Die Logistik steht unter dauerhaftem Druck: Volle Autobahnen, steigende Mautgebühren und ein massiver Mangel an Fahrpersonal zwingen Unternehmen zum Umdenken. Der reine Lkw-Transport ist auf der Langstrecke oft nicht mehr die wirtschaftlichste oder zuverlässigste Option, während die Bahn allein nicht flexibel genug ist, um jedes Werkstor zu erreichen. Die Lösung liegt in der intelligenten Verknüpfung beider Welten: dem intermodalen Verkehr, der die Stärken der Straße mit der Effizienz der Schiene verbindet und so Transportketten resilienter macht.
Das Wichtigste in Kürze
- Beim intermodalen Verkehr wechselt nur die Ladeeinheit (Container, Auflieger) den Träger, nicht aber die Ware selbst.
- Die Kombination lohnt sich meist ab einer Distanz von 500 Kilometern, da die günstigen Schienenkilometer die Umschlagskosten kompensieren.
- Unternehmen senken durch die Verlagerung des Hauptlaufs auf die Schiene ihren CO2-Ausstoß und umgehen den Fahrermangel auf der Langstrecke.
Was intermodaler Verkehr konkret bedeutet
Der Begriff beschreibt eine Transportkette, bei der Güter in einer einzigen Ladeeinheit befördert werden, ohne dass die Ware selbst jemals angefasst oder umgepackt wird. Im Gegensatz zum multimodalen Verkehr, der lediglich die Nutzung verschiedener Verkehrsträger meint, ist beim intermodalen Ansatz die Standardisierung der Behälter entscheidend. Der Wechsel zwischen Lkw, Bahn oder Binnenschiff erfolgt an speziellen Terminals rein maschinell, was das Diebstahl- und Beschädigungsrisiko im Vergleich zum klassischen Umladen drastisch senkt.
In der Praxis übernimmt der Lkw dabei meist nur die „erste und letzte Meile“, also die Feinverteilung im Vor- und Nachlauf. Die eigentliche Strecke, der sogenannte Hauptlauf, findet auf der Schiene statt. Diese Arbeitsteilung nutzt die Flexibilität des Lkw im Nahbereich und die Massenleistungsfähigkeit der Eisenbahn auf der Langstrecke, wodurch logistische Engpässe wie Staus oder Lenkzeitunterbrechungen auf der Hauptroute vermieden werden.
Welche Ladeeinheiten für Straße und Schiene geeignet sind
Nicht jeder Lkw-Aufbau kann einfach auf einen Zug gehoben werden; das System erfordert standardisierte Ladehilfsmittel, die den hohen Kräften beim Kranumschlag und der Bahnfahrt standhalten. Wer in den intermodalen Verkehr einsteigen will, muss zunächst prüfen, welche Ausrüstung zur Verfügung steht oder beschafft werden muss. Die Wahl der Ladeeinheit bestimmt oft auch die Flexibilität bei der Auswahl der Terminals und Routen.
Die gängigsten Ladeeinheiten im sogenannten Kombinierten Verkehr (KV) lassen sich in drei Kategorien unterteilen:
- ISO-Container: Der weltweite Standard (20 oder 40 Fuß), ideal für Übersee-Importe, die direkt vom Hafen auf die Schiene gehen.
- Wechselbrücken (Swap Bodies): In Europa weit verbreitet, stehen auf Stützbeinen und sind für den Palettentransport optimiert, aber meist nicht stapelbar.
- Kranbare Sattelauflieger: Spezielle Trailer mit verstärktem Rahmen und Greifkanten, die direkt vom Lkw auf den Waggon gehoben werden.
Der typische Ablauf einer intermodalen Transportkette
Ein intermodaler Transport erfordert eine deutlich präzisere Taktung als ein reiner Straßentransport, da er an die festen Fahrpläne der Güterzüge gebunden ist. Der Prozess beginnt mit dem Vorlauf: Ein Lkw holt die Ladeeinheit beim Versender ab und bringt sie zum nächstgelegenen Umschlagbahnhof (Terminal). Dort muss der Slot für den Check-in exakt eingehalten werden, damit der Portalkran oder Reach-Stacker die Einheit rechtzeitig auf den Waggon verladen kann.
Nach der Verladung folgt der Hauptlauf auf der Schiene, der oft über Nacht geschieht und große Distanzen ohne Staurisiko überbrückt. Am Zielterminal angekommen, wird die Ladeeinheit wieder auf einen bereitstehenden Lkw umgesetzt, der den Nachlauf zum Empfänger übernimmt. Die Herausforderung für Disponenten liegt hier in der Schnittstellenkoordination: Verspätet sich der Lkw im Vorlauf, ist der Zug weg; verspätet sich der Zug, muss der Lkw im Nachlauf warten.
Wann sich die Kombination wirtschaftlich rechnet
Die Verlagerung auf die Schiene ist nicht per se günstiger; sie hat eine andere Kostenstruktur als der Straßentransport. Während die reinen Kilometerkosten der Bahn niedriger sind, fallen fix Kosten für den zweifachen Umschlag an den Terminals sowie für den Vor- und Nachlauf auf der Straße an. Diese Fixkosten müssen durch die Einsparungen auf der langen Schienenstrecke wieder hereingeholt werden, weshalb der intermodale Verkehr auf der Kurzstrecke unwirtschaftlich ist.
Als Faustregel in der Logistik gilt eine Distanz von etwa 500 Kilometern als Break-even-Point, ab dem der Kombinierte Verkehr Kostenvorteile ausspielt. Auf Strecken, die geografische Hindernisse wie die Alpen überqueren (Transalpiner Verkehr), lohnt sich die Schiene oft schon früher, da hier hohe Lkw-Mauten, Nachtfahrverbote und strenge Gewichtsbeschränkungen den reinen Straßentransport überproportional verteuern und verkomplizieren.
Technische Hürden und Profilcodes beachten
Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, jeder Sattelauflieger könne im Notfall auf die Bahn verladen werden. Standard-Trailer sind dafür statisch nicht ausgelegt; beim Anheben durch den Kran würde ihr Rahmen brechen. Für den intermodalen Verkehr sind explizit „kranbare“ Trailer nötig, die über verstärkte Greifkanten verfügen und entsprechend zertifiziert sind. Zudem spielt das Lichtraumprofil der Bahnstrecken eine Rolle: Nicht jeder Trailer passt durch jeden Tunnel.
Hier kommt der sogenannte Profilcode (z. B. P400) ins Spiel, der auf dem Trailer vermerkt ist und mit den Streckenfreigaben der Bahn abgeglichen werden muss. Ein P400-Trailer auf einer Strecke, die nur für P380 freigegeben ist, würde an Tunneldecken oder Brücken hängenbleiben. Disponenten müssen daher zwingend prüfen, ob das Equipment technisch und rechtlich für die geplante Bahnroute zugelassen ist, um teure Stillstände oder Schäden zu vermeiden.
Wie der Fahrermangel durch Intermodalität entschärft wird
Neben den ökologischen Vorteilen ist der Personalmangel in der Logistikbranche heute der stärkste Treiber für intermodale Konzepte. Der Beruf des Fernfahrers, der wochenlang von zu Hause weg ist, verliert massiv an Attraktivität, und Speditionen finden kaum noch Personal für internationale Touren. Der intermodale Verkehr verändert das Berufsbild: Der Lkw-Fahrer wird im Vor- und Nachlauf eingesetzt, fährt also eher regionale Touren und kann abends oft zu Hause sein.
Ein einziger Güterzug ersetzt auf dem Hauptlauf bis zu 50 Lkw-Fahrten, was bedeutet, dass 50 Fahrer für andere Aufgaben frei werden. Diese Entkopplung von Fahrer und Langstrecke macht Lieferketten robuster gegen Personalengpässe und Krankheitswellen. Unternehmen sichern sich so Transportkapazitäten, die auf der reinen Straße durch den demografischen Wandel der Fahrerschaft zunehmend wegbrechen.
Checkliste: Ist Ihre Fracht für die Schiene geeignet?
Nicht jede Sendung eignet sich für die Verlagerung; insbesondere extrem eilige oder kleinteilige Sendungen bleiben oft Domäne des Lkw. Bevor Sie Prozesse umstellen, sollten Sie eine ehrliche Bestandsaufnahme Ihrer Transportstruktur machen. Prüfen Sie Ihre Routen auf Regelmäßigkeit und Volumen, da der Kombinierte Verkehr von stabilen Abläufen lebt.
Stellen Sie sich folgende Fragen zur Machbarkeit:
- Distanz: Beträgt die Strecke zwischen Sender und Empfänger mindestens 500 km oder führt sie durch mautintensive Transitländer?
- Zeitfenster: Erlaubt die Lieferkette einen Tag mehr Laufzeit (oft A-C statt A-B Zustellung) zugunsten von Preis- und CO2-Stabilität?
- Volumen: Haben Sie regelmäßige Komplettladungen (FTL), die planbar sind, statt sporadischer Teilladungen?
- Equipment: Haben Sie Zugriff auf kranbare Trailer oder Container, oder sind Ihre Spediteure entsprechend ausgestattet?
Fazit und Ausblick: Mehr als nur eine grüne Alternative
Intermodaler Verkehr hat sich von einer reinen Umweltmaßnahme zu einer strategischen Notwendigkeit für versorgungssichere Lieferketten entwickelt. Wer Straße und Schiene smart kombiniert, macht sich unabhängiger von schwankenden Dieselpreisen, Staus und dem gravierenden Fahrermangel. Die anfängliche Komplexität bei der Planung weicht schnell einer hohen Routine, sobald die festen Fahrpläne in die eigenen Logistikprozesse integriert sind.
Zukünftig wird die Digitalisierung die Hürden weiter senken: Echtzeit-Tracking von Containern und automatisierte Buchungsplattformen machen den Zugang zur Schiene so einfach wie eine Lkw-Bestellung. Unternehmen, die jetzt Erfahrung mit intermodalen Konzepten sammeln, sichern sich langfristig Kapazitäten in einem Markt, in dem der reine Straßentransport zunehmend zum teuren Nischenprodukt für Eilsendungen werden dürfte.
