Davon möchte sein Haus künftig stärker profitieren als bisher. Der Premiumhersteller steigt ins Geschäft mit Value-Staplern ein. Gesprächspartner: Michael Weilacher

Herr Dr. Limberg, alle reden vom Aufschwung, wir auch: Schöpft das Haus Jungheinrich seine Kapazitäten derzeit voll aus?

Wenn das so wäre, dann würden wir ja auf altem Niveau agieren. Da sind wir aber noch lange nicht. Dennoch, die Zeiten sind wieder besser. Derzeit sehen wir ein globales Marktwachstum zwischen 40 und 50 Prozent.

Gute Nachrichten also nach der drastischen Abschwungphase.

Ja, keine Frage. Allerdings bewegen wir uns von einem niedrigen Niveau aus nach oben. Um den Level von 2007/2008 erreichen zu können, bräuchten wir eine Steigerung von 100 Prozent – eine nicht gerade realistische Vorstellung. Trotzdem, wir sind auf einem guten Weg.

Nur für einen überschaubaren Zeitraum? Oder ist der gute Weg dann doch etwas länger?

Das hängt allein von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ab. Es deutet aber einiges darauf hin, dass der positive Trend eine gewisse Nachhaltigkeit besitzt. Um es differenzierter zu sagen: Das Wachstum bleibt, aber es wird sich abschwächen.

Wobei die Märkte sich sehr unterschiedlich entwickeln.

So ist es. Der Weltmarkt insgesamt wächst deutlich schneller als Europa. Der Weltmarkt bewegt sich auf dem Niveau vom Juni 2006, der europäische Markt dagegen auf dem Level vom Mai 2003.

Also Asien als Wachstumstreiber? Amerika fehlt doch wohl noch der Schwung.

Stimmt, was die Volumina angeht, ist die Entwicklung in Asien besonders erfreulich. Der dortige Zuwachs im ersten Halbjahr 2010 betrug 77 Prozent. Das Wachstum in Europa ist zweigeteilt: In Osteuropa erholen sich die Märkte schneller als in Westeuropa. Allerdings war Osteuropa auch vom Abschwung in besonderer Weise betroffen – mit einem Rückgang des Marktvolumens von 78 Prozent.

Und wie stellt sich die Situation in Amerika dar?

Der nordamerikanische Markt ist im ersten Halbjahr 2010 um 28 Prozent gewachsen. Ob diese Entwicklung so anhält, bleibt abzuwarten. Wir sind aber optimistisch. Durch die Vertriebspartnerschaft mit Mitsubishi Caterpillar Forklift America ist unsere Position in Nordamerika und Mexiko deutlich gestärkt.

Worin liegen die primären Vorteile der Zusammenarbeit?

Ganz eindeutig darin, dass wir mit MCFA für die USA, Kanada und Mexiko einen ausgewiesenen Vertriebsexperten an unserer Seite haben. Als Jungheinrich allein wären wir nicht in der Lage gewesen, in so kurzer Zeit eine so starke Marktdurchdringung zu erreichen. Aber auch Mitsubishi hat durch die Zusammenarbeit einen klaren Vorteil. Er besteht darin, dass MCFA mit Elektrostaplern und Lagertechnikgeräten made by Jungheinrich in Ergänzung des eigenen Programms als Full-Liner auftreten kann. Eine echte Win-win-Situation also.

Und wie, Herr Dr. Limberg, wollen Sie den Boom-Markt Asien stärker durchdringen?

Ganz einfach: indem wir unsere dortige Präsenz verstärken.

Über Niederlassungen?

Über entsprechende Gesellschaften. Wir sind ja in Asien schon lange präsent, etwa mit einer Produktions- und mit einer Vertriebsgesellschaft in China. In Thailand und in Singapur sind wir mit einer Vertriebsgesellschaft vertreten. Wir haben eine Niederlassung in Malaysia und in allen asiatischen Ländern Vertriebspartner. Wir sind also in der Region präsent. Was noch entwicklungsfähig ist, ist die Marktdurchdringung, also der Marktbesatz mit Fahrzeugen. Dafür sind Investitionen nötig. Soll heißen: Produktion ausbauen, Vertrieb ausbauen.


Denken Sie diesbezüglich auch an eine Erweiterung Ihres Produktprogramms?


Jungheinrich ist mit seinen Produkten weltweit erfolgreich, in Osteuropa zum Beispiel mit seinem Wandlerprogramm. Nichtsdestotrotz arbeiten wir ständig am Ausbau unseres Portfolios. Unsere Hydrostaten, übrigens eine echte Erfolgsstory, sind im oberen Leistungsbereich angesiedelt. Ähnliches gilt für die Wandler. Da gibt es natürlich Erweiterungsbedarf.

Was dürfen wir erwarten?

Neben dem Premium-Markt wollen wir auch den Value-Markt bedienen. Dafür gilt es, ein Gerät zu bauen, das in diesem Segment das beste ist, dem Premium-Anspruch von Jungheinrich also auch im Value-Bereich gerecht wird.

Das machen andere mit dafür vorgesehenen Marken.

Die Ein-Marken-Strategie ist für Jungheinrich unverrückbar. Sie hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen.

Dann werden Sie Ihr Value-Produkt auch unter dem Namen Jungheinrich anbieten? Kann das funktionieren? Für den Kunden ist Jungheinrich premium, und premium bedeutet hochpreisig.

Hochpreisig ist ein irreführendes Etikett. Jungheinrich ist in keinem Bereich hochpreisig. Das Verhältnis von Preis und Leistung ist bei uns mehr als intakt. Unser Kunde bekommt für sein Geld die bestmögliche Leistung, und das auf allen Gebieten. Was die Total Cost of Ownership betrifft, also jene Kosten, die über den gesamten Lebenszyklus eines Gerätes hinweg anfallen, ist Jungheinrich top. Maßstab für unsere Produkte ist, dass sie den Anforderungen des Kunden vollumfänglich entsprechen. Wir nennen das Kundenversprechen.

Ein Versprechen, das Sie auch den Kunden aus dem Value-Segment geben?

Selbstverständlich, value bedeutet ja nicht, dass der Kunde ein minderwertiges Produkt bekommt. Vor diesem Hintergrund haben wir einen eigenen Begriff geprägt: Regionales Premium. Er impliziert die Orientierung am Premiumwettbewerber in dem jeweiligen Markt und gleichzeitig die Absicht, regionalen Kundenwünschen zu entsprechen.

Im Grunde steht value also für höhere Stückzahlen und größere Marktanteile.

Das ist richtig. Weil wir einen neuen Kundenkreis bedienen werden, wird uns das Value-Segment neue Volumina erschließen. Bis es so weit ist, wird allerdings noch einige Zeit ins Land gehen.

Aber Sie sind bereits in diese Richtung unterwegs?

Wir sind unterwegs. Denn mit Volumina sind Skaleneffekte verbunden. Von diesen Effekten, von denen andere bereits profitieren, müssen auch wir profitieren. Aber dafür müssen wir uns erst einmal in eine gleichwertige Wettbewerbsposition bringen.

Neue Produkte, neue Segmente – zielt Jungheinrich mit seinem Produkt jetzt stärker als bisher auf Regionen außerhalb seiner Kernmärkte ab?

Unsere bisherigen Kernmärkte werden wir natürlich halten. Aber das geschieht nicht von selbst, da müssen wir weiterhin investieren. Und genau das machen wir. Parallel dazu verstärken wir unser Engagement in den anderen Märkten. Das ist eine Erweiterung unserer Unternehmung, organisches Wachsen.

Kann man das, grob gefasst, als Jungheinrich-Strategie für die nächsten zwei bis drei Jahre bezeichnen?

Ich sehe das deutlich langfristiger. Das ist eine Strategie, die sicherlich für die nächsten zehn Jahre Gültigkeit hat. Es spricht alles dafür, dass die Bedeutung des asiatischen Marktes, insbesondere der Region China, andauern wird. Was natürlich nicht ausschließt, dass auch andere Regionen bedeutsamer werden. Ich denke da zum Beispiel an Südamerika, das ebenfalls beachtliche Wachstumsraten aufweist.

Nun ist es eine Sache, mehr Geräte zu verkaufen und höhere Marktanteile zu erzielen, eine andere ist es, mit den Geräten Geld zu verdienen. In den jetzt zurückliegenden zwei Jahren war der Druck auf die Margen extrem.

Die Abschwungphase war natürlich eine Steilvorlage für die Einkäufer. Viele haben Nachlässe gefordert und sie auch bekommen. Auch wir haben der Krise Rechnung tragen müssen. Auch wir haben uns dieser Spannung stellen müssen, um dann beispielsweise Bestandskunden halten zu können. Aber es ist uns gelungen, das zu vertretbaren Preisen zu realisieren. Im Übrigen: Der Druck auf die Preise wird hoch bleiben.

Die Bedeutung des Service-Geschäfts nimmt also weiter zu?

Das Service-Geschäft ist integraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells, ebenso wie die Vermarktung von Gebrauchtgeräten – ein sehr erfreuliches Geschäftsfeld mit zweistelligen Wachstumsraten.

Weg von den Geräten, hin zum Projektgeschäft, ein Geschäftsfeld, auf dem es in der Regel um größere Summen geht. Wie ist es derzeit um die Investitionsbereitschaft Ihrer Kunden bestellt?

Sie entwickelt sich ausgesprochen positiv. Dafür gibt es klare Indikatoren, etwa die große Zahl von Ausschreibungen. Also ja: Nach der Phase des Abschwungs zieht auch das Projektgeschäft wieder an. Später zwar als das Neufahrzeuggeschäft, aber dafür war das Projektgeschäft zu Beginn des Abschwungs auch länger stabil geblieben.

Stichwort Neufahrzeuggeschäft: Wir gehen davon aus, dass der Gesamtmarkt für Gabelstapler und Lagertechnikgeräte im Jahr 2010 ein Volumen von 650.000 bis 680.000 Einheiten haben wird.

Eine eher vorsichtige Schätzung. Der Blick in die Zukunft ist natürlich immer mit Unwägbarkeiten behaftet. Und auch wir wissen nicht, wie die Märkte sich in den nächsten Monaten entwickeln. Trotzdem gehen wir davon aus, dass der Weltmarkt ein Gesamtvolumen von deutlich über 700.000 Fahrzeugen haben wird.

Vor Jahresfrist hieß es, dass es durchaus bis 2014 dauern könne, bis die Branche wieder Zahlen wie in 2007/ 2008 erzielen werde. Jetzt schreitet die Erholung schneller voran als erwartet. Bleibt es trotzdem bei der Einschätzung vom vergangenen Jahr?

Ich glaube nicht, dass man an dieser Einschätzung etwas korrigieren muss – vorerst. Wenn sich die positive Entwicklung, die wir in der ersten Hälfte 2010 verzeichnen konnten, zum Ende des Jahres fortsetzt, könnten wir allerdings zu einer optimistischeren Einschätzung kommen. Dann könnten Stückzahlen und Umsätze wie im Rekordjahr 2007/2008 auch schon vor 2014 erzielt werden.

www.jungheinrich.de





Daten & Fakten

Jungheinrich zählt zu den führenden Unternehmen in den Bereichen Flurförderzeug-, Lager- und Materialflusstechnik.

Das Portfolio des in Hamburg ansässigen Hauses setzt sich aus Gabelstaplern, Lagertechnik-Geräten, Regalsystemen und Dienstleistungen zusammen.

Die Aktie des Unternehmens Jungheinrich wird an allen deutschen Börsen gehandelt.

Ausgabe:
lj 05/2010
Unternehmen:
Bilder:

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere Fachartikel in unserem Artikelarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Aktuelle Ausgaben

Weltmarkt Flurförderzeuge

logistik journal: Weltmarkt Flurförderzeuge 2016

Video der Woche

 

ANZEIGE