Interview: Wo steht die Industrie in Sachen Digitalisierung?

Warum wir schneller werden müssen in der Digitalisierung und wie wichtig das Thema Kooperation für den Erfolg ist, sagt Andreas Weber, Vice-President Business Development bei Evonik und Vorsitzender des Vereins 4.OPMC, im Gespräch mit „logistik journal“-Chefredakteur Tobias Rauser.

20. Februar 2019
Andreas Weber ist Vice-President Business Development bei Evonik Technology & Infrastructure und 1. Vorsitzender des Vereins 4.OPMC. © 4.OPMC
Bild 1: Interview: Wo steht die Industrie in Sachen Digitalisierung? (Andreas Weber ist Vice-President Business Development bei Evonik Technology & Infrastructure und 1. Vorsitzender des Vereins 4.OPMC. © 4.OPMC)

Herr Weber, wo steht die Industrie heute in Sachen Digitalisierung?

Es existieren heute viele Projekte und Ansätze, die Digitalisierungselemente enthalten. Bereits jetzt ist deutlich sichtbar, dass sich Wertschöpfungsketten verändern. In vielen Industrien geschieht das sehr schnell, in anderen schleichend. Wir verschenken heute noch erhebliche Potentiale, weil wir nicht auf die Gesamtprozesskosten der Produktion und Technik schauen, sondern lokale Optima suchen. Die Digitalisierung bietet die Chance dazu, über Unternehmensgrenzen hinweg die beste Lösung zu finden. Viele Unternehmen erkennen noch nicht, dass genau dort die Welt „der schönen neuen Geschäftsmodelle“ liegt. Neue Geschäftsmodelle bedeuten aber auch, Altes nicht nur in Frage zu stellen und zu rechtfertigen, sondern in aller Konsequenz auch Altes hinter sich zu lassen. Hier braucht es einen Wandel der unternehmerischen Philosophie! Wir müssen schneller werden in der Umsetzung von Digitalisierung und Prozessverbesserung!

Wie steht Deutschland in der Welt da?

Deutschland ist im Gegensatz zu vielen Industrienationen ein Brownfield-Land. Wir haben über Jahrzehnte die Anlagen modifiziert und ertüchtigt und sie so zu immer mehr Effizienz und Effektivität gebracht. Unsere Stärke ist es, Standardprozesse ingenieurstechnisch zu durchdenken und umzusetzen. In anderen Ländern werden Prozesse schneller hinterfragt, aber auch Anlagen schneller ersetzt. Es ist sichtbar, dass in autokratischen Ländern die Digitalisierung deutlich schneller voran geht. Dort werden zum Beispiel Normen und Standards schneller und massiver umgesetzt und damit die Basis für eine schnelle Skalierung von Lösungen geschaffen. Widerstände werden schneller reduziert, da die Menschen die Veränderungen sehen und für sich die Vorteile ziehen, wissend, dass es sich nicht lohnt, gegen den Wandel zu wirken.

In Deutschland haben wir die Chance, auf Basis des soliden Prozesswissens die Entwicklungen zu gestalten. Dafür müssen wir aber auch die Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben, nutzen! Wir müssen unsere Produktivität erhöhen, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben.

Wieso läuft die Umsetzung der Digitalisierung oft so langsam?

Neben den Infrastrukturthemen wie Breitbandausbau ist es auch eine Kulturfrage. Zum einen ist die strukturierte Produktion immer mehr einer Innovationskraft der Digitalisierungsindustrie ausgesetzt. Diese produziert Soft- und Hardware mit einer extrem hohen Geschwindigkeit und Taktzahl an Lösungsansätzen. Dadurch ergibt sich eine große Bandbreite an Neuerungen, die in Vielzahl und Geschwindigkeit für den Einzelnen nicht mehr beherrschbar sind. Es bleibt kaum Zeit für Standards und Normen. Gesetzgebungen können sich nicht schnell genug entwickeln. Zum anderen spüren wir alle die massiven Veränderungen in unserem persönlichen Umfeld und fürchten ein stückweit die Transformation im beruflichen Umfeld. Das führt zu Beharrung und Widerstand, unterschiedlich ausgeprägt, aber wahrnehmbar. Unternehmen müssen besser verstehen, dass die Menschen das Transformationspotential sind und sie auf der Reise mitnehmen. Ein wesentlicher Grund ist, dass wir zwar über die „schöne neue Welt von Morgen“ nachdenken, dabei übersehen wir aber, dass wir in Deutschland Produktionsanlagen im Wert von 2,2 Billiarden Euro haben. Diese Anlagen müssen wir im Hinblick auf Technologie, Prozesse und die dort arbeitenden Menschen weiterentwickeln. Wir brauchen eine Transformationskultur! Wir müssen jetzt dem demografischen Wandel aktiv entgegentreten, ihn gestalten und unsere Fertigungsfähigkeiten ausbauen.

Wie wichtig ist dabei das Thema Kooperation?

Keiner kann die Menge und Komplexität der Themen alleine bewältigen! Es reicht dabei auch nicht, sich in Branchenverbänden oder bilateral mit Technologieanbietern auf die Suche nach Lösungsansätzen zu begeben. Wir brauchen eine breite Basis für Produktions- und Technikthemen, die es uns ermöglicht, die Rahmenbedingungen zu schaffen und die notwendigen Entwicklungen gemeinsam zu gestalten. Wir brauchen gewissermaßen eine Startup-Kultur auf Plattformebene. Die wichtigsten Stakeholder für Produktion und Technik, nämlich Anlagenbetreiber, Service- und Technologieanbieter, Forschung und Lehre sowie die Wirtschafts- und Fachverbände werden so vernetzt. Die dadurch gestalteten Lösungsansätze weisen der Forschung und Technologieentwicklung den Weg zu den Märkten von morgen.

Keiner wird die höchstmögliche Umsetzungsgeschwindigkeit alleine erreichen.

Daten und Prozessinformationen teilen – und gleichzeitig den eigenen Informationsvorsprung bewahren: Geht das überhaupt?

Es muss uns gelingen, dass wir unser Produktionswissen schützen, aber in den Nebenprozessen besser und schneller lernen. Wir können hier viel von unseren Nachbarländern Niederlande und Belgien lernen, in denen man offener im Austausch ist. Nicht jeder Wettersensor an einer Produktionsanlage ist eine schützenswerte Information, es geht ums Geben und Nehmen. Ich gebe beispielsweise zehn Lernvideos in einen Pool und bekomme Zugriff auf 1000 andere. Die großen Plattformen leben es uns vor, wir müssen es „nur“ kopieren. Wenn wir zum Beispiel über den Einsatz von Augmented-Reality-Brillen im industriellen Umfeld nachdenken, sind es wenige Prozesse, in denen sie genutzt werden. Der Brille ist es völlig gleich, ob Sie im Papierwerk, in der chemischen Produktion oder auf dem Bau eingesetzt wird. Die Umgebungsbedingungen müssen gegebenenfalls angepasst werden, die Prozesse sind oft sehr ähnlich. Je schneller wir miteinander die Themen gemeinsam erarbeiten, desto schneller ziehen wir einen Nutzen daraus.

Wir müssen lernen, im Kerngeschäft kein Know-how abzugeben, aber bei der Prozessoptimierung und der Gestaltung von neuen Prozessen von und mit anderen zu profitieren.

Welche Rolle wollen Sie und Ihr Verein 4.OPMC spielen?

Ziel von 4.OPMC ist es, eine offene Austauschplattform zu schaffen. Ein Netzwerk, in dem wir gemeinsam die richtigen Fragen finden und an der Beantwortung arbeiten. Ziel ist es, auf der politischen Landkarte Aufmerksamkeit für das Thema Transformation im Bestand zu erlangen. Die Stakeholder sind maßgeblich für den Erfolg der Transformation und damit der zentrale Pfeiler für die Sicherung des Produktionsstandortes Deutschland. Ziel ist es, sie zu vernetzen und auf gemeinsame Lernkurven zu bringen. Vom Start-Up zum Konzern, von Papier bis Lebensmittel, von IT zum Schraubenschlüssel. 4.OPMC will vernetzen, gestalten, wegweisen!

Vielen Dank für das Interview!

Andreas Weber ist Vice-President Business Development bei Evonik Technology & Infrastructure und 1. Vorsitzender des Vereins 4.OPMC. Weber ist unter anderem Keynote-Speaker zum Schwerpunktthema „Data Driven Services in der Prozessindustrie“ und Verfasser zahlreicher Fachbeiträge. Er hat zudem das Buch „Digitalisierung. Machen! Machen! Machen!“ im Springer-Gabler-Verlag veröffentlicht.