Innovationen für die letzte Meile

Der Tower24 kommt

Seit langem sind Überlegungen im Gange, den Versand von im Internet bestellten Waren wirtschaftlicher zu gestalten. Der Schlüssel dafür könnte das Projekt Tower 24 des Dortmunder Fraunhofer IML sein. Noch in diesem Herbst will Kooperationspartner SSI Schäfer Noell das erste Modell dieser Art in Aktion vorstellen. Bei dem Artikel handelt es sich um Auszüge aus einem Referat von Dr. Timm Gudehus zu den Dortmunder Gesprächen 2002. Der Vortrag wird in voller Länge im Sonderheft Lagertechnik 2003 veröffentlicht.

20. Dezember 2002

Das zukünftige Wachstum des Paketmarktes, der im Jahr 2001 in Deutschland rund 1,2 Milliarden Standardpakete erreicht hat, und der Erfolg des E-Commerce werden entscheidend bestimmt von den Kosten und vom Service der Sendungszustellung. Den größten Anteil an den Kosten einer Paketsendung hat die „letzte Meile“ vom Verteilpunkt des Paketdienstes bis zum Empfänger der Sendung. Bei der bisher üblichen Paketzustellung frei Haus verursacht die letzte Meile mehr als die Hälfte der gesamten Frachtkosten. Noch höher als bei der Paketzustellung sind die Kosten der Hauszustellung von Lebensmittel- und Konsumgütersendungen, die per Internet beim lokalen Einzelhandel oder bei einem überregionalen Internet-Händler bestellt werden.

Echte Fortschritte bei Service und Kosten sind erst durch automatische Paketstationen zu erwarten. Als erste Pilotanlage zur praktischen Erprobung einer automatische Paketstation wird im Herbst dieses Jahres in Dortmund der Tower24 in Betrieb genommen.

Probleme bei der Übergabe

Bei langen Wegen, in Hochhäusern mit Aufzügen, bei Mißverständnissen oder falscher Adresse kann ein Zustellversuch gelegentlich ziemlich lange dauern. Hinzu kommt die Erfahrung, daß bis zu 20 Prozent der Privatempfänger nicht zu Hause sind, wenn der Paketdienst kommt. In fünf bis zehn Prozent der Zustellversuche muß das Paket wieder zurückgenommen werden.

Außer dem Zeitverlust und den Mehrkosten beim Paketdienstleister verursacht ein vergeblicher Zustellversuch auch beim Empfänger Verdruß, Ärger und Folgekosten. Der Empfänger muß selbst aktiv werden und hinter seinem Paket herlaufen. Bestellungen, die nicht ankommen, verprellen die Kunden und verhindern die ersehnte Geschäftsausweitung. Die Ziele neuer Problemlösungen für die letzte Meile sind also:

- Reduzierung der Zustellkosten

- 24-Stunden-Service für den Empfänger

- Ermöglichung und Ausweitung des E-Commerce.

Ein besserer Service ist der entscheidende Faktor für die Akzeptanz einer anderen Lösung.

Alternativlösungen für die letzte Meile

Als Alternative zur Heimzustellung bieten sich Stationen zur Abgabe und zum Abholen von Paketsendungen an. Die bekanntesten dieser Stationen sind die Filialen der Deutschen Post. Einige Wettbewerber der PaketPost, nutzen sogenannte Paket-Shops, Pick-Points oder Take Out Stores. Das sind Abhol- und Annahmestellen in Tankstellen, Kiosken, kleinen Geschäften und Gewerbebetrieben.

Eine stärker mechanisierte Lösung als der Paketshop ist die Paketschließfachanlage. Der Versender oder Besteller kann eine gewünschte Zielstation vorgeben. Der Empfänger wird zuvor per Internet oder SMS über den Abholstandort und den Eingang seiner Sendung informiert. Eine wirklich effektive Lösung auch für hohe Kundenfrequenzen bieten erst automatische Paketstationen. Dabei handelt es sich um freistehende oder in einem Gebäude aufgestellte Regalanlagen unterschiedlicher Bauart und Höhe, deren Plätze von einem Regalbediengerät automatisch befüllt und geleert werden. Sie arbeiten nach dem Prinzip der dynamischen Bereitstellung - „Ware zum Mann“ - , das den Benutzern die weiten Wege zum Lagerfach erspart. Die Pakete werden in einen internen Standardbehälter gelegt, gelagert und bereitgestellt. In Standardkästen angelieferte Lebensmittel und andere Konsumgüter können auch ohne internen Behälter eingelagert werden.

Die kombinierten Entnahme- und Eingabeplätze befinden sich auf der Bedienungsebene seitlich oder stirnseitig vom Regal. Sie sind auf Zugriffshöhe ergonomisch optimal angeordnet und werden vom Regalbediengerät in einer Bereitstellzeit von 5 bis 10 Sekunden mit dem angeforderten Behälter versorgt. Die Benachrichtigung und der Zugang sind wie bei den modernen Schließfachanlagen elektronisch geregelt. Die Platzverwaltung, die Überwachung und die Wartung sind rechnergesteuert. Das Regal ist durch eine Außenwand vollständig abgeschlossen.

Im Herbst 2002 wird unter der Projektleitung des Fraunhofer IML in Dortmund eine erste Pilotanlage des Tower24 in Zylinderbauweise in Betrieb genommen und in der Praxis erprobt.

Die Investition für eine automatische Paketstation oder einen Paket- Tower ist abhängig von der Größe und technischen Ausführung der Anlage. Wenn nach erfolgreicher Erprobung des Prototyps eine ausreichende Anzahl von Anlagen in Serie gefertigt wird, ist für einen freistehenden zylindrischen PaketTower ohne Kühlung bei einer Kapazität von 380 Standardplätzen für Pakete 300 x 400 x 400 mm mit einer Gesamtinvestition in der Größenordnung unter 300.000 EUR zu rechnen.

Die Betriebskosten für den Tower-24 ohne Kühlung für 380 Pakete liegen bei etwa 55.000 Euro im Jahr. Für einen gekühlten Tower24 gleicher Kapazität für Pakete und halber Kapazität für Behälter belaufen sich die jährlichen Betriebskosten auf rund 60.000 Euro. Sie setzen sich zusammen aus Abschreibungen, Kapitalverzinsung, Platzmiete, Wartung, Instandhaltung und Gemeinkosten des laufenden Betriebs.

Erschienen in Ausgabe: 09/2002