Transportlogistik

Interview mit Rui Macedo: „Wir haben keinen Fachkräftemangel in Deutschland“

Rui Macedo Geschäftsführer von Sievert Handel Transporte spricht mit „logistik journal“-Chefredakteur Tobias Rauser über die aktuelle Marktlage, die Treiber im Bereich Warehouse und den Kampf der Logistik um Fachkräfte.

18. Juni 2019
Interview mit Rui Macedo: „Wir haben keinen Fachkräftemangel in Deutschland“
Rui Macedo ist Geschäftsführer des Logistikdienstleisters Sievert Handel Transporte. (© Sievert)

Herr Macedo, wie ist zurzeit die Lage am Markt?

Sehr unterschiedlich. Im Bereich Transporte haben wir nach wie vor eine etwas angespannte Situation. Natürlich nach wie vor wegen der Thematik Berufskraftfahrer-Mangel, aber auch bei den Kapazitäten. Die Kapazitäten sind in den letzten zwei Jahren im Bereich gerade der losen Waren sehr eng, weil man Equipment nur mit einer Vorlaufzeit von derzeit circa 18 Monaten bekommt.

Und im Bereich der Lagerwirtschaft?

Hier ist die Lage für uns gut, weil Lagerfläche sehr, sehr stark nachgefragt wird. Wir stellen fest, dass gerade im Bereich der Logistik-Dienstleistungen der Kunde erwartet, dass man viel tiefer in seine Wertschöpfungskette eingreift und Lösungen anbietet. Zusammengefasst sind wir mit der Geschäftsentwicklung sehr zufrieden. Wir planen dieses Jahr etwa 14 Millionen mehr Umsatz und wollen bei 117 Millionen Euro landen. Davon wird dann die Hälfte preisgetrieben sein, die andere durch organisches Wachstum.

Ist die Angst vor der großen Rezession also nicht berechtigt?

Das würde eine differenzierte Antwort geben: wenn wir beispielsweise die Baustoff-Industrie sehen, dann schwächelt die schon extrem. Und auch sonst ist die Investitionsbereitschaft aufgrund der etwas unruhigen Lage, getrieben von den USA und China, eingetrübt. In anderen Bereichen, etwa Veredlung oder Kunststoff-Granulate, stellen wir fest, dass dort Wachstum herrscht. Im Bereich der Konsumgüter gibt es keine großartigen Veränderungen.

Was ist der Treiber im Bereich Warehouse?

Dort gewinnen die Themen Automatisierung, Digitalisierung und Prozessmanagement einen deutlichen höheren Stellenwert. Jeder kämpft ständig um Spezialisten. Wenn alle die gleichen Mitarbeiter brauchen, gibt es irgendwann einen Engpass. Zudem stellt man in den großen Konzernen fest, dass sie die Bereiche sauber trennen müssen. Auf der einen Seite die Produktentwicklung und Marketing, auf der anderen Seiten das Prozess- und Supply-Chain-Management sowie Distribution und der Transport zum Kunden. Den zweiten Teil möchten viele in eine Hand vergeben.

Bremst der Fachkräftemangel Ihr Wachstum?

Ja, auf jeden Fall. Wobei ich den Begriff Fachkräftemangel eher vermeide. Wir haben keinen Fachkräftemangel in Deutschland. Es ist aus meiner Sicht ganz einfach: Wir als Industrie und auch als Logistikbranche positionieren uns nicht ausreichend, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Diese sind ja da! Wir haben 2,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Wir haben zudem noch viel zu wenig Frauen in unserer Branche integriert. Kapazitäten gibt es also en masse. Wir alle, auch wir als Unternehmen, haben in den vergangenen Jahren geschlafen, weil es uns nicht gelungen ist, die Attraktivität des Fahrerberufs und anderer Tätigkeiten, den Mensch und die Wertschätzung für diesen Beruf tatsächlich in den Fokus zu rücken.

Wie kann sich das ändern?

Es ist ein Kulturwandel nötig. Wir müssen den Menschen in den Vordergrund stellen und nicht die Produkte im Unternehmen. Auch es geht auch nicht immer nur um wirtschaftliches Denken. Der Erfolg stellt sich automatisch ein, wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast, dann bist du auch erfolgreich.

Vielen Dank für das Gespräch!

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